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WiReLex | Deutsche Bibelgesellschaft

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Armutsbewegungen im Mittelalter

Veröffentlichung:26.3.2026

Der Artikel von Ursula Olschewski (WiReLex, 2018) erschließt die mittelalterlichen Armutsbewegungen kirchengeschichtlich und religionsdidaktisch für den Religionsunterricht. Im Zentrum stehen Franziskus von Assisi und die Waldenser als prominenteste Vertreter eines breiten Spektrums religiöser Erneuerungsbewegungen, die freiwillige Armut, apostolisches Wanderleben und Laienpredigt als Kern christlicher Nachfolge verstanden. Didaktisch macht der Beitrag deutlich, wie das Thema über biografische und konstruktivistische Zugänge lebensweltlich anschlussfähig wird und Fragen nach Konsum, Werthaltungen und kirchlicher Glaubwürdigkeit heute produktiv aufgreift.


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Olschewski eröffnet mit einer lebensweltlichen Diagnose: Das Thema fehlt in den meisten Lehrplänen, obwohl es einen direkten Zugang zu Fragen kirchlicher Glaubwürdigkeit, Reichtumskritik und reformerischen Aufbrüchen bietet – Themen, die Schülerinnen und Schüler bewegen. Radikale Christinnen und Christen, die die Kirche zu ihrem evangelialen Ursprung zurückführen wollten, faszinieren auch heute und ermöglichen, kirchengeschichtliche Inhalte an biographischen Schlüsselerfahrungen zu erschließen.

Kirchengeschichtlich entfaltet Olschewski zunächst die Grundkennzeichen der Armutsbewegungen: freiwillige Armut, Wanderapostolat und Laienpredigt, biblisch begründet in der imitatio Christi und der Gütergemeinschaft der Urgemeinde (Apg 2,44–47). Sie verortet die Bewegungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel des 12./13. Jahrhunderts – Urbanisierung, Geldwirtschaft, neue Lohnarbeiterschaft – und zeigt, dass neben kirchlich anerkannten Bewegungen (Prämonstratenser, Robert von Arbrissel und die Gründung von Fontevraud, Humiliaten, Beginen, Begarden) auch marginalisierte oder verfolgte Gruppen zum Spektrum gehören.

Der Franziskus-Teil ist der ausführlichste: Olschewski zeichnet die Bekehrungsgeschichte, die Genese der Regula non bullata und der Regula bullata nach und zeigt, wie das franziskanische Armutsideal durch päpstliche Regelerklärungen – Quo elongati (1230), Ordinem vestrum (1245) – schrittweise zur juristischen Fiktion wurde. Der interne Armutsstreit zwischen Spiritualen und Konventualen, kulminierend in der Verurteilung der Spiritualen durch Johannes XXII. und der Bulle Cum inter nonnullos (1323), wird als Beleg dafür gelesen, wie das ursprüngliche Ideal institutionellen Kompromissen wich. Den Waldensern widmet Olschewski einen eigenen Abschnitt: Sie zeigt, wie Valdés und seine Bewegung trotz Bejahen der kirchlichen Glaubenslehre exkommuniziert wurden, erst dann eine abweichende Lehre entwickelten und ihre Attraktivität aus gelebter Armut und volkssprachlicher Bibelunterweisung schöpften.

Im didaktischen Teil entfaltet Olschewski drei Zugänge. Erstens den Brückenschlag zur Lebenswelt: Das Thema lädt zur Reflexion über Wendepunkte im eigenen Leben, über Konsum und Geldbesitz sowie über die Tragfähigkeit zeitgenössischer Sinnangebote ein – im Sinne eines „Probedenkens" (Doepner). Zweitens den konstruktivistisch-historischen Zugang: Anhand konträrer Quellen – Franziskus-Testament, Giotto-Bildzyklus, moderne Kunstwerke – sollen Schülerinnen und Schüler selbst nachvollziehen, dass historisches Geschehen immer gedeutetes Geschehen ist. Luise Rinsers Roman „Bruder Feuer" bietet einen multiperspektivischen Erzählrahmen für szenische und kreative Auseinandersetzungen. Drittens den biografischen Zugang, der ausdrücklich auch Frauen der Armutsbewegungen einschließt: Clara von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Mechthild von Magdeburg – Figuren, die eigenständige Positionen bezogen und kirchengeschichtliche Entwicklungen mitgeprägt haben, und die Fragen nach Geschlechterrollen damals und heute produktiv aufwerfen.

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