Irmtraud Fischer setzt sich in ihrem Artikel kritisch mit der traditionellen Auslegung der Erzelternerzählungen in der Genesis auseinander. Sie stellt fest, dass die historisch kritische Forschung diese Texte lange mit einer einseitig männlichen Perspektive gelesen hat. Erzählungen über Männer wurden als wichtige politische und theologische Texte verstanden, während Erzählungen mit weiblichen Hauptfiguren häufig lediglich als Ergänzungen betrachtet wurden. Frauen erschienen dadurch als Begleiterinnen bedeutender Männer und nicht als eigenständige Trägerinnen der Geschichte Israels. Diese Sichtweise wirkte sich auch auf Gottesdienste und Schulbücher aus. Texte über Männer wurden bevorzugt behandelt, während biblische Frauen häufig nur als Ehefrauen männlicher Figuren oder in besonderen Abschnitten über Frauen der Bibel vorkamen.
Fischer stellt dieser Tradition eine andere Beobachtung gegenüber. In Genesis 12 bis 39 sind Frauen in zahlreichen Erzählungen zentrale Figuren. Deshalb schlägt sie vor, nicht mehr von Vätererzählungen oder Patriarchenerzählungen zu sprechen, sondern von Erzelternerzählungen. Dieser Begriff berücksichtigt Frauen und Männer gleichermaßen und verhindert, dass bereits durch die Bezeichnung der Texte eine männlich dominierte Perspektive vorgegeben wird.
Eine zentrale theologische Frage betrifft die göttlichen Verheißungen. Traditionell wurde argumentiert, die Zusagen Gottes richteten sich hauptsächlich an die männlichen Vorfahren Israels. Fischer weist jedoch darauf hin, dass bereits Hagar die Verheißung zahlreicher Nachkommen erhält. Zwar werden die Zusagen von Volk und Land sprachlich häufig an die Patriarchen gerichtet, daraus folgt für Fischer aber nicht, dass nur Männer Träger der Verheißung sind.
Besonders deutlich wird dies bei der Frage, wer die Verheißung weiterträgt. Abraham hat mit Hagar den Sohn Ismael. Nach patriarchalem Erbrecht wäre Ismael als Erstgeborener ein naheliegender Erbe. Die biblische Erzählung bestimmt jedoch Sara und ihren Sohn Isaak als entscheidend für die Fortführung der Verheißung. In der nächsten Generation zeigt sich ein ähnliches Muster. Nicht der Erstgeborene und Lieblingssohn des Vaters wird zum Träger der Verheißung, sondern Jakob, der bevorzugte Sohn Rebekkas. Auch in der folgenden Generation spielt mit Josef der erstgeborene Sohn Rahels eine besondere Rolle. Für Fischer zeigt sich darin, dass die Weitergabe der Verheißung gerade nicht ausschließlich nach den Regeln einer patriarchalen Erbfolge funktioniert.
Die Genesis stellt die Weitergabe der Verheißung damit nach Fischer als einen Vorgang dar, der menschliche und rechtliche Erwartungen durchbricht. Auch die Namensgebung ist von Bedeutung. In vielen Erzählungen sind es die Frauen, die den Kindern Namen geben und mit diesen Namen ihr eigenes Schicksal interpretieren. Die Frauen sind deshalb nicht lediglich für die biologische Fortsetzung der Familie zuständig, sondern wirken aktiv an der theologischen Deutung der Familiengeschichte mit.
Eine weitere wichtige Beobachtung betrifft den Namen Israel. Jakob erhält diesen Namen nach seinem Kampf am Jabbok. Er wird als Gottesstreiter beschrieben, der mit Gott und Menschen gekämpft hat. Fischer stellt diesem Kampf den vorher erzählten Kampf Rahels und Leas um Nachkommenschaft gegenüber. Aus den Kindern dieser Frauen entsteht schließlich das Zwölfstämmevolk Israel. Fischer fasst die unterschiedliche Rolle so zusammen, dass die Frauen gewissermaßen das Volk und Jakob das Land erkämpfen. Beide zentralen Inhalte der Verheißung, Volk und Land, sind damit mit weiblichen und männlichen Figuren verbunden.
Dass spätere Leser dennoch häufig die Männer als bedeutender wahrnahmen, erklärt Fischer unter anderem mit der sogenannten Vätertrias Abraham, Isaak und Jakob. Im weiteren Verlauf des Pentateuchs wird Gott als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bezeichnet. Diese Formulierung beeinflusste nach Fischer rückwirkend die Wahrnehmung der Genesis und führte dazu, dass die Väter stärker in den Mittelpunkt gestellt wurden als die Mütter. Die einseitig männliche Wahrnehmung ist für Fischer deshalb nicht aus den Erzelternerzählungen selbst abzuleiten.
Im letzten Teil untersucht Fischer die Erzählungen im Hinblick auf Geschlechterstereotype. Obwohl die Texte in einer patriarchalen Gesellschaft entstanden sind, entsprechen ihre Figuren nicht einfach traditionellen Vorstellungen von Männern und Frauen. Die Ahnfrauen werden nicht als passive, gehorsame Ehefrauen dargestellt. Sie widersprechen ihren Männern, treffen eigene Entscheidungen und setzen ihre Interessen durch. Hagar wehrt sich gegen Unterdrückung, Sara kämpft um ihre gesellschaftliche Stellung und Rebekka handelt selbstständig, um das durchzusetzen, was sie als richtig erkannt hat. Die Frauen beeinflussen damit wesentlich die Entwicklung ihrer Familien und den Fortgang der biblischen Geschichte.
Auch die Männer entsprechen nicht durchgehend traditionellen männlichen Rollenbildern. Sie werden nicht ausschließlich als stark, souverän und entscheidungsfreudig beschrieben. Männer kümmern sich um Gastfreundschaft und kochen, zeigen aber auch Angst, Unsicherheit und moralisches Fehlverhalten. Frauen und Männer besitzen in den Erzählungen sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Beide streiten, täuschen andere Menschen und versuchen, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Fischer zeigt damit, dass die Genesis menschliches Verhalten nicht eindeutig bestimmten Geschlechterrollen zuordnet.
Besonders wichtig ist die religiöse Gleichstellung. Menschen beider Geschlechter werden zu Adressaten von Gottes Worten, begegnen göttlichen Boten, rufen Gott um Hilfe an und danken für erfahrene Rettung. Fischer betont, dass solche Aussagen im gesellschaftlichen Kontext des Alten Orients besonders bemerkenswert sind. Die Genesis entstand zwar innerhalb patriarchaler Strukturen, enthält jedoch zahlreiche Erzählungen, die diese Strukturen durchbrechen oder infrage stellen.
Fischer kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass die Erzelternerzählungen ohne die Geschichten der Frauen nicht angemessen verstanden werden können. Eine Auslegung, die sich hauptsächlich auf Abraham, Isaak und Jakob konzentriert, übersieht wesentliche theologische Aussagen der Genesis. Die ähnliche Darstellung männlicher und weiblicher Figuren begründet nach ihrer Interpretation keine Überlegenheit der Männer. Vielmehr erkennt Fischer darin eine Egalität der Geschlechter. Damit fordert der Artikel zu einer Bibelauslegung auf, die Frauen und Männer gleichermaßen als handelnde und theologisch bedeutsame Figuren wahrnimmt.