Fischer und Gojny entfalten das Thema in vier Hauptdimensionen:
Die Phänomenologie und Begriffsklärung beschreibt Angst als zutiefst ambivalentes Phänomen: Sie lähmt und engt ein (etymologisch: lat. angustia – Enge, Bedrängnis), funktioniert zugleich aber als lebensnotwendiges Warnsystem und verweist auf die anthropologische Vulnerabilität des Menschen. Die Autoren sichten verschiedene wissenschaftliche Zugänge – Kognitions- und Neurowissenschaft, Biologie, Philosophie, Theologie, Kulturwissenschaft – und konstatieren das Fehlen eines disziplinübergreifenden Konsenses zur Abgrenzung von Angst und Furcht. Biblisch werden beide Begriffe teils synonym, teils differenziert verwendet; das Alte Testament ist prominenter vertreten als das Neue Testament.
Im systematisch-theologischen Teil werden einige besonders wirkmächtige Positionen der Theologiegeschichte vorgestellt: Augustin unterscheidet timor filialis (positive Ehrfurcht) und timor servilis (Strafangst) und denkt deren stufenweise Verwandlung durch Gottes Gnade. Luther bricht mit diesem Stufenmodell: Angst ist für ihn kein Symptom des Unglaubens, sondern wird umgedeutet zur bewussten Unterwerfung unter das göttliche Urteil; allein das Evangelium – nicht die Gesetzespredigt – kann den selbstzerstörerischen Angstkreislauf unterbrechen. Kierkegaard verbindet Angst strukturell mit menschlicher Freiheit: als gegenstandsloses, im Selbstverhältnis verankertes Gefühl, das zugleich anzieht und abschreckt. Paul Tillichs Konzept der existential anxiety (Konfrontation mit dem Nichtsein, der eigenen Endlichkeit) und sein „Mut zum Sein" als Gegenspieler der Angst werden als bis heute gesprächsfähig ausgewiesen.
Der empirische Teil wertet mehrere Studien zu Ängsten von Kindern und Jugendlichen aus. Entwicklungspsychologisch verändern sich Angstauslöser mit dem Alter (Trennungsangst → Phantasiegestalten → Naturkatastrophen → Leistungsangst → soziale Zurückweisung). Soziologisch zeigen Children's Worlds+, LBS-Kinderbarometer und Shell-Studie (2019): Etwa jedes fünfte Kind hat häufig Angst vor Klassenarbeiten; sozial benachteiligte Jugendliche haben deutlich mehr Zukunftsängste; politische Themen (Umwelt, Klimawandel, Terror) spiegeln sich in jugendlichen Ängsten. Die Sinus-Jugendstudie differenziert milieuabhängig: Während Bildungsferne existenzielle Sorgen haben, fürchten Postmaterielle vor allem sinnentleerte Arbeit und gesellschaftliche Probleme.
Die religionspädagogischen und -didaktischen Perspektiven sind fünfteilig: (1) Angst als Unterrichtsthema: Sie erscheint in Lehrplänen im Kontext existenzieller Fragen, biblischer Texte (Psalmen, Passionsgeschichte, Noah, Apokalyptik) und kirchengeschichtlicher Themen (Reformation). Methodisch werden Lieder, Filme, Gedichte, Bilderbücher und Gemälde empfohlen, bei gleichzeitiger Warnung vor emotional übergriffigen Symbolhandlungen. (2) Angstfreies Lernklima als Qualitätsmerkmal: positive Fehlerkultur, Wartezeiten, Respekt vor Distanzbedürfnissen. (3) Hoffnung und „Mut zum Sein" als religionspädagogische Grundperspektive: Klagepsalmen als Sprachschule der Hoffnung (Baldermann), Wundergeschichten zur Angstbearbeitung (Bednarzick), Symboldidaktik für Grundschule (Itze). (4) Schulseelsorge und religiöses Schulleben als Orte seelsorgerlicher Begleitung. (5) Christliche Lebenskunstbildung und ars moriendi: Angst vor dem Tod als Thema reformatorischer Sterbekunst; Resilienz als krisensensible Identitätsarbeit.