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Demokratie und christliche Ethik

Veröffentlichung:1.1.2009

Der Fachartikel wurde von Thomas Schirrmacher unter dem Titel „Demokratie und christliche Ethik“ verfasst und erschien 2009 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 14/2009. Der vorliegende Artikel umfasst sechs Seiten (Seite 21 bis 26).

Der Autor untersucht den historischen und theologischen Zusammenhang zwischen Christentum, Religionsfreiheit und der Entwicklung demokratischer Staatsformen. Im Mittelpunkt stehen die theologischen Probleme der Vereinbarkeit christlicher Glaubensüberzeugungen mit Demokratie, Menschenrechten, Gewissensfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat. Schirrmacher beschäftigt sich insbesondere mit dem unterschiedlichen Demokratieverständnis christlicher Konfessionen, dem Einfluss kirchlicher Machtstrukturen sowie dem Verhältnis von evangelikalen und fundamentalistischen Bewegungen zur Demokratie. Er vertritt die These, dass christliche Minderheiten und Freikirchen wesentlich zur Entstehung demokratischer Freiheitsrechte beigetragen haben und dass christlicher Glaube und demokratische Staatsordnung grundsätzlich miteinander vereinbar sind.

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Thomas Schirrmacher untersucht in seinem Fachartikel die historischen und theologischen Beziehungen zwischen christlicher Ethik und der Entwicklung demokratischer Staatsformen. Seine zentrale These lautet, dass das Christentum einen bedeutenden Beitrag zur Entstehung moderner Demokratien geleistet hat, dieser Einfluss jedoch keineswegs einheitlich oder widerspruchsfrei war. Während große etablierte Kirchen über lange Zeit monarchische und autoritäre Herrschaftsformen unterstützten, entwickelten insbesondere christliche Minderheitenbewegungen und Freikirchen grundlegende Vorstellungen von Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit und politischer Selbstbestimmung.

Zu Beginn beschreibt Schirrmacher die Entstehung demokratischer Freiheitsvorstellungen innerhalb des radikalen Protestantismus. Bereits im 17. Jahrhundert wurden in England Forderungen nach Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit und allgemeinem Männerwahlrecht erhoben. Eine besondere Bedeutung hatten dabei christliche Dissidenten, Baptisten und andere religiöse Minderheiten, die sich gegen die Macht der etablierten Kirchen wandten. Der Theologe Sebastian Castellio setzte sich bereits im 16. Jahrhundert für religiöse Toleranz ein, während der Baptist Leonard Busher eine umfassendere Religionsfreiheit forderte. Besonders hervorgehoben wird Roger Williams, der sich für die vollständige Trennung von Kirche und Staat einsetzte. In Rhode Island entstand unter seinem Einfluss eine politische Ordnung, die auch Juden und Atheisten Religionsfreiheit gewährte. Schirrmacher betont, dass Williams diese Forderungen nicht trotz, sondern aufgrund seiner tiefen christlichen Überzeugungen entwickelte. Auch William Penn verband in Pennsylvania religiösen Glauben mit dem Anspruch auf Freiheit und Toleranz.

Der Autor greift anschließend die Überlegungen des Theologen Ernst Troeltsch auf, der die Entstehung moderner Menschenrechte wesentlich auf die sogenannten Stiefkinder der Reformation zurückführte. Gemeint sind religiöse Minderheiten, Freikirchen und unabhängige christliche Gemeinschaften, die häufig selbst unter Verfolgung und religiöser Unterdrückung litten. Aus ihrer eigenen Erfahrung entwickelten sie die Forderung nach einer staatlichen Ordnung, die religiöse Überzeugungen nicht erzwingt und individuelle Gewissensentscheidungen schützt. Die Entstehung der Religionsfreiheit wird deshalb als Ergebnis eines Konflikts zwischen religiösen Minderheiten und mächtigen Mehrheitskirchen dargestellt. Daraus ergibt sich eine grundlegende Ambivalenz des Christentums gegenüber der Demokratie. Christliche Traditionen konnten sowohl zur Rechtfertigung politischer Unterdrückung als auch zur Förderung individueller Freiheitsrechte herangezogen werden.

Schirrmacher erweitert diese Betrachtung auf andere Religionen. Er verweist darauf, dass auch innerhalb des Judentums und anderer religiöser Gemeinschaften Minderheiten wichtige Impulse für religiöse Toleranz und politische Freiheit gegeben haben. Besonders hervorgehoben wird der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, der sich im Zeitalter der Aufklärung für Religionsfreiheit und die Trennung von religiöser und staatlicher Autorität einsetzte. Der Autor macht deutlich, dass demokratische Freiheitsvorstellungen nicht ausschließlich aus dem Christentum hervorgegangen sind, sondern durch das Zusammenwirken unterschiedlicher religiöser und philosophischer Traditionen entstanden.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Verhältnis zwischen Christentum und Aufklärung. Schirrmacher argumentiert, dass weder das Christentum allein noch die Aufklärung unabhängig von christlichen Traditionen die moderne Demokratie hervorgebracht hätten. Vielmehr sei die Entwicklung demokratischer Staatsformen durch das Zusammenwirken christlicher Freiheitsvorstellungen und aufklärerischer Ideen ermöglicht worden. Besonders deutlich werde dies im Vergleich zwischen Europa und Nordamerika. Während sich in Europa die großen Kirchen häufig mit monarchischen Herrschaftssystemen verbündeten und demokratische Veränderungen bekämpften, verbanden sich in Nordamerika religiöse Überzeugungen früher mit demokratischen und aufklärerischen Vorstellungen. Schirrmacher verweist hierzu auf Alexis de Tocqueville, der die enge Verbindung von Religion und Demokratie in den Vereinigten Staaten beschrieben hatte. Die unterschiedlichen historischen Entwicklungen erklären nach Ansicht des Autors teilweise auch das bis in die Gegenwart bestehende unterschiedliche Verständnis von Religion und Politik in Europa und Amerika.

