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Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

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Zukunft und Zukunftsangst in jüdischer Perspektive

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Artikel ist in dem Heft Religion unterrichten unter dem Titel: „Zukunft und Zukunftsangst in jüdischer Perspektive“ enthalten. Er umfasst 3 Seiten und erstreckt sich über die Seiten 20 bis 23.

Yael Kupferberg zeigt, dass Zukunftsangst aus jüdischer Perspektive nicht in erster Linie als abstraktes theologisches Problem erscheint, sondern als reale Erfahrung jüdischer Existenz in Geschichte und Gegenwart. Der Beitrag macht deutlich, dass jüdisches Leben in Deutschland zwischen Teilhabe, Erinnerung an die Shoah, fortbestehendem Antisemitismus und dem Wunsch nach Sicherheit steht. Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem die Probleme von Erinnerung und Gegenwart, von Partikularität und Universalität, von Sicherheit und Fragilität sowie die Frage, wie Angst nicht metaphysisch überhöht, sondern praktisch und diesseitig bearbeitet werden kann.

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Der Artikel entfaltet eine jüdische Perspektive auf Zukunft und Zukunftsangst vor dem Hintergrund der Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Dabei beschreibt die Autorin eine grundlegende Ambivalenz. Einerseits kann die Geschichte seit der Emanzipation der Juden und Jüdinnen als gebrochene Erfolgsgeschichte gelesen werden. Andererseits ist jüdisches Leben bis heute von Antijudaismus und Antisemitismus begleitet. Besonders die Shoah bleibt ein existenzieller Bezugspunkt, der das Nachdenken über jüdische Existenz bis in die Gegenwart prägt. Zugleich warnt der Text davor, jüdisches Leben allein vom Schrecken der Vergangenheit her zu verstehen. Gerade weil jüdische Existenz fragil ist, braucht es ein Bewusstsein für diese Gefährdung, ohne dass der Schrecken das gegenwärtige Leben vollständig bestimmt.

Im ersten Teil beschreibt der Beitrag die Ambivalenz des staatlichen Schutzes. Seit den 1970er Jahren hat sich in der Bundesrepublik eine Erinnerungskultur herausgebildet, die zunehmend zur Staatsräson wurde. Für die jüdische Gemeinschaft ist dies wichtig und grundsätzlich positiv, weil sie auf staatlichen Schutz angewiesen ist. Gleichzeitig zeigt dieses Schutzverhältnis, dass jüdisches Leben nur begrenzt auf gesellschaftlich verankerte Sicherheit vertrauen kann. Hinzu kommt ein weiterer problematischer Zusammenhang: Wenn Judentum symbolisch mit dem demokratischen Staat verbunden wird, kann sich autoritäre Wut zugleich gegen Jüdinnen und Juden und gegen die demokratische Ordnung richten. Die Autorin zeigt dies besonders an der Covid 19 Pandemie. In verschwörungsideologischen Milieus verbanden sich antistaatliche Affekte mit antisemitischen Bildern und Erzählungen. Solche Narrative schaffen Identifikation, Gemeinschaft und emotionale Aufladung und machen gerade dadurch ihre Attraktivität aus.

Im zweiten Teil untersucht der Artikel die Vielschichtigkeit von Judenfeindschaft und Antisemitismus. Diese Erscheinungen sind nicht bloß historische Relikte, sondern reale Gegenwart. Die Autorin zeigt, dass jüdische Existenz heute zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten steht. Seit der Gründung Israels gibt es für Jüdinnen und Juden die Option, in einem jüdischen Staat zu leben und dort nicht als prekäre Minderheit zu existieren. Gleichzeitig würde eine ausschließliche Orientierung an nationalen Lösungen die diasporische und übernationale Form jüdischer Existenz preisgeben. Beides ist im Judentum angelegt. Deshalb bleibt die Frage nach Bleiben, Gehen und Zugehörigkeit offen und individuell unterschiedlich beantwortet.

Ein wichtiger Gedanke des Artikels ist, dass Deutschland für viele Jüdinnen und Juden ein besonders widersprüchlicher Ort ist. Gerade wegen der Geschichte wird man hier in besonderer Weise als jüdisch wahrgenommen. Das führt zu einer Spannung zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Einerseits wollen Jüdinnen und Juden ihr Judentum unabhängig von gesellschaftlichen Zuschreibungen leben. Andererseits bleibt die Sorge um Sicherheit bestehen. Diese Sorge hängt auch daran, dass das gesellschaftliche Tabu des offenen Antisemitismus instabil ist. Es kann geschwächt werden oder in bestimmten Milieus nie wirklich verankert gewesen sein. Bildungsarbeit gegen Antisemitismus bleibt daher notwendig, ist aber zugleich problematisch, weil die Sichtbarmachung jüdischer Geschichte und Gegenwart Jüdinnen und Juden erneut zum Objekt besonderer Aufmerksamkeit machen kann. Dennoch gibt es nach Ansicht der Autorin kaum Alternativen zu Aufklärung, Wissensvermittlung und Beziehungsarbeit.

Im Anschluss daran greift der Text Adornos Forderung auf, dass Aufklärung sich nicht nur dem Objekt des Hasses, sondern vor allem dem hassenden Subjekt zuwenden muss. Antisemitismus hat für die Autorin soziale, kulturelle, politische und psychologische Funktionen. Im Hass versucht das Subjekt, Identität herzustellen, Spannungen mit der Umwelt scheinbar aufzulösen und sich selbst zu spüren. Deshalb reicht es nicht aus, nur Wissen über Jüdinnen und Juden zu vermitteln. Vielmehr braucht es gesellschaftliche Selbstaufklärung, in der Individuum, Kultur und Gesellschaft gemeinsam in den Blick kommen.

Im letzten Teil richtet sich der Blick auf Gegenwart und Zukunft. Die Geschichte zeigt nach der Autorin, dass jüdische Existenz in politisch und wirtschaftlich stabilen Zeiten relativ sicherer war, während Krisen das Leben von Jüdinnen und Juden besonders gefährdeten. Diese Erfahrung ist angesichts gegenwärtiger Krisen beunruhigend. Zugleich betrifft Krisenhaftigkeit alle Menschen. Daraus leitet der Artikel die Notwendigkeit ab, Universalität und Partikularität zusammenzudenken. Jüdische Erfahrung ist spezifisch, darf aber nicht aus dem gemeinsamen Horizont menschlicher Gesellschaft herausgelöst werden.

Schließlich bestimmt die Autorin das Judentum als Praxis des Diesseits. Es strebt nach Frieden, Gerechtigkeit und Ganzheit in dieser Welt. Angst wird dabei nicht vor allem apokalyptisch oder metaphysisch verstanden, sondern als reale Erfahrung gegenwärtiger jüdischer Existenz. Die Antwort darauf besteht nicht in der Überhöhung der Angst, sondern in praktischem Handeln, in gesellschaftlicher Teilhabe und in dem Vertrauen darauf, dass dieses Handeln wirksam sein kann. Zukunftsangst erscheint in jüdischer Perspektive somit vor allem als Ausdruck geschichtlicher und gegenwärtiger Erfahrung und wird durch diesseitige, konkrete Praxis bearbeitet.

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