Der Artikel beschäftigt sich mit dem Einsatz von Digitorials und Erklärvideos im Religionsunterricht. Ausgangspunkt ist die zunehmende Bedeutung digitaler Lehrformate während der Coronakrise. Digitale Medien haben neue Möglichkeiten für schulisches Lernen eröffnet. Erklärvideos können dabei Vorträge von Lehrkräften teilweise ersetzen und ermöglichen den Lernenden ein selbstständigeres Lernen. Bei einer zeitlich unabhängigen Nutzung können die Lernenden beispielsweise selbst bestimmen, in welchem Tempo sie ein Video ansehen und einzelne Abschnitte wiederholen.
Erklärvideos sollen Verständnis fördern und Lernprozesse anregen. Während sie in anderen Unterrichtsfächern bereits häufiger eingesetzt werden, verbreiten sie sich im Religionsunterricht nach Darstellung des Artikels erst allmählich. Ein Grund dafür ist, dass ihre Produktion technische Kenntnisse erfordert. Gleichzeitig müssen sich Lehrkräfte intensiv und persönlich mit dem jeweiligen religiösen Gegenstand beschäftigen. Gerade darin liegt jedoch eine besondere Möglichkeit für den Religionsunterricht. Digitorials können einen geschützten Raum schaffen, in dem persönliche Glaubensfragen thematisiert werden. Zugleich können Erklärvideos solche Fragen so in das Unterrichtsgespräch einführen, dass Lernende nicht unmittelbar ihre persönlichen Überzeugungen offenlegen müssen.
Der Artikel erläutert zunächst die grundlegenden Merkmale eines guten Erklärvideos. Im Unterschied zu rein mündlichen oder schriftlichen Unterrichtserklärungen verbinden Videos Sprache und Bilder. Eine verbreitete Methode ist die Legetechnik. Dabei werden Figuren und Abbildungen ausgeschnitten und während der Aufnahme bewegt. Eine Stimme kommentiert das Geschehen. Figuren können so gestaltet werden, dass sie an die Lebenswelt der Lernenden anknüpfen. Alternativ können sich die Erklärenden selbst mit einer Kamera aufnehmen.
Für die Qualität eines Erklärvideos nennt der Artikel verschiedene Kriterien. Ein Video sollte nicht mit zu vielen Bildern und Texten überladen werden. Wesentliche Informationen müssen hervorgehoben werden. Sprache und Bilder sollen sinnvoll miteinander verbunden sein. Der Sprachstil sollte persönlich sein und die Inhalte sollten möglichst anschaulich und erzählerisch vermittelt werden. Außerdem benötigen die Lernenden ausreichende Informationen zum Kontext. Abstrakte Sachverhalte können durch Metaphern veranschaulicht werden.
Im zweiten Teil wird anhand eines konkreten Beispiels gezeigt, wie ein Digitorial geplant und produziert werden kann. Das ausgewählte Thema ist der Heilige Geist. Das Video richtet sich vor allem an Lernende im Grundschulalter sowie an Lernende der fünften und sechsten Klasse. Als Darstellungsform wurde die Legetechnik gewählt. Die größte inhaltliche Schwierigkeit bestand darin, aus der Vielzahl theologischer Aspekte zum Heiligen Geist einen geeigneten Schwerpunkt auszuwählen. Schließlich entschieden sich die Beteiligten dafür, die Vielfalt des Heiligen Geistes herauszustellen. Damit wird deutlich, dass die Produktion eines Erklärvideos auch eine intensive theologische Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand verlangt.
Für das Video wurde die fiktive Figur Otto entwickelt. Otto stellt die zentrale Frage, was der Heilige Geist eigentlich ist. Dadurch erhält das abstrakte theologische Thema einen lebensnahen Zugang. Nach der Erstellung des Drehbuchs begann die eigentliche Produktion. Bild und Ton wurden getrennt aufgenommen, weil es schwierig war, die Bilder gleichzeitig passend zum gesprochenen Text zu bewegen. Anschließend wurden die Tonaufnahme und verschiedene Geräusche mit dem Video verbunden. Die Produktion erforderte mehrere Versuche und sowohl eine intensive Auseinandersetzung mit dem theologischen Inhalt als auch technische Kenntnisse.
Im letzten Teil richtet sich der Blick auf die didaktischen Möglichkeiten im Religionsunterricht. Fertige Erklärvideos können zunächst gemeinsam mit den Lernenden untersucht werden. Dabei lässt sich beispielsweise überprüfen, ob sie bestimmte Qualitätskriterien erfüllen und ob wichtige Inhalte fehlen. Darüber hinaus können Lernende eigene Ideen für Erklärvideos entwickeln. Dabei müssen sich die Themen nicht auf klassische Wissensfragen beschränken. Gerade die großen theologischen Fragen eignen sich nach Auffassung des Artikels für diese Form des Lernens.
Für jüngere Lernende nennt der Artikel grundlegende Fragen wie die Frage danach, wie Gott aussieht, wie Gott ist und wo Gott wohnt. Daneben können schwierige Fragen zu biblischen Geschichten aufgegriffen werden. Genannt werden beispielsweise Davids Sieg über Goliat, Moses Tötung eines ägyptischen Aufsehers und Marias Aussage, sie habe den Herrn gesehen. Solche Fragen sollen nicht nur auf der Ebene des religiösen Wissens behandelt werden. Es geht ebenfalls darum, welche Bedeutung und Geltung religiöse Aussagen für Menschen besitzen.
Mit älteren Lernenden können anspruchsvollere theologische Gottesvorstellungen behandelt werden. Der Artikel nennt unter anderem Rudolf Bultmanns Verständnis Gottes als alles bestimmende Wirklichkeit, Wilfred Härles Vorstellung Gottes als schöpferischen Ursprung der Welt und Eberhard Jüngels Rede von Gott als Geheimnis der Welt. Ebenso kann diskutiert werden, ob Gott als Frau dargestellt werden kann. Darüber hinaus können Fragen nach der Bedeutung des christlichen Gottesverständnisses für gesellschaftliche Themen wie Flucht und Inklusion aufgegriffen werden.
Erklärvideos können schließlich dazu dienen, ein theologisches Gespräch vorzubereiten. Lehrkräfte können mögliche Gesprächsverläufe beispielsweise mithilfe von Mindmaps strukturieren. Auch andere Methoden können eingesetzt werden, um die Ergebnisse eines theologischen Gesprächs zu sichern. Der Artikel kommt damit zu dem Ergebnis, dass Digitorials nicht lediglich traditionelle Präsentationsformen digital ersetzen sollten. Ihr religionspädagogisches Potenzial besteht vor allem darin, neue Aufgabenformen zu ermöglichen und Lernende zur eigenständigen Auseinandersetzung mit religiösen und theologischen Fragen anzuregen.