Der Fachartikel von Julia Höke und Gregor Buß beschäftigt sich mit der Frage, wie Studierende der Kindheitspädagogik auf die Herausforderungen religiöser Bildung in Kindertageseinrichtungen vorbereitet werden können. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass gesellschaftliche Entwicklungen wie Säkularisierung, Individualisierung und zunehmende religiöse Vielfalt neue Anforderungen an pädagogische Fachkräfte stellen. Kinder wachsen in unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Zusammenhängen auf. Während einige Familien christliche, muslimische oder andere religiöse Traditionen pflegen, leben andere ohne religiöse Bindung. Pädagogische Fachkräfte müssen deshalb in der Lage sein, religiöse Unterschiede wahrzunehmen, wertzuschätzen und angemessen in ihre Bildungsarbeit einzubeziehen. Dies betrifft beispielsweise die Gestaltung religiöser Feste, die Berücksichtigung religiöser Speisevorschriften und den Umgang mit verschiedenen Glaubensvorstellungen.
Religiöse Bildung gehört in den meisten Bundesländern zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen. Sie ist häufig mit ethischer Bildung, Werteorientierung und Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens verbunden. Dieser Auftrag betrifft nicht nur Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft, sondern auch konfessionell ungebundene Kindertageseinrichtungen. Die Autorenschaft betont, dass religiöse Bildung nicht auf die Vermittlung religiöser Traditionen oder Glaubensinhalte reduziert werden darf. Vielmehr soll sie die Fragen, Erfahrungen und Vorstellungen der Kinder aufgreifen. Kinder beschäftigen sich bereits früh mit grundlegenden existenziellen Fragen. Sie möchten beispielsweise wissen, warum Menschen unterschiedlich sind, weshalb Gott unsichtbar ist, woher die Welt kommt oder was nach dem Tod geschieht. Solche Fragen lassen sich nicht ausschließlich naturwissenschaftlich beantworten. Sie eröffnen Möglichkeiten, gemeinsam über Religion, Weltanschauungen, menschliche Existenz und unterschiedliche Deutungen des Lebens nachzudenken.
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass pädagogische Fachkräfte auf diese Fragen nicht mit vorschnellen oder allgemeingültigen Antworten reagieren sollen. Stattdessen sollen sie die Gedanken der Kinder ernst nehmen, unterschiedliche Perspektiven zulassen und gemeinsame Denkprozesse ermöglichen. Dazu benötigen sie sowohl religionspädagogisches Fachwissen als auch die Fähigkeit, die eigenen religiösen Vorstellungen kritisch zu reflektieren. Persönliche Glaubensüberzeugungen können dabei eine hilfreiche Orientierung bieten, aber auch Unsicherheiten oder Vorurteile hervorrufen. Ebenso können Fachkräfte ohne eigene religiöse Bindung Schwierigkeiten haben, religiöse Themen authentisch aufzugreifen. Die Autorenschaft hebt deshalb die Bedeutung von Religionssensibilität, interreligiöser Kompetenz und biographischer Selbstreflexion hervor. Pädagogische Fachkräfte sollen sich ihrer eigenen Haltung bewusst sein, ohne diese den Kindern aufzudrängen.
Vor diesem Hintergrund wird die Ausbildung angehender Kindheitspädagoginnen und Kindheitspädagogen betrachtet. Das Studium soll nicht nur wissenschaftliches Wissen vermitteln, sondern auch die Entwicklung professioneller Handlungskompetenzen unterstützen. Gerade im Bereich religiöser Bildung ist die Verbindung zwischen theoretischen Erkenntnissen, persönlichen Erfahrungen und praktischen Handlungsmöglichkeiten besonders wichtig. Die Studierenden bringen unterschiedliche religiöse Sozialisationen und Weltanschauungen mit. Daher müssen Lehrveranstaltungen Möglichkeiten eröffnen, sich mit den eigenen religiösen Erfahrungen auseinanderzusetzen, Unsicherheiten wahrzunehmen und eine professionelle Haltung zu entwickeln. Gleichzeitig sollen die Studierenden lernen, religiöse Bildungsprozesse kindgerecht, dialogorientiert und unter Berücksichtigung religiöser Vielfalt zu gestalten.
Die Autorenschaft beschreibt dazu eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Konzepte der religiösen Bildung und Erziehung“, die im dritten Semester des Studiengangs Kindheitspädagogik durchgeführt wurde. Die Veranstaltung verband theologische und kindheitspädagogische Perspektiven. Zu Beginn beschäftigten sich die Studierenden mit ihrer eigenen religiösen Biographie. Anschließend wurden theoretische Modelle zur Entwicklung religiöser Vorstellungen bei Kindern behandelt. Weitere Themen waren das Recht des Kindes auf Religion nach Artikel 14 der Kinderrechtskonvention, die Bedeutung religiöser Bildung in den Bildungsplänen, der Zusammenhang zwischen Religion, Identitätsentwicklung und Resilienz sowie die Förderung von Toleranz und Werteorientierung durch interreligiöse Bildung. Darüber hinaus wurde diskutiert, wie religiöse Themen im Alltag von Kindertageseinrichtungen aufgegriffen und wie Eltern mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen respektvoll einbezogen werden können.
