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Neue Rollen der Religion in modernen Gesellschaften

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel wurde von Rolf Schieder und Hendrik Meyer Magister unter dem Titel „Neue Rollen der Religion in modernen Gesellschaften“ verfasst. Er erschien 2013 in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 24/2013, der Bundeszentrale für politische Bildung. Der vorliegende Text beginnt auf Seite 29 und reicht mindestens bis Seite 35. Der genaue Gesamtumfang ist anhand des bereitgestellten Textauszugs nicht sicher feststellbar.

Der Fachartikel untersucht, wie sich die gesellschaftliche Bedeutung von Religion durch Individualisierung, Säkularisierung und die zunehmende Selbstständigkeit gesellschaftlicher Bereiche verändert. Die Autoren zeigen, dass Religion weltweit weiterhin eine wichtige Rolle spielt, auch wenn traditionelle Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren. Dabei übernehmen religiöse Vorstellungen und Praktiken neue Aufgaben in Bildung, Wirtschaft, gesellschaftlicher Integration und persönlicher Lebensgestaltung.

Zentrale theologische und religionswissenschaftliche Probleme sind die Frage nach dem Wesen der Religion, die Unterscheidung zwischen persönlichem Glauben und institutioneller Religionszugehörigkeit, das Verhältnis von Transzendenz und Immanenz sowie die Bedeutung Gottes für die Bewältigung menschlicher Unsicherheit. Hinzu kommen die Fragen, ob Religion gesellschaftliche Ausgrenzung überwinden und Vertrauen ermöglichen kann, welche Bedeutung religiöse Traditionen für Menschenrechte besitzen und wie Kirchen ihren Auftrag in einer pluralistischen Gesellschaft wahrnehmen können.

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Der Fachartikel von Rolf Schieder und Hendrik Meyer Magister beschäftigt sich mit den veränderten Aufgaben und Erscheinungsformen von Religion in modernen Gesellschaften. Die Autoren gehen von der Beobachtung aus, dass Religionen in den vergangenen Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen erfahren haben. Besonders wichtig sind dabei die zunehmende Individualisierung des menschlichen Lebens und die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Darunter verstehen die Autoren, dass sich gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Bildung und Religion zunehmend zu eigenständigen Systemen entwickeln, die jeweils besondere Aufgaben erfüllen. Religion verliert dadurch ihre frühere umfassende Zuständigkeit für das gesellschaftliche Leben. Gleichzeitig werden religiöse Entscheidungen immer stärker zu einer persönlichen Angelegenheit.

Während die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft früher häufig durch Familie, Herkunft und gesellschaftliche Tradition bestimmt wurde, können Menschen heute zunehmend selbst entscheiden, ob und in welcher Form sie religiös sein möchten. Diese Entwicklung führt dazu, dass religiöse Institutionen ihre Mitglieder nicht mehr selbstverständlich dauerhaft an sich binden können. Zugleich eröffnet sie den Menschen neue Möglichkeiten persönlicher Glaubensgestaltung. Die Autoren bewerten diesen Wandel nicht ausschließlich als Bedeutungsverlust der Religion. Vielmehr können sowohl die Menschen als auch die Religionsgemeinschaften dadurch unabhängiger werden. Menschen werden von religiöser Bevormundung befreit, während Religionen weniger stark für politische oder gesellschaftliche Zwecke vereinnahmt werden können.

Anschließend untersuchen die Autoren die weltweite Verbreitung von Religion. Sie greifen auf Daten des Pew Forum on Religion and Public Life zurück, nach denen im Jahr 2010 etwa 84 Prozent der Weltbevölkerung einer Religionsgemeinschaft angehörten. Das Christentum bildete dabei die größte Religionsgemeinschaft, gefolgt vom Islam, Hinduismus und Buddhismus. Die Autoren betonen, dass Religion weltweit keineswegs verschwindet. Vielmehr unterscheiden sich ihre Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung erheblich zwischen einzelnen Regionen.

