Kaphengst eröffnet mit einer begriffsgeschichtlichen Differenzierung: Der alltagssprachliche Gebrauch von „Apokalypse" als Synonym für Katastrophe ist theologisch eine unzulässige Verkürzung. Der Artikel unterscheidet zwischen Apokalypsen als biblischer Literaturgattung, Apokalyptik als religiösem Sinnsystem und apokalyptischer Eschatologie als theologischem Inhalt. Das apokalyptische Gottesbild ist geprägt von einem souveränen, richtenden Gott, der zwischen Frommen und Verdammten unterscheidet (ethischer Dualismus), verbunden mit einem Äonendualismus, der die gegenwärtige Welt der kommenden Neuen Welt gegenüberstellt. Funktional versteht Kaphengst apokalyptische Texte als Trostliteratur für angefochtene Fromme, die Hoffnung spenden, zur Umkehr rufen und die Abgrenzungsfrage gegenüber dem heidnischen Umfeld bearbeiten.
Im fachwissenschaftlichen Teil entfaltet der Artikel die biblischen Perspektiven: Im Alten Testament bilden Äonendualismus, ethischer Dualismus, Engelvorstellungen, Messianismus und endzeitliches Gericht die zentralen Motive, entstanden in Krisensituationen Israels. Das Neue Testament transformiert diese Motive christologisch – in der Johannes-Apokalypse steht das tröstende Wissen um Gottes souveränes Handeln im Zentrum, nicht die Gewaltvisionen. Paulus, die Synoptiker und Spättexte wie 2Thess werden im Horizont von Parusieerwartung, Theodizeediskurs und Parusieverzögerung verortet. Systematisch-theologisch diagnostiziert Kaphengst eine Spannung: Apokalyptik wird in der akademischen Theologie oft marginalisiert oder durch „Entapokalyptisierung" entschärft, während sie in gesellschaftlichen Diskursen und Randgruppen virulent bleibt. Als produktiven Ausweg entwickelt er – im Anschluss an Stoellger und Körtner – das Konzept der „eschatologischen Domestizierung": Das Hoffnungs- und Transformationspotenzial der Apokalyptik soll erhalten bleiben, ihre entzweiende Destruktivität und Vereindeutigungstendenz aber eingehegt werden. Apokalyptik als „Reflexionsbegriff" (Taxacher) eignet sich so als hermeneutisches Instrument zur Erschließung gesellschaftlicher Krisen, ohne theologisch entleert zu werden.
Der religionspädagogische Teil beginnt mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Apokalyptik ist in Lehrplänen unterrepräsentiert, besonders in evangelischen. Demgegenüber begegnen Jugendliche apokalyptischen Deutungsmustern täglich – in Serien, Games, Social Media und klimapolitischen Diskursen. Die Shell-Jugendstudie zeigt keine fatalistische Grundhaltung, aber berechtigte Zukunftsängste und Ohnmachtserfahrungen. Kaphengst betont, dass alarmistische Narrative als „Brückennarrative" Radikalisierung begünstigen können und persönliche Apokalypsen – familiäre Krisen, Gewalterfahrungen – für viele Jugendliche gelebte Realität sind. Als didaktisches Ziel entwickelt er eine „Apokalypse-Kompetenz" (Nagel) mit drei Teilkompetenzen: kritische Rezeption und Dekonstruktion apokalyptischer Inszenierungen, Introspektion und Selbstreflexion eigener Ängste und Zukunftsbilder sowie diskursive Intervention durch Gegenrede und sokratischen Dialog. Der multiperspektivische Erschließungsrahmen umfasst sechs Perspektiven: theologisch (Gottesbild, Kontroversität, Hermeneutik), biblisch (Symbole, Hoffnungsimpuls, Danielbuch, Johannesapokalypse), historisch-kritisch (Entstehungskontexte, säkulare Transformation, politische Ideologien), psychologisch-anthropologisch (Existenzspannung, Angstlust, Kontingenzbewältigung), sozialkritisch (Apokalyptik als Quelle von Agency und Gerechtigkeitsfrage) und politisch-ethisch (Instrumentalisierung apokalyptischer Rhetorik durch politische Gruppen, Kriterien zur Distanzierung).