Colin P. Clarke und Clara Broekaert untersuchen in ihrem Fachartikel die historischen Ursprünge, ideologischen Grundlagen und aktuellen Entwicklungen des globalen Islamismus. Dabei konzentrieren sie sich insbesondere auf den salafistischen Dschihadismus und seine bedeutendsten Organisationen. Die Autoren verstehen Islamismus grundsätzlich als die Übertragung islamischer Prinzipien und Traditionen auf politische Ideologien und Zielsetzungen. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen Bewegungen, die eine politische und gesellschaftliche Ordnung nach ihrer jeweiligen Auslegung islamischer Glaubensvorstellungen errichten wollen und dabei teilweise Gewalt als religiös legitimiertes Mittel betrachten.
Die ideengeschichtlichen Wurzeln des globalen Islamismus reichen nach Darstellung der Autoren bis zu dem islamischen Gelehrten Ibn Taymiyyah im 13. Jahrhundert zurück. Dieser beschäftigte sich insbesondere mit der Frage, wie politische Herrschaft mit der Scharia in Einklang gebracht werden könne. Seine Vorstellungen beeinflussten später konservative islamische Strömungen wie den Wahhabismus, der besonders durch Saudi Arabien internationale Verbreitung fand. Als eigentlicher Ausgangspunkt des modernen Islamismus gilt jedoch die Gründung der Muslimbruderschaft durch Hasan al Banna im Jahr 1928 in Ägypten. Die Organisation wollte islamische Werte erneuern und den Einfluss der Religion auf das private und öffentliche Leben stärken. Vor dem Hintergrund kolonialer Fremdherrschaft und säkularer Politik entwickelte sie sich zu einer einflussreichen religiösen und politischen Bewegung.
Eine zentrale Rolle für die spätere Radikalisierung spielte der ägyptische Islamist Sayyid Qutb. Seine Vorstellungen beeinflussten führende Vertreter des internationalen Dschihadismus, darunter Osama bin Laden und Aiman al Sawahiri. Besonders die Ablehnung säkularer Herrschaft und die Vorstellung einer umfassenden islamischen Ordnung wurden zu wichtigen ideologischen Grundlagen militanter Bewegungen. Staatliche Unterdrückung und politische Konflikte verstärkten innerhalb der Muslimbruderschaft und ihres ideologischen Umfelds die Bereitschaft, politische Veränderungen auch durch Gewalt anzustreben.
Die Autoren unterscheiden drei grundlegende Strömungen des Salafismus. Der quietistische Salafismus konzentriert sich vor allem auf persönliche Frömmigkeit und religiöse Lebensführung. Der politische Salafismus verfolgt gesellschaftliche und staatliche Veränderungen durch politische Aktivitäten. Der dschihadistische Salafismus betrachtet dagegen den bewaffneten Kampf als notwendiges oder religiös verpflichtendes Mittel zur Durchsetzung seiner Vorstellungen. Alle drei Richtungen orientieren sich am Ideal der frühen muslimischen Generationen, unterscheiden sich jedoch erheblich in ihren politischen Zielsetzungen und im Umgang mit Gewalt. Der Artikel konzentriert sich besonders auf jene extremistischen Gruppen, die den bewaffneten Dschihad als entscheidendes Mittel zur Verteidigung und Wiederherstellung einer vermeintlich authentischen islamischen Ordnung verstehen.
Eine wichtige Grundlage des modernen globalen Dschihadismus bildeten die Vorstellungen des palästinensischen Islamisten Abdullah Azzam. Er kritisierte die überwiegend nationale Ausrichtung der Muslimbruderschaft und entwickelte eine internationale Perspektive des bewaffneten Kampfes. Nach seiner Auffassung sollten Muslime weltweit verpflichtet sein, muslimische Gebiete gegen äußere Feinde zu verteidigen. In einer religiösen Stellungnahme aus dem Jahr 1984 erklärte er die Verteidigung muslimischer Länder zu einer persönlichen Glaubenspflicht. Seine Überlegungen beeinflussten die ideologische Entwicklung von Al Qaida und trugen dazu bei, den bewaffneten Dschihad als grenzüberschreitende religiöse Verpflichtung darzustellen.
