Der Artikel geht von der These aus, dass mythische Welterschließung nicht nur durch einen besonderen Umgang mit Zeit, sondern ebenso durch einen besonderen Umgang mit Raum geprägt ist. Anders als das neuzeitliche Denken betrachtet mythisches Denken Raum nicht als homogenen geometrischen Bereich. Vielmehr werden Orte, Richtungen und Landschaften mit Bedeutungen verbunden. Auf diese Weise können nicht räumliche Größen wie Heiligkeit, Gericht, Hoffnung, Leben oder Unverfügbarkeit räumlich dargestellt werden. Der Artikel zeigt diese Raumlogik am Beispiel Jerusalems.
Zunächst beschreibt der Beitrag den Tempel als Zentrum des religiösen Symbolsystems Jerusalems. Das Tempelgebäude war von mehreren Vorhöfen und schließlich vom Mauerring der Stadt umgeben. Dadurch entstand eine stufenweise Abgrenzung vom Profanen hin zum Heiligen. Im innersten Raum, dem Allerheiligsten, lag das mythische Zentrum. Dieser Raum blieb auch dann bedeutungsvoll, als er nach dem Wiederaufbau leer war. Entscheidend war nicht eine materielle Fülle, sondern das, was er symbolisch repräsentierte. Die konzentrischen Zonen des Tempels machten sichtbar, dass das Heilige ausgesondert, geschützt und dem unmittelbaren Zugriff entzogen ist.
Diese formale räumliche Sonderung wurde durch ein Bildprogramm inhaltlich bestimmt. Die Wände und Türen des Tempels waren mit Keruben, Palmen und Blütenmotiven geschmückt. In der Verbindung dieser Motive erkannte der Autor das altorientalische Bild des Lebensbaumes. So wurde im Zentrum des Tempels die Fülle des Lebens dargestellt. Zugleich machten die Keruben deutlich, dass diese Fülle geschützt und unverfügbar ist. Der Tempel verkörperte damit die Lebensfülle, auf die alles ausgerichtet ist, die aber nicht einfach vom Menschen angeeignet werden kann.
Daran knüpft die biblische Schöpfungserzählung an. Der Artikel zeigt enge Bezüge zwischen Tempel und Paradies. Beide orientieren sich nach Osten. In beiden erscheinen Keruben als Wächter des Lebensbaumes. Dadurch wird der Tempel als Repräsentation des Paradieses gedeutet. In seinem Zentrum steht die Fülle des Lebens, die dem Menschen verheißen, aber zugleich entzogen ist. Spätere Texte wie das äthiopische Henochbuch greifen diese Verbindung auf und entwerfen die Hoffnung, dass der Baum des Lebens am Ende der Zeit nach Jerusalem gebracht werde.
Ein weiteres Symbol des Lebens war das Wasser. Die bronzenen Wasserbecken vor dem Tempel standen ebenfalls für Lebensfülle, waren aber so groß, dass auch sie dem direkten Zugriff entzogen blieben. Spätere prophetische und apokalyptische Texte entwickeln daraus die Vorstellung, dass in der endzeitlichen Heilszeit eine Quelle vom Tempel ausgehen und dem ganzen Land Leben schenken werde. Das Wasser wird so zum Bild einer kommenden göttlichen Lebenskraft, die die gesamte Wirklichkeit verwandelt.
Dann wendet sich der Artikel der vertikalen Dimension der Sinnlandschaft zu. Während die bisherigen Bilder das Heilige horizontal im Raum zentrieren, geht es nun um die Frage, wo Gott selbst verortet wird. Frühere Texte konnten noch von einem Wohnen Gottes im Tempel sprechen. Später wird Gott zunehmend in die Höhe gerückt und im Himmel angesetzt. Diese Verlagerung dient nicht einer naturwissenschaftlichen Ortsangabe, sondern der Sicherung seiner Unverfügbarkeit. So entsteht die Vorstellung einer axis mundi, einer Weltachse, an der Himmel und Erde miteinander verbunden sind. Der Tempelberg wird zum Punkt, an dem sich diese vertikale Verbindung konzentriert.
Anschließend behandelt der Artikel die symbolische Bedeutung des Westens. Weil die Sonne im Westen untergeht, ist diese Richtung im mythischen Denken mit Tod und Untergang verbunden. Entsprechend lagen westlich von Jerusalem Nekropolen und das Hinnomtal wurde mit Totenkult und später mit Schuld, Gericht und Strafe verknüpft. Aus der Erinnerung an vergangene Vergehen und Katastrophen entwickelte sich allmählich die Vorstellung eines endzeitlichen Strafortes. Der Name Gehenna löste sich schließlich vom konkreten Tal und wurde zum allgemeinen Begriff für die Hölle.
Demgegenüber steht der Osten als Richtung des Heils. In Ezechiels Vision verlässt die Herrlichkeit Gottes die Stadt nach Osten, als Gericht über Jerusalem angekündigt wird. Später kehrt sie auf demselben Weg von Osten zurück. Damit wird ein räumlicher Bogen zwischen Stadt und Ölberg entworfen, der Untergang und Wiederherstellung abbildet. Spätere prophetische Texte entfalten diese Hoffnung weiter. Vom Tempel soll in der Heilszeit Wasser des Lebens ausgehen und das Land bis hin zum Toten Meer verwandeln. Der Osten und die Rückkehr Gottes werden so zu Bildern der Wiederherstellung und Vollendung.
Nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer blieb diese Sinnlandschaft in jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen wirksam. Der Artikel zeigt, dass die religiösen Deutungen des Raumes weitergeschrieben wurden. In jüdischen und christlichen Überlieferungen wird das Kidrontal mit Gehenna oder dem Tal des Gerichts verbunden. Frühislamische Traditionen entwickeln daraus eine umfassende eschatologische Landschaft. Der Ölberg, das Goldene Tor, der Felsendom und die Brücke über das Tal werden zu Orten des Gerichts, der Rettung und des Übergangs. Der Felsendom steht dabei auf der alten axis mundi und führt die Vorstellung des heiligen Zentrums fort.
Der Artikel endet mit der Einsicht, dass diese Sinnlandschaft nicht aus einem fertigen Lehrsystem abgeleitet wurde. Vielmehr ist sie durch eine lange religiöse Praxis des Deutens und Verräumlichens entstanden. In Jerusalem wurden zentrale Hoffnungen und Ängste des Glaubens räumlich ausgedrückt. Gerade dadurch konnte Orientierung im Leben gestiftet werden. Die mythische Verräumlichung verbindet Sinn und Sinnlichkeit. Im Unterschied zum geometrischen Raum ist sie nicht technisch nützlich, sondern religiös bedeutungsvoll, weil sie Erfahrungen von Heiligkeit, Gericht, Leben und Hoffnung anschaulich macht.