RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Apokalyptische Krisenhermeneutik in der modernen Gesellschaft

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Artikel ist in dem Heft Religion unterrichten unter dem Titel: „Apokalyptische Krisenhermeneutik in der modernen Gesellschaft. Religions und sozialwissenschaftliche Perspektiven“ enthalten. Er umfasst 4 Seiten und erstreckt sich über die Seiten 09 bis 13.

Alexander Kenneth Nagel zeigt, dass apokalyptische Deutungen in der modernen Gesellschaft weit verbreitet sind und in Krisenzeiten Orientierung, Zuspitzung und Mobilisierung bieten. Der Beitrag vergleicht biblische Apokalyptik mit modernen Formen der Apokalypse und arbeitet deren Unterschiede heraus. Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem die Probleme des Verhältnisses von Hoffnung und Untergang, von Transzendenz und innerweltlicher Krisendeutung, von Erlösung und Aktivismus sowie die Frage, wie biblische Apokalyptik im Religionsunterricht angemessen erschlossen werden kann.

Products

Der Beitrag untersucht, warum apokalyptische Deutungen in der modernen Gesellschaft eine so starke Wirkung entfalten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Gegenwartserfahrungen von Zukunftsangst, Krisenrhetorik und Untergangsszenarien geprägt sind. Genannt werden unter anderem der Krieg in der Ukraine, die Corona Pandemie und der Klimawandel. Der Autor macht deutlich, dass die moderne Rede von Apokalypse meist nicht mehr die ursprüngliche Bedeutung von Offenbarung meint, sondern als Chiffre für Katastrophe und Weltende verwendet wird. Zugleich besteht eine doppelte Entfremdung: Im Alltag entfernt sich die Apokalypse von ihren religiösen Wurzeln und auch kirchliche Akteure tun sich oft schwer mit diesen biblischen Texten. Für die Religionspädagogik ist das problematisch, weil damit ein wichtiger lebensweltlicher Erfahrungsraum ungenutzt bleibt.

Im theoretischen Teil stellt der Artikel zentrale Merkmale moderner Apokalypsen vor. Dazu gehören erstens bestimmte Bilder des Untergangs, etwa Naturkatastrophen, gesellschaftlicher Zerfall oder Feindbilder. Diese Bildsprache arbeitet oft mit scharfen Gegensätzen wie Reinheit und Schmutz oder Freund und Feind. Zweitens geht es um den Stil apokalyptischer Erzählungen. Während klassische Apokalypsen auf die Abfolge von Krise, Gericht und Erlösung ausgerichtet sind, fehlt in modernen Apokalypsen häufig das Heilsmoment oder es wird in die Welt selbst verlagert. Drittens beschreibt der Autor die Rhetorik apokalyptischer Rede. Anders als biblische Apokalyptik, die eher Trost und Ermutigung vermitteln will, zielen moderne Apokalypsen meist auf Aktivierung, Mobilisierung oder Agitation.

Diese Merkmale wendet Nagel auf drei Beispiele an. Zuerst analysiert er die Corona Krise. Hier zeigen sich apokalyptische Motive in Bildern von Zusammenbruch, Unsicherheit und gesellschaftlicher Erschütterung. Das Virus erscheint als unsichtbarer Feind. Zugleich schwankt die Deutung zwischen dem Wunsch nach Wiederherstellung der alten Ordnung und der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Die Rhetorik bleibt dabei stark aktivistisch, sowohl in offiziellen Maßnahmen als auch in verschwörungsideologischen Milieus.

Das zweite Beispiel ist die Erzählung vom großen Austausch in der Neuen Rechten. Dieses Narrativ beschreibt Migration als Bedrohung für die Völker Europas und stilisiert sich selbst als verborgene Wahrheit gegen einen angeblichen gesellschaftlichen Mainstream. Der apokalyptische Charakter zeigt sich in der Zuspitzung auf einen unumkehrbaren Wendepunkt und in der Forderung nach raschem Handeln. Der Autor macht deutlich, dass solche Erzählungen nicht nur mobilisieren, sondern auch Gewalt legitimieren können.

Als drittes Beispiel untersucht der Artikel Prepper Gruppen. Diese bereiten sich auf Katastrophen vor und machen diese Vorbereitung zu einem Teil ihres Lebensstils. Im Mittelpunkt stehen Vorstellungen vom Zusammenbruch öffentlicher Ordnung und kritischer Infrastruktur. Im Unterschied zu biblischen Apokalypsen geht es hier nicht um Erlösung, sondern um das nackte Überleben. Vorbereitung wird so zu einer Strategie, um mit Unsicherheit und Zukunftsangst umzugehen.

Im letzten Teil fragt der Autor nach den Gründen für die anhaltende Faszination apokalyptischer Deutungen. Ein wichtiger Punkt ist die Verarbeitung von Kontingenz und Unübersichtlichkeit. Apokalypsen schaffen Übersicht, indem sie komplexe Krisen in eine deutbare Form bringen. Hinzu kommt eine Lust an der Angst, also die kontrollierte Auseinandersetzung mit Gefahr. Außerdem können apokalyptische Vorstellungen den Alltag durchbrechen und den Blick auf existenzielle Fragen lenken.

Für den Religionsunterricht ergibt sich daraus die Aufgabe, diesen lebensweltlich bedeutsamen Resonanzraum aufzugreifen. Religionspädagogisch wichtig ist es, die Unterschiede zwischen moderner und biblischer Apokalyptik herauszuarbeiten. Die christliche Apokalyptik ist von einem transzendenten Erlösungsversprechen geprägt und entzieht das Heil dem direkten Zugriff menschlicher Akteure. Im Unterricht kommt es daher darauf an, Lernenden Deutungshilfen für ihre Erfahrungen mit apokalyptischen Filmen, Spielen und Krisenerzählungen zu geben und von dort aus einen reflektierten Zugang zu biblischen Texten zu eröffnen.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.2 Biblische Ethik – Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 2. Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit – eine Herausforderung an die Christen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.