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Hildegard von Bingen: Zehn Jahre Kirchenlehrerin

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel „Hildegard von Bingen: Zehn Jahre Kirchenlehrerin“ von Hildegard von Bingen ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst etwa drei Seiten (S. 81–83). Anlass ist das zehnjährige Jubiläum ihrer Ernennung zur Kirchenlehrerin durch Papst Benedikt XVI. im Jahr 2012. Der Artikel zeigt, dass Hildegards Theologie stark im mittelalterlichen Denken verwurzelt ist und dennoch heute inspirierend sein kann. Behandelt werden zentrale theologische Probleme wie das Verhältnis von Mensch und Schöpfung, die Bedeutung der Menschwerdung Christi, die Rolle der Frau in der Kirche sowie das Verständnis von Heil und Heilung in der Schöpfung.

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Der Artikel würdigt Hildegard von Bingen zehn Jahre nach ihrer Ernennung zur Kirchenlehrerin und betont, dass sie eine herausragende Lehrerin des zwölften Jahrhunderts ist, deren Denken stark von ihrer Zeit geprägt ist. Gerade weil ihre Theologie mittelalterlich ist, kann sie dennoch für heutige Glaubensfragen inspirierend sein. Die Autorin zeigt anhand mehrerer Beispiele, dass Hildegards Gedankenwelt nicht einfach modernisiert werden darf, sondern in ihrem historischen Kontext verstanden werden sollte.

Ein zentrales Thema ist Hildegards Verständnis der Schöpfung. Sie beschreibt die Welt als ein Netzwerk von Beziehungen zwischen Mikro und Makrokosmos, in dessen Mitte der Mensch steht. Dieser anthropozentrische Ansatz bedeutet jedoch keine Herrschaft des Menschen über die Natur ohne Verantwortung. Der Mensch ist Teil der Schöpfung und trägt Verantwortung für sie. Wenn er sie zerstört oder ausbeutet, schadet er letztlich sich selbst. Dieses Denken ist vom christlichen Neuplatonismus geprägt. Hildegard verwendet Begriffe wie Emanation und Rückführung. Gott teilt seine Schönheit mit der Schöpfung und führt alles Geschaffene wieder zu sich zurück. Dabei bleibt die Schöpfung von Gott unterschieden, ist aber zugleich von ihm durchdrungen. Hildegard versteht die Welt daher panentheistisch als Schöpfung, in der Gott gegenwärtig ist.

Ein weiteres theologisches Thema betrifft die Frage nach der Menschwerdung Gottes. In der westlichen Theologie wurde später oft betont, dass Gott Mensch wurde, um die Menschen von der Sünde zu erlösen. Hildegard setzt einen anderen Schwerpunkt. Für sie gehört die Menschwerdung von Anfang an zu Gottes Plan. Gott wollte eine besonders enge Verbindung zwischen Schöpfer und Geschöpf herstellen. Deshalb wäre Christus nach Hildegards Auffassung sogar Mensch geworden, wenn es den Sündenfall nicht gegeben hätte. Die Inkarnation erscheint bei ihr daher nicht nur als Reparatur der Sünde, sondern als Ausdruck der Liebe Gottes zur gesamten Schöpfung.

Der Artikel thematisiert auch Hildegards Aussagen über Frauen. Obwohl sie heute häufig als emanzipierte Frau dargestellt wird, äußert sie in ihrem Werk Scivias die Überzeugung, dass Frauen nicht zum priesterlichen Altardienst zugelassen werden sollen. Gleichzeitig beschreibt sie die Frau häufig als schwach oder weich. Diese Aussagen werden im Artikel differenziert betrachtet. Hildegard verbindet Schwäche mit einer besonderen theologischen Bedeutung. Gott wählt in der Bibel gerade das Schwache aus, um das Starke zu überwinden. Die Menschwerdung Gottes geschieht durch das Ja einer Frau. Zudem interpretiert Hildegard die biblische Schöpfungsgeschichte so, dass Eva in einem einzigen göttlichen Schöpfungsakt vollständig geschaffen wurde. Dadurch kann sie die Menschheit repräsentieren. In verschiedenen Textstellen spricht Hildegard sowohl Männern als auch Frauen eine Beziehung zur Christusrepräsentanz zu. Daraus ergibt sich ein vielfältigeres Bild der Tradition als oft angenommen.

Ein weiterer Teil des Artikels behandelt Hildegards Ruf als Heilkundige. Zwar werden ihr zahlreiche naturkundliche und medizinische Werke zugeschrieben, doch ist ihre Autorschaft nicht in allen Fällen eindeutig gesichert. Viele moderne Ratgeber über Ernährung oder Heilmittel lassen sich daher nur bedingt auf sie zurückführen. Dennoch spielt der Gedanke der Heilung in ihrer Theologie eine wichtige Rolle. Heilung versteht sie nicht nur medizinisch, sondern als umfassendes Heil der gesamten Schöpfung.

Besonders deutlich zeigt sich dieses Verständnis am Symbol der Edelsteine. In der Bibel stehen Edelsteine sowohl für den Ursprung der Schöpfung im Paradies als auch für die Vollendung im himmlischen Jerusalem. Hildegard verbindet diese biblischen Motive mit der Heilsgeschichte. In der Auslegung der Klage über den König von Tyrus sieht sie einen Hinweis auf den gefallenen Engel Lucifer, der seinen Schmuck aus Edelsteinen verlor. Christus hingegen erscheint als wahrer Lichtträger, dessen Wunden wie Edelsteine leuchten. Diese Edelsteine stehen für die verwandelten Wunden der Schöpfung. Heilung bedeutet deshalb nicht das bloße Beseitigen von Leiden, sondern eine Verwandlung durch Gottes Gnade.

Am Ende betont der Artikel, dass Hildegard nicht einfach als moderne Denkerin verstanden werden sollte. Vielmehr kann ihre mittelalterliche Theologie dazu anregen, neue Antworten auf heutige Glaubensfragen zu entwickeln. Wer sich mit ihren Texten beschäftigt, entdeckt, dass es in der christlichen Tradition oft mehrere mögliche Antworten auf zentrale Fragen des Glaubens gibt.

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