Ein entscheidender historischer Wendepunkt war die sowjetische Invasion in Afghanistan im Jahr 1979. Der anschließende Krieg zog zahlreiche muslimische Freiwillige aus verschiedenen Ländern an und begünstigte die Entstehung internationaler dschihadistischer Netzwerke. Osama bin Laden unterstützte gemeinsam mit Abdullah Azzam die Anwerbung und Organisation ausländischer Kämpfer. Aus diesen Strukturen entwickelte sich 1988 Al Qaida. Die afghanischen Widerstandsgruppen erhielten während des Krieges umfangreiche Unterstützung durch die Vereinigten Staaten, Saudi Arabien und Pakistan. Die dabei entstandenen Netzwerke bildeten eine wichtige Grundlage für die spätere internationale Ausbreitung des militanten Islamismus.
Al Qaida entwickelte eine Ideologie, die insbesondere die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten als Feinde der muslimischen Welt betrachtete. Osama bin Laden rechtfertigte den bewaffneten Kampf mit der amerikanischen Militärpräsenz in Saudi Arabien, der Unterstützung Israels und weiteren politischen Konflikten im Nahen Osten. Die Organisation stellte Gewalt als notwendige Verteidigung des Islams dar und verband religiöse Argumente mit politischen Zielen. Dabei entwickelte sich eine internationale Strategie, die nicht nur auf einzelne muslimische Staaten, sondern auf westliche Mächte und deren Einfluss in der islamischen Welt gerichtet war.
Eine enge Verbindung bestand zwischen Al Qaida und den Taliban in Afghanistan. Die Taliban entstanden im Umfeld des afghanischen Bürgerkriegs und übernahmen Mitte der 1990er Jahre die Herrschaft über große Teile des Landes. Ihre Ideologie ist durch den Deobandismus, die Ablehnung westlicher und atheistischer Einflüsse sowie die Bereitschaft zur gewaltsamen Durchsetzung ihrer religiösen Ordnung geprägt. Die Taliban errichteten ein Islamisches Emirat, dessen Herrschaft auf einer besonders strengen Auslegung der Scharia beruhte. Dies zeigte sich unter anderem in weitreichenden Einschränkungen der Rechte von Frauen, religiösen Kleidungsvorschriften und der Kontrolle des öffentlichen Lebens durch eine Religionspolizei.
Die Taliban ermöglichten Al Qaida in Afghanistan den Aufbau terroristischer Strukturen und die Planung internationaler Anschläge. Im Gegenzug unterstützte Al Qaida die Taliban finanziell und militärisch. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verweigerten die Taliban die Auslieferung Osama bin Ladens. Dies führte zur amerikanischen Militärintervention und zum Sturz ihrer Regierung. Im August 2021 übernahmen die Taliban erneut die Macht in Afghanistan. Nach Darstellung der Autoren setzen sie weiterhin eine autoritäre religiöse Herrschaft durch, verweigern Frauen grundlegende Rechte und bieten internationalen terroristischen Organisationen Rückzugsmöglichkeiten.
Innerhalb des globalen Dschihadismus entstanden unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie islamistische Ziele erreicht werden sollten. Einige Ideologen befürworteten dezentrale Netzwerke und einen langfristigen internationalen Kampf. Andere verlangten die Eroberung bestimmter Gebiete und die Errichtung eigener staatlicher Herrschaftsstrukturen. Besonders die Vorstellungen Abu Bakr Najis beeinflussten die spätere Strategie des Islamischen Staates. Er entwickelte die Idee, durch die Kontrolle von Territorien politische Macht zu gewinnen, staatliche Strukturen aufzubauen und die Scharia unmittelbar durchzusetzen.
Der Islamische Staat entwickelte sich nach Darstellung der Autoren zu einer besonders radikalen und gewalttätigen Organisation des salafistischen Dschihadismus. Seine Ideologie beruhte auf einer extrem strengen Auslegung islamischer Quellen und dem Anspruch, die muslimische Glaubensgemeinschaft von vermeintlich falschen Glaubensvorstellungen zu reinigen. Dabei wurden auch andere Muslime als Ungläubige betrachtet und zum Ziel von Gewalt gemacht. Der Islamische Staat beanspruchte die alleinige religiöse Wahrheit und rechtfertigte seine brutalen Herrschaftsmethoden durch eine extremistische Interpretation der Scharia.
Mit der Eroberung der irakischen Stadt Mossul im Jahr 2014 und der Ausrufung eines Kalifats versuchte der Islamische Staat, seine religiösen und politischen Vorstellungen in einem eigenen Herrschaftsgebiet umzusetzen. Dazu gehörten verpflichtende religiöse Vorschriften, strenge Strafmaßnahmen, die Zerstörung religiöser Stätten und die gewaltsame Unterdrückung Andersdenkender. Die Organisation lehnte bestehende Nationalstaaten als künstliche koloniale Konstruktionen ab und strebte eine umfassende islamische Herrschaft an. Das ausgerufene Kalifat zog Anhänger aus zahlreichen Ländern an und entwickelte dadurch eine erhebliche internationale Wirkung.
