Die Zeitzeugenbefragung (Oral History) entwickelte sich ab den 1940er Jahren in den USA und wurde seit den 1970er Jahren in Europa auch zur Dokumentation von Geschichten marginalisierter Gruppen eingesetzt. Seit Mitte der 1980er Jahre wird sie in der Kirchengeschichtsdidaktik rezipiert, um den correlativen Ansatz des Religionsunterrichts zu unterstützen und Lernende zur kritischen Auseinandersetzung mit Biografien und Lebensentwürfen zu befähigen. Der Artikel unterscheidet zwei Interviewtypen: thematische Interviews zu spezifischen historischen Sachverhalten und biografische Interviews zur Lebensgeschichte im historischen Kontext. Positive Effekte sind die unmittelbarere Geschichtserfahrung, erhöhte Handlungsorientierung und die Einbeziehung außerschulischen Lebens, doch entstehen Schwierigkeiten durch das Glaubwürdigkeitsdilemma, wenn Schüler Zeitzeugenberichte als unmittelbare Wahrheit auffassen. Die Methode hat sich trotz Vorbehalten bezüglich Aufwand und Mindestzahl von Interviewpartnern im schulischen und kirchengeschichtlichen Unterricht etabliert. Ein strukturiertes Vorgehen mit Themenfindung, Auswahl geeigneter Zeitzeugen, Durchführung unter Beachtung von Gesprächsregeln und sorgfältiger Auswertung der aufgezeichneten Interviews ist unerlässlich. Die schulische Adaption unterscheidet sich von wissenschaftlicher Oral History-Forschung dadurch, dass sie Schüler zu kompetentem Umgang mit historischen Quellen befähigt, ohne selbst historische Forschung zu betreiben.