Ein besonderer Bestandteil der Lehrveranstaltung war die Entwicklung einer sogenannten Dialogbox. Dieses von Dörte Weltzien entwickelte Konzept sieht vor, verschiedene Materialien in einer Kiste zusammenzustellen, die Kinder zum Entdecken, Spielen, Nachdenken und Sprechen anregen. Die Dialogbox soll nicht nur Informationen vermitteln, sondern gemeinsame Gespräche und Denkprozesse ermöglichen. Grundlage ist ein Bildungsverständnis, das Kinder als aktive und kompetente Gestalter ihrer Lernprozesse betrachtet. Die Studierenden erhielten die Aufgabe, selbstständig eine Dialogbox zu einem religiösen oder religionspädagogischen Thema zu entwickeln, passende Materialien auszuwählen und mögliche Bildungsziele zu formulieren. Die fertigen Dialogboxen wurden am Ende des Seminars vorgestellt und gemeinsam reflektiert. Durch diese Aufgabe sollten die Studierenden ihre theoretischen Kenntnisse vertiefen, eigene Vorstellungen hinterfragen und konkrete Möglichkeiten für die spätere pädagogische Praxis entwickeln.
Zur Untersuchung der Wirksamkeit dieses Lehrkonzepts führten die Autorenschaft eine explorative Befragung durch. An den beiden Lehrveranstaltungen in den Wintersemestern 2023/2024 und 2024/2025 nahmen insgesamt 30 Studierende teil. Davon füllten 27 Personen einen anonymen Fragebogen vollständig aus. Der Fragebogen enthielt sowohl geschlossene Bewertungsfragen als auch offene Fragen zu persönlichen Erfahrungen, zur Bedeutung religiöser Bildung und zur Arbeit mit der Dialogbox. Die quantitativen Ergebnisse wurden deskriptiv ausgewertet und durch eine qualitative Analyse der offenen Antworten ergänzt. Untersucht wurde insbesondere, welche persönlichen Beziehungen die Studierenden zum Thema Religion haben, wie sie die Bedeutung religiöser Bildung für ihren späteren Beruf einschätzen und welchen Beitrag die Dialogbox zur fachlichen und persönlichen Auseinandersetzung leisten kann.
Die Ergebnisse zeigen zunächst eine große Vielfalt religiöser Erfahrungen und Einstellungen unter den Studierenden. Viele waren in ihrer Kindheit christlich geprägt worden, hatten im Erwachsenenalter jedoch nur noch eine geringe Bindung an die Kirche. Andere waren ohne religiöse Erziehung aufgewachsen oder orientierten sich an unterschiedlichen religiösen und spirituellen Vorstellungen. Einzelne Studierende gehörten muslimischen oder anderen religiösen Gemeinschaften an. Diese Unterschiede beeinflussten teilweise die Einschätzung der beruflichen Bedeutung religiöser Bildung. Studierende mit einem stärkeren persönlichen Bezug zur Religion bewerteten die Relevanz religiöser Bildung häufig höher. Allerdings gab es auch deutliche Ausnahmen. Einige Studierende ohne religiöse Bindung entwickelten durch das Seminar ein stärkeres Interesse an religiösen Fragen. Andere mit ausgeprägten persönlichen Glaubensüberzeugungen empfanden es als schwierig, allen religiösen und nichtreligiösen Perspektiven gleichermaßen gerecht zu werden.
Die offenen Antworten verdeutlichen, dass religiöse Bildung von den Studierenden nicht grundsätzlich abgelehnt wurde, auch wenn persönliche Unsicherheiten bestanden. Besonders positiv wurde die Erkenntnis bewertet, dass religiöse Bildung nicht ausschließlich christliche Glaubensvermittlung bedeutet, sondern auch die Beschäftigung mit unterschiedlichen Religionen, Werten und existenziellen Fragen einschließt. Die Studierenden erkannten, dass sie als pädagogische Fachkräfte nicht selbst religiös sein müssen, um religiöse Bildungsprozesse zu begleiten. Entscheidend ist vielmehr, eine offene, respektvolle und reflektierte Haltung einzunehmen und die unterschiedlichen Perspektiven der Kinder zu berücksichtigen.
Die Dialogbox wurde von den Studierenden insgesamt sehr positiv bewertet. Auf einer fünfstufigen Bewertungsskala erreichte sie hinsichtlich ihrer allgemeinen pädagogischen Eignung einen Mittelwert von 4,35. Auch ihre besondere Eignung für religiöse Bildung wurde mit einem Mittelwert von 4,09 positiv eingeschätzt. Die Studierenden sahen in der Methode eine gute Möglichkeit, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, deren Interessen aufzugreifen und unterschiedliche Zugänge zu einem Thema zu eröffnen. Gleichzeitig regte die eigenständige Gestaltung der Materialien dazu an, sich intensiver mit den Inhalten des Seminars und mit der eigenen pädagogischen Haltung auseinanderzusetzen.