Anschließend beschäftigt sich Schirrmacher mit der weltweiten Verbreitung demokratischer Staatsformen und dem Einfluss religiöser Traditionen. Unter Bezugnahme auf politikwissenschaftliche Untersuchungen beschreibt er verschiedene historische Wellen der Demokratisierung. Dabei stellt er fest, dass demokratische Entwicklungen häufig in Gesellschaften stattfanden, die kulturell durch das Christentum geprägt waren. Protestantische Länder gehörten vielfach zu den frühen Demokratien, während katholische und orthodoxe Länder in späteren Phasen demokratische Staatsformen entwickelten. Schirrmacher betrachtet diese Zusammenhänge jedoch nicht als Beweis einer grundsätzlichen Überlegenheit des Christentums. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass christliche Kirchen auch autoritäre Regime unterstützt haben und dass insbesondere das Versagen vieler Christen während des Nationalsozialismus eine kritische Selbstreflexion erforderlich macht.

In diesem Zusammenhang untersucht der Autor auch das Verhältnis zwischen Islam und Demokratie. Er stellt die Frage, weshalb sich demokratische Staatsformen in vielen islamisch geprägten Ländern langsamer entwickelt haben. Dabei lehnt er die Vorstellung ab, der Islam sei grundsätzlich mit Demokratie unvereinbar. Vielmehr fordert er eine differenzierte Untersuchung der verschiedenen theologischen und kulturellen Strömungen innerhalb des Islam. Besonders interessant erscheint ihm die Frage, ob auch dort religiöse Minderheiten eine größere Offenheit gegenüber demokratischen Prinzipien entwickeln als etablierte religiöse Mehrheiten. Damit überträgt er seine Beobachtungen zur christlichen Geschichte auf die vergleichende Religionsforschung.

Im weiteren Verlauf untersucht Schirrmacher den Zusammenhang zwischen theologischen Überzeugungen, kirchlichen Organisationsformen und demokratischer Entwicklung. Er vertritt die Auffassung, dass die politische Ethik einer Religionsgemeinschaft erheblichen Einfluss darauf hat, ob ihre Mitglieder demokratische Staatsformen unterstützen. Als Beispiel nennt er die katholische Kirche, deren offizielle Anerkennung von Religionsfreiheit und Demokratie im Zweiten Vatikanischen Konzil einen bedeutenden theologischen Wandel darstellte. Dieser Wandel ging nach seiner Darstellung mit einer zunehmenden Demokratisierung katholisch geprägter Gesellschaften einher. Demgegenüber hätten sich orthodoxe Kirchen teilweise schwerer damit getan, moderne demokratische Prinzipien und individuelle Freiheitsrechte in ihre politische Ethik aufzunehmen. Allerdings erkennt Schirrmacher auch innerhalb der Orthodoxie Entwicklungen, die auf eine stärkere Anerkennung von Menschenrechten und Demokratie hinweisen.

Neben den theologischen Vorstellungen betrachtet der Autor die inneren Machtstrukturen der Kirchen als wichtigen Faktor für ihre demokratische Offenheit. Kirchen, in denen Gemeindemitglieder an Entscheidungen beteiligt sind und Leitungsämter durch Wahlen vergeben werden, entwickeln nach seiner Darstellung häufig früher ein positives Verhältnis zur Demokratie. Dies zeigt er insbesondere am Beispiel kongregationalistischer und presbyterianischer Kirchen. Ihre Organisationsformen beruhen stärker auf der Mitbestimmung der Gemeindemitglieder und auf einer Begrenzung kirchlicher Autorität. Solche Strukturen konnten demokratische Einstellungen fördern, weil die Gläubigen bereits innerhalb ihrer religiösen Gemeinschaft Erfahrungen mit Beteiligung, Verantwortung und gemeinsamer Entscheidungsfindung sammelten.