Besonders deutlich wird dieser Unterschied am Beispiel Deutschlands. Während Religionen weltweit weiterhin stark verbreitet sind, verlieren die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland seit Jahrzehnten Mitglieder. Die Autoren zeigen jedoch, dass dieser Rückgang nicht allein durch Kirchenaustritte erklärt werden kann. Eine wesentliche Ursache ist die demografische Entwicklung, insbesondere die hohe Zahl älterer Kirchenmitglieder und die damit verbundenen Sterbefälle. Im untersuchten Zeitraum überstieg die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Kirchenaustritte deutlich. Deshalb unterscheiden die Autoren zwischen einem demografisch bedingten Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und einer bewussten Abkehr von Religion.

Zugleich weisen sie darauf hin, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen nicht unmittelbar aus ihren Mitgliederzahlen abgeleitet werden kann. Obwohl die Kirchen Mitglieder verlieren, bleiben sie in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen präsent. Sie betreiben Schulen und soziale Einrichtungen, übernehmen Aufgaben in der Diakonie und wirken an öffentlichen Debatten mit. Auch die theologischen Fakultäten und der konfessionelle Religionsunterricht besitzen nach Darstellung der Autoren weiterhin gesellschaftliche Bedeutung. Darüber hinaus zeigen die damals erhobenen Kirchensteuereinnahmen, dass sinkende Mitgliederzahlen nicht zwangsläufig mit einem unmittelbaren Rückgang finanzieller Mittel verbunden sein müssen.

Die Autoren untersuchen außerdem die Bedeutung der Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören. Dabei wird deutlich, dass Konfessionslosigkeit nicht automatisch mit religiösem Unglauben gleichgesetzt werden kann. Auch Menschen ohne formale Religionszugehörigkeit können an Gott, eine höhere Macht oder eine transzendente Wirklichkeit glauben. Dies gilt nach den angeführten Untersuchungen sowohl für Europa als auch für die Vereinigten Staaten.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Blick auf asiatische Gesellschaften. In China und Japan werden zahlreiche traditionelle religiöse Praktiken ausgeübt, ohne dass die beteiligten Menschen diese unbedingt als Religion bezeichnen. Die Autoren nennen beispielsweise die Verehrung verstorbener Vorfahren und bestimmte traditionelle Rituale. Daraus ergibt sich ein grundlegendes Problem der Religionsforschung. Der westlich geprägte Religionsbegriff lässt sich nicht ohne Weiteres auf alle Kulturen übertragen. Was in einer europäischen Gesellschaft als religiöse Handlung verstanden wird, kann in einer anderen Kultur als selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags gelten.

Aus diesem Grund beschäftigen sich die Autoren ausführlich mit der Frage, wie Religion überhaupt definiert werden kann. Sie betonen, dass die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft und die persönliche Religiosität voneinander unterschieden werden müssen. Menschen können Mitglieder einer Kirche sein, ohne deren Glaubensüberzeugungen vollständig zu teilen. Umgekehrt können Menschen religiöse Vorstellungen und Praktiken pflegen, obwohl sie keiner Kirche angehören. Die institutionelle Mitgliedschaft ist deshalb kein zuverlässiger Maßstab für die Intensität des persönlichen Glaubens.

Diese Unterscheidung verdeutlichen die Autoren am Beispiel ostdeutscher Dorfkirchen. Obwohl in vielen Regionen Ostdeutschlands ein großer Teil der Bevölkerung keiner Kirche angehört, engagieren sich zahlreiche Menschen für die Erhaltung und Wiederherstellung historischer Kirchengebäude. Ihr Engagement ist jedoch nicht unbedingt Ausdruck einer persönlichen christlichen Glaubensüberzeugung. Vielmehr stehen die Kirchengebäude für die Geschichte des Dorfes, die Erinnerung an frühere Generationen und die gemeinsame kulturelle Identität. Eine Kirche kann deshalb auch für Menschen wichtig sein, die keine Verbindung zur kirchlichen Glaubenspraxis besitzen.