Die entwickelten Dialogboxen behandelten sehr unterschiedliche Themen. Einige konzentrierten sich auf bestimmte religiöse Traditionen und Inhalte, beispielsweise Weihnachten, das Zuckerfest, Erzengel oder den russisch orthodoxen Glauben. Andere beschäftigten sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Religionen, etwa mit Gebetsritualen, religiösen Speisevorschriften, Festen oder der Goldenen Regel. Weitere Dialogboxen griffen Themen wie Frieden, Konflikte, Gefühle, Schutzengel und Glücksbringer auf. Einzelne Arbeiten orientierten sich besonders deutlich an existenziellen Fragen von Kindern, beispielsweise daran, wo Gott wohnt oder woher die Welt kommt. Diese Vielfalt zeigt, dass religiöse Bildung sowohl über religiöses Sachwissen als auch über persönliche Erfahrungen, ethische Fragen und gemeinsames Philosophieren erschlossen werden kann.
Die Analyse der Dialogboxen macht außerdem unterschiedliche religionspädagogische Zugänge sichtbar. Während einige Studierende vor allem Wissen über Religionen vermitteln wollten, stellten andere die Gefühle, Erfahrungen und Fragen der Kinder in den Mittelpunkt. Alle entwickelten Boxen enthielten Materialien, die neben Gesprächen auch spielerische und entdeckende Aktivitäten ermöglichten. Dazu gehörten beispielsweise Figuren, Kerzen, Wasser, Räucherstäbchen oder selbst gestaltete Spiele. Die Studierenden betonten insbesondere die kreativen Gestaltungsmöglichkeiten und die Chance, mit kleineren Kindergruppen intensiv über ein Thema nachzudenken. Die Präsentationen im Seminar boten zudem Gelegenheit, die Auswahl der Materialien, die formulierten Bildungsziele und mögliche Reaktionen der Kinder kritisch zu hinterfragen.
Ein wesentliches Ergebnis der Untersuchung besteht darin, dass die Arbeit mit der Dialogbox auch Studierenden mit geringem persönlichem Bezug zur Religion einen Zugang zu religiösen Bildungsthemen eröffnen konnte. Die Entwicklung der Materialien erforderte eine erneute Beschäftigung mit theoretischen Inhalten und eine Überlegung, wie diese in konkrete pädagogische Situationen übertragen werden können. Dadurch entstanden Verbindungen zwischen wissenschaftlichem Wissen, eigenen Erfahrungen und möglichen Handlungssituationen im Berufsalltag. Die positiven Einschätzungen deuten darauf hin, dass die Methode Selbstreflexion und professionelle Weiterentwicklung unterstützen kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass nicht jede Themenwahl automatisch zu einer vertieften Auseinandersetzung mit religiösen Fragen führt. Insbesondere bei eher allgemeinpädagogischen Themen kann der konkrete religiöse Bezug schwach ausgeprägt bleiben.
Die Untersuchung zeigt damit das Potenzial einer handlungsorientierten und reflexiven Hochschullehre. Die Dialogbox bietet eine Möglichkeit, abstrakte religionspädagogische Konzepte in konkrete Bildungsangebote zu übersetzen und dabei die eigenen Voraussetzungen und Unsicherheiten zu reflektieren. Allerdings lassen sich aus der kleinen Stichprobe und der subjektiven Einschätzung der Studierenden keine allgemeingültigen Aussagen über die tatsächliche Wirksamkeit der Methode ableiten. Ebenso ist damit noch nicht nachgewiesen, wie erfolgreich die entwickelten Dialogboxen im praktischen Einsatz mit Kindern sind. Die Ergebnisse liefern vielmehr erste Hinweise darauf, dass die Methode einen sinnvollen Beitrag zur Professionalisierung angehender pädagogischer Fachkräfte leisten kann.
Für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte ist besonders bedeutsam, dass religiöse Bildung als offener Bildungsprozess verstanden wird, der an den Fragen und Lebenswelten der Kinder ansetzt. Eine gelingende religionspädagogische Arbeit setzt nicht voraus, dass alle Beteiligten dieselben Glaubensüberzeugungen teilen. Vielmehr kommt es darauf an, unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Sichtweisen anzuerkennen, eigene Überzeugungen kritisch zu reflektieren und Kindern Raum für selbstständiges Denken zu geben. Die Dialogbox kann dabei als methodischer Zugang dienen, um religiöse und existenzielle Fragen anschaulich, spielerisch und dialogorientiert zu bearbeiten. Der Fachartikel verdeutlicht somit, dass eine professionelle religiöse Bildung sowohl fundiertes Fachwissen als auch persönliche Reflexionsfähigkeit, Offenheit und die Bereitschaft zum gemeinsamen Nachdenken erfordert.