Der Artikel beginnt mit der Beobachtung, dass der Sündenbegriff in der Gegenwart stark kritisiert wird. Viele empfinden ihn als Ausdruck einer negativen Sicht auf den Menschen oder als überholt. In Alltagssprache und Religionspädagogik wird er häufig vermieden oder abgeschwächt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob auf diesen Begriff verzichtet werden kann oder ob er weiterhin notwendig ist, um bestimmte Erfahrungen angemessen zu beschreiben.
Der Autor argumentiert, dass theologische Begriffe nur dann sinnvoll sind, wenn sie an reale Erfahrungen anknüpfen. Heilsvorstellungen können nur überzeugen, wenn sie auf tatsächlich erlebte Formen von Mangel, Schuld oder Leid antworten. Wenn dies nicht geschieht, verliert die Theologie ihre Relevanz.
Im ersten inhaltlichen Schwerpunkt wird Sünde als eine Form der Selbsterkenntnis beschrieben, die nicht selbstverständlich zugänglich ist. In Anlehnung an Martin Luther wird betont, dass der Mensch seine eigene Sündhaftigkeit nicht unmittelbar erkennt. Erst in bestimmten Momenten kann es zu einer Art innerer Einsicht kommen, in der Menschen erkennen, dass ihr Handeln nicht mit ihren eigentlichen Ansprüchen übereinstimmt. Diese Erfahrung wird als kontrafaktische Selbsterkenntnis beschrieben. Sie zeigt sich darin, dass Menschen plötzlich die Diskrepanz zwischen ihrem äußeren Verhalten und ihren inneren Motiven wahrnehmen. Der Sündenbegriff erhält dadurch eine existenzielle Bedeutung, weil er menschliche Widersprüchlichkeit und Selbsttäuschung beschreibt. Entscheidend ist dabei, dass diese Einsicht nicht von außen erzwungen werden kann, sondern sich nur individuell erschließt.
Im zweiten Schwerpunkt wird die heutige Situation von Schuld betrachtet. Der Autor beschreibt, dass viele Menschen Schuld vor allem sich selbst gegenüber empfinden. In einer Gesellschaft, die stark auf Selbstoptimierung ausgerichtet ist, entsteht häufig das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Diese Form der Schuld wird als neurotische Selbstanklage beschrieben. Sie unterscheidet sich von der religiösen Vorstellung von Sünde, da sie nicht mehr im Verhältnis zu Gott verstanden wird.
Der Philosoph Paul Ricoeur wird herangezogen, um zu zeigen, dass diese Form der Selbstanklage zu einer Art innerem Gericht führen kann, in dem Menschen sich selbst gleichzeitig anklagen, verurteilen und bestrafen. Dies führt zu einer Entfremdung von sich selbst.
Der Autor schlägt vor, den religiösen Sündenbegriff kritisch neu zu erschließen, um zwischen echter religiöser Schuld und solchen verzerrten Formen zu unterscheiden. Dabei wird betont, dass Sünde immer im Zusammenhang mit ihrer Überwindung gedacht wird. Begriffe wie Erlösung, Rechtfertigung und Versöhnung zeigen, dass es im christlichen Glauben nicht nur um Schuld, sondern auch um Befreiung geht.
Für die Religionspädagogik ergibt sich daraus die Aufgabe, den Sündenbegriff nicht zu vermeiden, sondern ihn an lebensweltliche Erfahrungen anzubinden und verständlich zu machen. So kann er helfen, menschliche Erfahrungen von Schuld, Selbsttäuschung und innerem Konflikt zu deuten und zugleich Perspektiven für Veränderung und Hoffnung zu eröffnen.