An diesem Beispiel wird deutlich, dass Religion unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen erfüllen kann. Religiöse Gebäude, Symbole und Rituale können kulturelle Zugehörigkeit, familiäre Erinnerung und gesellschaftlichen Zusammenhalt vermitteln. Die Zukunft der Religion darf deshalb nach Auffassung der Autoren nicht ausschließlich mit der Zukunft der christlichen Kirchen gleichgesetzt werden.

In diesem Zusammenhang greifen sie die religionssoziologische Theorie von Thomas Luckmann auf. Dieser beschreibt Religion als ein Phänomen, das nicht auf institutionalisierte Glaubensgemeinschaften beschränkt bleibt. Religiöse Vorstellungen und Praktiken können auch außerhalb traditioneller Kirchen auftreten. Die Autoren verdeutlichen dies anhand der Fußballbegeisterung. Fußballvereine können für ihre Anhänger eine Bedeutung gewinnen, die über sportliche Interessen hinausgeht. Gemeinsame Gesänge, Rituale, Symbole und Bekenntnisse erzeugen ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit.

Besonders anschaulich ist das Beispiel eines besonderen Grabfeldes für Anhänger des Hamburger Sportvereins. Die Gestaltung der Grabstätten und die Verbindung zum Fußballstadion zeigen, dass die Identifikation mit einem Verein sogar über den Tod hinaus Bedeutung erhalten kann. Die Autoren verwenden dieses Beispiel, um auf religionsähnliche Erscheinungsformen außerhalb traditioneller Glaubensgemeinschaften hinzuweisen. Dabei wird deutlich, dass Menschen auch in weltlichen Zusammenhängen nach Gemeinschaft, Sinn und symbolischer Orientierung suchen.

Im weiteren Verlauf widmen sich die Autoren dem Prozess der Individualisierung. Der Soziologe Peter Berger beschreibt die moderne Gesellschaft als eine Lebenswelt, in der Menschen zunehmend gezwungen sind, persönliche Entscheidungen zu treffen. Während traditionelle Gesellschaften viele Lebenswege durch Herkunft, Religion und soziale Stellung vorgaben, müssen moderne Menschen ihre Identität stärker selbst gestalten. Die Freiheit zur persönlichen Entscheidung geht dabei mit einer zunehmenden Verantwortung für das eigene Leben einher.

Diese Entwicklung betrifft auch den Glauben. Religiöse Überzeugungen werden immer weniger selbstverständlich übernommen. Stattdessen müssen Menschen entscheiden, welchen Glauben sie vertreten und welche Bedeutung Religion für ihr Leben haben soll. Die Autoren zeigen, dass dies besonders für junge Menschen wichtig ist. Jugendliche suchen nach Sinn und persönlicher Orientierung, ohne diese Suche unbedingt mit einer Kirche oder einer traditionellen Religion zu verbinden. Gleichzeitig erleben sie einen erheblichen gesellschaftlichen Druck, aus ihrem Leben etwas machen zu müssen. Die Frage nach der eigenen Zukunft und der persönlichen Identität gewinnt dadurch große Bedeutung.

Die Autoren verdeutlichen, dass Individualisierung nicht nur eine persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche Entwicklung darstellt. Sie greifen dazu Überlegungen des Soziologen Émile Durkheim auf. Dieser betrachtete den modernen Individualismus nicht ausschließlich als Ausdruck von Egoismus oder gesellschaftlicher Vereinzelung. Vielmehr erkannte er darin eine neue Grundlage gesellschaftlicher Gemeinschaft. Die Achtung vor der Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen könne zu einem gemeinsamen moralischen Prinzip moderner Gesellschaften werden.