Schirrmacher betont allerdings, dass dieser Zusammenhang nicht ausnahmslos gilt. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des deutschen Katholizismus. Obwohl die katholische Kirche lange an hierarchischen Strukturen festhielt, engagierten sich katholische Laien bereits früh für demokratische Staatsformen. Die katholische Zentrumspartei unterstützte die Weimarer Republik, und katholische Politiker wirkten entscheidend an der Entstehung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland mit. Im Gegensatz dazu standen viele evangelische Landeskirchen der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst weiterhin distanziert gegenüber. Erst 1985 bekannte sich die Evangelische Kirche in Deutschland in einer grundlegenden Denkschrift ausdrücklich zur freiheitlichen Demokratie. Der Autor macht damit deutlich, dass zwischen offiziellen kirchlichen Lehrmeinungen und dem tatsächlichen politischen Handeln einzelner Gläubiger unterschieden werden muss.

Im letzten Teil des vorliegenden Artikels setzt sich Schirrmacher mit dem Verhältnis von Evangelikalismus, christlichem Fundamentalismus und Demokratie auseinander. Er kritisiert die verbreitete Annahme, fundamentalistische religiöse Bewegungen seien grundsätzlich demokratiefeindlich. Nach seiner Auffassung ist der Begriff Fundamentalismus wissenschaftlich problematisch, weil damit sehr unterschiedliche religiöse Gruppen pauschal zusammengefasst werden. Entscheidend sei nicht allein, wie streng eine Gemeinschaft ihre religiösen Überzeugungen auslegt, sondern wie sie sich tatsächlich gegenüber demokratischen Institutionen, politischer Freiheit und gesellschaftlicher Vielfalt verhält.

Zur Begründung verweist Schirrmacher auf Untersuchungen evangelikaler Bewegungen in verschiedenen Ländern. In Brasilien beteiligen sich evangelikale Christen nach den angeführten Studien aktiv an unterschiedlichen demokratischen Parteien und akzeptieren die säkulare Ordnung des Staates. Auch in Südkorea tragen evangelikale Gemeinschaften nach seiner Darstellung zur Stabilisierung der demokratischen Gesellschaft bei, obwohl viele ihrer Mitglieder theologisch konservative Überzeugungen vertreten. Ähnliche Beobachtungen beschreibt er für zahlreiche Länder des globalen Südens. Evangelikale Christen lassen sich demnach nicht grundsätzlich einer bestimmten politischen Richtung zuordnen. Vielmehr existieren sowohl konservative als auch sozial und politisch progressive Strömungen, die sich teilweise an befreiungstheologischen Vorstellungen orientieren.

Auch für Deutschland und die Vereinigten Staaten widerspricht Schirrmacher der Vorstellung, evangelikale Christen strebten grundsätzlich die Errichtung eines religiös bestimmten Staates an. Zwar existieren einzelne Bewegungen, die eine politische Ordnung auf der Grundlage biblischer Gesetze fordern, diese hätten jedoch nur eine geringe gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Das größere Problem vieler evangelikaler Gemeinschaften sieht der Autor eher in einer ausgeprägten politischen Zurückhaltung. Manche Gruppen konzentrieren sich so stark auf ihr religiöses Gemeindeleben, dass sie sich kaum an gesellschaftlichen oder politischen Entscheidungsprozessen beteiligen. Diese Distanz zur Politik könne demokratische Beteiligung einschränken, sei jedoch nicht mit einer aktiven Ablehnung der Demokratie gleichzusetzen. Gerade religiöse Gemeinschaften mit pazifistischen Traditionen, etwa Mennoniten und Baptisten, seien häufig durch Gewaltverzicht und Zurückhaltung gegenüber politischer Machtausübung geprägt.

Insgesamt zeigt Schirrmacher, dass die Beziehung zwischen Christentum und Demokratie historisch vielschichtig ist. Christliche Kirchen und Bewegungen haben sowohl demokratische Entwicklungen gefördert als auch behindert. Besonders religiöse Minderheiten und Freikirchen leisteten wichtige Beiträge zur Entwicklung von Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit und demokratischer Mitbestimmung. Die Offenheit einer christlichen Gemeinschaft gegenüber der Demokratie hängt nach seiner Darstellung nicht allein von ihrer Konfession oder theologischen Ausrichtung ab, sondern auch von ihren historischen Erfahrungen, ihrer inneren Organisationsstruktur und ihrem Verhältnis zur politischen Macht. Der christliche Glaube kann deshalb eine wichtige Grundlage für demokratisches Engagement darstellen, ohne dass daraus automatisch eine demokratische Haltung folgt.

Für den Religionsunterricht bietet der Fachartikel zahlreiche Möglichkeiten, das Verhältnis von christlichem Glauben, politischer Verantwortung und demokratischen Grundwerten zu thematisieren. Lernende können untersuchen, weshalb sich manche christlichen Gemeinschaften für Religionsfreiheit und Menschenrechte eingesetzt haben, während andere autoritäre Herrschaftsformen unterstützten. Darüber hinaus ermöglicht der Text eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von religiösen Überzeugungen und politischem Handeln sowie mit der Frage, ob konservative oder fundamentalistische Glaubenshaltungen zwangsläufig im Widerspruch zu demokratischen Prinzipien stehen. Besonders geeignet ist der Artikel, um die Bedeutung von Gewissensfreiheit, religiöser Toleranz, Minderheitenschutz und demokratischer Mitbestimmung aus historischer und theologischer Perspektive zu reflektieren.

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