Der Artikel nimmt seinen Ausgang bei den Äußerungen des islamischen Schriftstellers Navid Kermani, der das christliche Kreuzesverständnis als anstößig und sogar als blasphemisch bezeichnet. Menke sieht in dieser Kritik nicht nur eine Provokation, sondern auch eine Chance für die christliche Theologie, den eigenen Glaubenskern neu zu bedenken. Er zeigt, dass der eigentliche Konflikt zwischen Christentum und Islam in der Frage liegt, ob Gott sich in Jesus Christus und besonders im Gekreuzigten offenbart oder ob jede solche Darstellung Gottes zurückgewiesen werden muss.
Im Zentrum steht die christliche Überzeugung, dass Jesus nicht nur ein von Gott gesandter Mensch oder Prophet ist, sondern die wirkliche Offenbarung Gottes. Menke erläutert dies mit Blick auf neutestamentliche Aussagen, in denen Jesus einerseits vom Vater unterschieden wird, andererseits aber in einzigartiger Einheit mit ihm steht. Gerade in seinem Menschsein, in seinem Gehorsam und in seiner vollkommenen Selbstunterscheidung von Gott, zeigt Jesus, wer Gott ist. Deshalb darf Gott nicht anders gedacht werden als in der Gestalt Jesu.
Besonders wichtig ist für den Autor die Aussage, dass Gott auch am Kreuz so ist, wie Jesus dort erscheint. Das Kreuz ist nach Menke nicht Verbergung Gottes, sondern Offenbarung seiner Liebe. Gott zeigt seine Macht nicht durch Gewalt, sondern durch Liebe, die sich verwunden lässt. Darin unterscheidet sich das Christentum grundlegend vom islamischen Gottesverständnis. Während im Islam Gottes absolute Transzendenz betont wird, erkennt das Christentum im gekreuzigten Jesus die wahre Gestalt göttlicher Macht und Liebe.
Im weiteren Verlauf setzt sich Menke kritisch mit der klassischen Satisfaktionstheorie auseinander. Er lehnt die Vorstellung ab, Gott Vater habe den Tod des Sohnes verlangt, um Genugtuung für die Sünde der Menschen zu erhalten. Eine solche Deutung würde einen Gegensatz zwischen Vater und Sohn in Gott hineintragen und Gewalt theologisch rechtfertigen. Stattdessen betont Menke, dass sich der Vater im Sohn selbst dem Hass der Sünder aussetzt. Der Kreuzestod Jesu ist daher Ausdruck der gemeinsamen Liebe des trinitarischen Gottes, nicht ein Akt göttlicher Grausamkeit.
Daraus entwickelt der Autor seine Sicht auf Erlösung. Jesus trägt durch seinen Tod und seinen Abstieg in die Gottverlassenheit den Menschen gerade dorthin nach, wo sie von Gott getrennt sind. So wird die Trennung von Gott überwunden. Der physische Tod bleibt bestehen, aber die endgültige Gottverlassenheit ist durch Christus aufgebrochen. Seit Ostern ist die Scheol überwunden. Dennoch bleibt die Möglichkeit, die Liebe Christi zurückzuweisen. Deshalb spricht Menke von der Hölle nicht als gottloser Ferne außerhalb Christi, sondern als verweigerter Beziehung zu ihm.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist die Frage nach Gericht und Liebe. Menke macht deutlich, dass Christus den Sünder nicht durch Gewalt richtet, sondern durch eine Liebe, die tiefer trifft als Strafe. Die unverdiente Güte Gottes weckt das Gewissen und ruft zur Umkehr. An einem Beispiel aus dem Leben von Johannes dem Dreiundzwanzigsten zeigt der Autor, dass Güte einen Menschen tiefer verwandeln kann als Anklage oder Strafe.
Von hier aus entfaltet Menke den Gedanken der Stellvertretung. Christus leidet nicht nur anstelle der Menschen, sondern nimmt sie in seine Liebe hinein. Wer zu Christus gehört, kann sein Geschenk nicht privat behalten. Christsein bedeutet vielmehr, an der Last der anderen teilzunehmen. Die Kirche ist deshalb Kirche aus dem Kreuz. Jede und jeder Christ ist gerufen, im eigenen Leben etwas von dieser stellvertretenden Liebe sichtbar zu machen. Menke verweist dazu auf verschiedene Gestalten christlicher Existenz und auf Heilige, die das Leiden anderer in besonderer Weise mitgetragen haben.
Am Ende betont der Artikel die bleibende Bedeutung des Kreuzeszeichens. Es ist das Erkennungszeichen der Christen, weil es an einen Gott erinnert, der nichts erzwingt und gerade durch seine wehrlose Liebe siegt. Das Kreuz ist daher nicht Symbol des Scheiterns, sondern Zeichen der Hoffnung. Wer sich mit dem Kreuz bezeichnet, bekennt den Glauben an einen Gott, der sich dem Leid aussetzt, um es von innen her zu verwandeln. So wird jeder Mensch zu einem möglichen Ort, an dem die Liebe Gottes in der Welt wirksam werden kann.