In diesem Zusammenhang gewinnt die Vorstellung der Menschenrechte eine besondere Bedeutung. Durkheim betrachtete die Achtung des Individuums als eine Art gemeinschaftsstiftenden Glauben. Die Autoren verweisen außerdem auf den Soziologen Hans Joas, der von der besonderen Würde und Unantastbarkeit der menschlichen Person spricht. Damit wird deutlich, dass auch moderne, säkulare Gesellschaften gemeinsame Überzeugungen besitzen, denen eine nahezu religiöse Bedeutung zukommen kann.

Als Beispiel für solche grundlegenden gesellschaftlichen Überzeugungen behandeln die Autoren die öffentliche Auseinandersetzung über die religiöse Beschneidung männlicher Kinder. Dabei standen unterschiedliche Rechte miteinander in Spannung. Einerseits wurde auf das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit verwiesen. Andererseits betonten Befürworter der religiösen Beschneidung die Bedeutung der Religionsfreiheit und der Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft. Die Autoren zeigen, dass beide Seiten ihre Argumente auf die Menschenrechte bezogen und das Wohl des Kindes als entscheidenden Maßstab betrachteten. Der Konflikt verdeutlicht deshalb nicht nur einen Gegensatz zwischen Religion und säkularem Staat, sondern auch die Schwierigkeit, unterschiedliche Grundrechte miteinander in Einklang zu bringen.

Anschließend wenden sich die Autoren der Frage zu, ob in einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft überhaupt noch von einer gemeinsamen gesellschaftlichen Funktion der Religion gesprochen werden kann. Dazu greifen sie die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann auf. Dieser unterscheidet verschiedene gesellschaftliche Systeme, die jeweils eigene Aufgaben erfüllen. Auch Religion bildet nach seiner Auffassung ein eigenständiges gesellschaftliches System.

Die Besonderheit religiöser Kommunikation besteht nach Luhmann darin, dass sie die erfahrbare Welt im Verhältnis zu einer transzendenten Wirklichkeit betrachtet. Während andere gesellschaftliche Systeme bestimmte Bereiche der Wirklichkeit bearbeiten, beschäftigt sich Religion mit Fragen, die über die unmittelbar verfügbare und beobachtbare Welt hinausgehen. Sie fragt nach dem Sinn des Geschehens, nach den Grenzen menschlicher Möglichkeiten und nach einer Wirklichkeit, die sich nicht vollständig durch wissenschaftliche oder gesellschaftliche Erklärungen erfassen lässt.

Die Autoren erläutern diesen Gedanken durch die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz. Immanenz bezeichnet die erfahrbare, innerweltliche Wirklichkeit. Transzendenz verweist dagegen auf das, was über diese Wirklichkeit hinausgeht. Religiöse Kommunikation entsteht nach der dargestellten Theorie dort, wo Ereignisse der erfahrbaren Welt unter dem Gesichtspunkt einer transzendenten Bedeutung betrachtet werden.

Dabei erhält der Gottesbegriff eine besondere Funktion. Gott ermöglicht es, menschliche Erfahrungen von Zufälligkeit, Unsicherheit und Begrenztheit in einen größeren Sinnzusammenhang einzuordnen. Religion beschäftigt sich damit auch mit der Frage, weshalb die Wirklichkeit nicht immer den menschlichen Erwartungen entspricht. Sie kann helfen, Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, ohne diese vollständig auflösen zu müssen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die gesellschaftliche Integration. Die Autoren greifen Luhmanns Überlegungen zur sozialen Ausgrenzung auf. In modernen Gesellschaften können Menschen aus wichtigen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen werden, wenn ihnen bestimmte Voraussetzungen fehlen. Wer keine ausreichenden finanziellen Mittel besitzt, hat beispielsweise schlechtere Chancen auf Bildung, gesundheitliche Versorgung oder gesellschaftliche Teilhabe. Solche Benachteiligungen können sich gegenseitig verstärken.