Die Autoren verdeutlichen zugleich wichtige Unterschiede zwischen Al Qaida und dem Islamischen Staat. Während Al Qaida überwiegend auf langfristige ideologische Einflussnahme, internationale Netzwerke und die Zusammenarbeit mit lokalen Gruppierungen setzte, verfolgte der Islamische Staat eine Strategie unmittelbarer territorialer Eroberung und gewaltsamer Machtausübung. Er errichtete eigene Verwaltungsstrukturen und übernahm Aufgaben in den Bereichen Justiz, Sicherheit, Bildung und Infrastruktur. Seine Herrschaft beruhte jedoch wesentlich auf Zwang und Terror. Trotz der militärischen Zerschlagung seines Herrschaftsgebiets bleibt seine Ideologie nach Einschätzung der Autoren eine langfristige Gefahr, da die zeitweilige Errichtung eines Kalifats für extremistische Anhänger weiterhin symbolische Bedeutung besitzt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Entwicklung der syrischen Organisation Haiat Tahrir asch Scham, kurz HTS. Diese ging aus der ursprünglich mit Al Qaida verbundenen Al Nusra Front hervor. Im Verlauf des syrischen Bürgerkriegs löste sich die Organisation schrittweise von ihren früheren internationalen Bündnissen und konzentrierte sich zunehmend auf politische und militärische Ziele innerhalb Syriens. Die Autoren zeigen, dass diese Entwicklung von erheblichen ideologischen und strategischen Konflikten begleitet wurde. Während Al Qaida weiterhin einen internationalen Dschihad verfolgte, orientierte sich HTS stärker an der Errichtung einer islamisch geprägten politischen Ordnung in Syrien.
In den folgenden Jahren veränderte HTS ihre politische Strategie. Sie beteiligte sich an politischen Prozessen, akzeptierte bestimmte Waffenstillstandsvereinbarungen, unterstützte die Einrichtung einer technokratischen Regierung und bemühte sich um Kontakte zu westlichen Staaten. Im Dezember 2024 spielte die Organisation eine entscheidende Rolle beim Sturz des syrischen Machthabers Baschar al Assad und übernahm anschließend wesentliche Regierungsaufgaben. Die Autoren betrachten diese Entwicklung als Beispiel dafür, dass islamistische Organisationen ihre Ziele, Bündnisse und politischen Strategien verändern können. Gleichzeitig betonen sie, dass die langfristige Stabilität und internationale Anerkennung einer solchen Herrschaft zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels noch ungewiss waren.
Zusammenfassend verdeutlicht der Fachartikel, dass der globale Islamismus eine historisch gewachsene und ideologisch vielfältige Erscheinung ist. Obwohl die untersuchten Organisationen teilweise gemeinsame religiöse Bezugspunkte besitzen, unterscheiden sie sich deutlich in ihren politischen Zielsetzungen, ihrer geografischen Ausrichtung und ihren Vorstellungen von Herrschaft und Gewalt. Die Autoren zeigen, dass extremistische Bewegungen religiöse Texte und Traditionen zur Legitimation politischer Machtansprüche und bewaffneter Konflikte verwenden. Gleichzeitig können sich ihre Strategien unter veränderten politischen Bedingungen erheblich wandeln.
Für den Religionsunterricht bietet der Artikel wichtige Anknüpfungspunkte, um mit Lernenden die Unterschiede zwischen Islam, Islamismus, Salafismus und Dschihadismus herauszuarbeiten. Besonders bedeutsam sind die Fragen, wie religiöse Texte interpretiert werden, unter welchen Voraussetzungen politische Herrschaft religiös legitimiert wird und wie extremistische Gruppen ihren Anspruch auf religiöse Wahrheit begründen. Darüber hinaus ermöglicht der Artikel eine kritische Auseinandersetzung mit religiös gerechtfertigter Gewalt, der Bedeutung der Scharia, den Menschenrechten und dem Verhältnis zwischen Religion und Staat. Dabei sollte deutlich werden, dass die dargestellten extremistischen Interpretationen nicht mit dem Islam insgesamt gleichgesetzt werden dürfen und dass die muslimische Glaubensgemeinschaft durch unterschiedliche religiöse und politische Positionen geprägt ist.