Religion besitzt nach der dargestellten Theorie die Möglichkeit, solchen Ausschlussmechanismen entgegenzuwirken. Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft muss nicht von Einkommen, beruflicher Stellung, Bildungsabschluss oder gesellschaftlichem Ansehen abhängen. Religiöse Gemeinschaften können Menschen deshalb Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen Ausgrenzung erfahren. Darin sehen die Autoren eine wichtige gesellschaftliche Stärke von Religion.

Als Beispiel nennen sie große evangelikale Gemeinden in den Vereinigten Staaten. Diese Gemeinden sprechen Menschen durch persönliche Anerkennung, Gemeinschaftserfahrungen und Möglichkeiten aktiver Beteiligung an. Im Mittelpunkt steht häufig weniger die Vermittlung verbindlicher Glaubenslehren als die Erfahrung, als einzelne Person ernst genommen zu werden und gemeinsam mit anderen etwas Sinnvolles gestalten zu können. Die Autoren zeigen damit, wie Individualisierung und gesellschaftliche Integration miteinander verbunden werden können.

Im weiteren Verlauf untersuchen sie die gegenseitige Abhängigkeit unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme. Obwohl Wirtschaft, Politik, Recht und Religion eigenständige Aufgaben erfüllen, können sie nicht vollständig unabhängig voneinander funktionieren. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Vertrauens. Die Autoren beziehen sich auf die damalige Wirtschafts und Finanzkrise und zeigen, dass wirtschaftliches Handeln nicht allein durch Verträge, Regeln und Berechnungen abgesichert werden kann. Vielmehr benötigen Menschen Vertrauen in andere Personen, Unternehmen und gesellschaftliche Institutionen.

Dabei greifen die Autoren erneut auf Niklas Luhmann zurück. Dieser versteht Vertrauen als eine grundlegende Voraussetzung menschlichen Zusammenlebens. Da Menschen die Folgen ihres Handelns niemals vollständig vorhersehen können, müssen sie Entscheidungen unter Unsicherheit treffen. Vertrauen ermöglicht es ihnen, trotz dieser Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Es reduziert die Komplexität gesellschaftlicher Beziehungen und schafft die Grundlage für Zusammenarbeit.

Die Autoren betonen jedoch, dass Vertrauen nicht erzwungen werden kann. Menschen müssen bereit sein, anderen Vertrauen entgegenzubringen, obwohl sie dabei das Risiko einer Enttäuschung eingehen. Vertrauen setzt außerdem Vertrauenswürdigkeit voraus. Wer Vertrauen erhalten möchte, muss durch sein Verhalten zeigen, dass auf seine Aussagen und Handlungen Verlass ist.

Für die Wirtschaft ergibt sich daraus ein grundlegendes Problem. Wirtschaftliche Institutionen sind auf Vertrauen angewiesen, können dieses aber nicht allein durch wirtschaftliche Maßnahmen herstellen. Auch sorgfältige Planung und umfassende Kontrolle können die Bereitschaft zum Vertrauen nicht vollständig ersetzen. Deshalb benötigen wirtschaftliche Beziehungen moralische und gesellschaftliche Voraussetzungen, die über das Wirtschaftssystem hinausreichen.

In diesem Zusammenhang stellen die Autoren die Frage, ob Religion zur Entstehung und Erhaltung gesellschaftlichen Vertrauens beitragen kann. Nach Luhmann könnte eine wichtige Aufgabe der Religion darin bestehen, Vertrauen in gesellschaftliche Systeme zu ermöglichen und nach Krisen wiederherzustellen. Religion könnte Menschen dabei helfen, mit Unsicherheit umzugehen und Vertrauen in eine grundsätzlich sinnvolle Ordnung der Welt zu entwickeln.

Die Autoren beziehen sich außerdem auf Max Weber und dessen Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Protestantismus und Kapitalismus. Weber hatte gezeigt, dass bestimmte protestantische Glaubensvorstellungen und ethische Überzeugungen die Entwicklung moderner wirtschaftlicher Lebensformen beeinflusst haben. Besonders die Bedeutung von Arbeit, Berufspflicht und persönlicher Verantwortung spielte dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig hatte Weber darauf hingewiesen, dass sich die moderne Wirtschaft zunehmend von ihren ursprünglichen religiösen Voraussetzungen löste.

Daraus ergibt sich die Frage, welche moralischen und religiösen Grundlagen eine moderne Wirtschaft benötigt, um dauerhaft menschenwürdig und vertrauenswürdig zu funktionieren. Die Autoren machen deutlich, dass traditionelle Kirchen mit dieser Aufgabe allein überfordert sein könnten. Religion ist jedoch nach ihrem Verständnis nicht ausschließlich an kirchliche Institutionen gebunden.

Vielmehr lassen sich religiöse und religionsähnliche Ausdrucksformen inzwischen in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Die Autoren nennen staatliche Gedenkfeiern, öffentliche Rituale der Liebe, spirituelle Begleitung in Krankenhäusern, religiöse Familienrituale sowie religiöse Themen in Literatur, Film und Kunst. Auch religiöse Bildung an öffentlichen Schulen gewinnt in diesem Zusammenhang Bedeutung. Darüber hinaus entwickeln Unternehmen gemeinsame Leitbilder und Vorstellungen ihrer Identität, die Orientierung vermitteln und Vertrauen stärken sollen.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass Religion nicht einfach aus modernen Gesellschaften verschwindet. Vielmehr verändern sich ihre Erscheinungsformen und gesellschaftlichen Aufgaben. Religiöse Symbole, Vorstellungen und Rituale treten zunehmend auch außerhalb traditioneller Kirchen auf. Dabei übernehmen unterschiedliche gesellschaftliche Einrichtungen Funktionen, die früher besonders mit religiösen Gemeinschaften verbunden waren.

Die Autoren gelangen damit zu der Einschätzung, dass die traditionellen Kirchen ihre bisherige Stellung neu bestimmen müssen. Sie sind nicht mehr die einzigen Einrichtungen, die religiöse Orientierung und gemeinschaftliche Sinnangebote vermitteln. Vielmehr stehen sie neben zahlreichen anderen gesellschaftlichen Akteuren, die ähnliche Bedürfnisse ansprechen. Deshalb können sie nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass Menschen ihre religiösen Bedürfnisse ausschließlich innerhalb kirchlicher Gemeinschaften erfüllen.

Die zentrale Aussage des vorliegenden Fachartikels besteht darin, dass Religion in modernen Gesellschaften nicht einfach an Bedeutung verliert, sondern neue gesellschaftliche Rollen übernimmt. Die zunehmende Individualisierung führt zu einer größeren Freiheit persönlicher Glaubensentscheidungen. Gleichzeitig ermöglicht die Selbstständigkeit gesellschaftlicher Systeme, dass Religion neue Aufgaben in der Förderung von Gemeinschaft, gesellschaftlicher Teilhabe und Vertrauen wahrnimmt. Religiöse Vorstellungen und Praktiken können auch dort Bedeutung gewinnen, wo Menschen keiner traditionellen Glaubensgemeinschaft angehören.

Für den Religionsunterricht bietet der Fachartikel zahlreiche Möglichkeiten, grundlegende Fragen des Glaubens und der Gesellschaft zu behandeln. Lernende können untersuchen, was unter Religion verstanden wird und weshalb sich persönliche Religiosität nicht immer mit einer Kirchenmitgliedschaft deckt. Sie können sich mit der Bedeutung religiöser Rituale im Alltag beschäftigen und darüber nachdenken, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen traditionellen Glaubensgemeinschaften und religionsähnlichen Erscheinungen bestehen. Darüber hinaus ermöglicht der Text eine Auseinandersetzung mit Menschenrechten, Religionsfreiheit, persönlicher Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Vertrauen. Besonders geeignet ist der Artikel, um mit Lernenden zu diskutieren, ob Religion in einer modernen und pluralistischen Gesellschaft weiterhin notwendig ist und welche Aufgaben sie übernehmen kann.

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