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Erdbeben, Weltkriege und andere Erschütterungen

Veröffentlichung:1.1.2011

Der Fachartikel von Jürgen Kost ist im Heft ru heute 01 2011 unter dem Titel „“ enthalten und umfasst die Seiten 18 bis 20. Er untersucht, wie die Theodizeefrage in zentralen Werken der deutschen Literatur verarbeitet wird. Behandelt werden dabei vor allem die theologischen Probleme der Rechtfertigung Gottes angesichts von Naturkatastrophen und Krieg, die Frage nach göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Schuld sowie die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis im Blick auf das Böse.

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Der Artikel nimmt seinen Ausgang beim Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, das nicht nur eine gewaltige Naturkatastrophe war, sondern auch eine geistige Erschütterung auslöste. Die Zerstörung der Stadt und die hohe Zahl an Opfern führten dazu, dass die Frage nach Gottes Gerechtigkeit neu und mit großer Dringlichkeit gestellt wurde. Am Beispiel von Goethes autobiographischem Werk Dichtung und Wahrheit wird gezeigt, wie schon das kindliche Gemüt angesichts einer Katastrophe ins Wanken gerät, wenn Gott als weiser und gütiger Schöpfer vorgestellt wird, aber Gerechte und Ungerechte gleichermaßen vernichtet werden. Die Literatur übernimmt dabei nicht die Aufgabe, die Theodizeefrage zu lösen, sondern sie macht die Erschütterung sichtbar, stellt unterschiedliche Deutungen nebeneinander und fordert die Leser dazu auf, sich selbst zu positionieren. Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung auch für den Religionsunterricht.

Anschließend wird Heinrich von Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili in den Blick genommen. Vor dem Hintergrund der Diskussion um Lissabon wird deutlich, dass auch Kleists Text eine Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage darstellt. Erzählt wird die Geschichte der Liebenden Jeronimo und Josephe, deren verbotene Beziehung gesellschaftlich geächtet wird und die durch ein Erdbeben scheinbar gerettet werden. In einem Dankgottesdienst deutet ein Prediger die Katastrophe als göttliche Strafe für moralischen Verfall und ausdrücklich auch für die Liebe der beiden. Die Menge folgt dieser Deutung und erschlägt das Paar. Der Erzähler jedoch legt eine andere Perspektive nahe. Er zeigt, dass gerade die Vertreter der bigotten Gesellschaft und die Institutionen der Macht durch das Erdbeben zerstört werden, während unter den Überlebenden zunächst eine versöhnte und solidarische Gemeinschaft entsteht. Erst durch religiösen Fanatismus wird diese Idylle vernichtet. So stehen zwei gegensätzliche Deutungen nebeneinander: eine, die das Ereignis als Bestätigung moralischer Ordnung versteht, und eine, die die bestehende Gesellschaft selbst als ungerecht entlarvt. Kleist selbst bleibt skeptisch gegenüber jeder vorschnellen Erklärung und macht deutlich, wie problematisch menschliche Gewissheit über Gottes Absichten ist.

Ein zweites Beispiel bildet Wolfgang Borcherts Drama Draußen vor der Tür, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Hier wird die Theodizeefrage angesichts von Krieg und millionenfachem Sterben neu gestellt. Im Vorspiel tritt Gott als alter Mann auf, der mit dem Tod spricht. Gott leidet darunter, dass die Menschen sich von ihm abgewandt haben und einander töten. Er kann die Entscheidungen der Menschen nicht ändern, weil ihnen Freiheit gegeben ist. Diese Deutung entlastet Gott und macht den Menschen verantwortlich für das Böse. Doch im weiteren Verlauf des Dramas wird diese Erklärung durch die Figur Beckmann in Frage gestellt. Beckmann konfrontiert Gott mit konkretem Leid und wirft ihm vor, nicht da gewesen zu sein, als Menschen in Bombennächten und Ruinen nach ihm suchten. Gott erscheint hier schwach und weinerlich, seine theologische Rechtfertigung überzeugt nicht. Damit wird deutlich, dass eine rein theoretische Erklärung des Bösen angesichts existentiellen Leids nicht trägt. Zugleich deutet sich die Forderung nach einer neuen, lebensnahen Theologie an, die Gott nicht in Kirchen einschließt, sondern ihn als gegenwärtig in der Not denkt.

Abschließend wendet sich der Artikel dem Prolog im Himmel aus Goethes Faust zu. Hier wird ein Weltbild entworfen, das eine in sich geschlossene Antwort auf die Theodizeefrage anbietet. Die Engel preisen eine Schöpfungsordnung, in der auch Naturkatastrophen und Zerstörung Teil einer umfassenden Harmonie sind. Aus himmlischer Perspektive fügen sich Chaos und Leid in einen größeren Sinnzusammenhang ein. Der Teufel erscheint nicht als eigenständiger Gegenspieler Gottes, sondern als Teil der göttlichen Ordnung, als Kraft, die das Böse will und doch letztlich Gutes bewirkt. Das Böse wird damit in eine umfassende Gesamtordnung integriert. Dass Menschen daran Anstoß nehmen und Gott infrage stellen, wird als Folge ihrer begrenzten Erkenntnisfähigkeit verstanden.

Der Artikel zeigt insgesamt, dass die deutsche Literatur unterschiedliche Antworten auf die Theodizeefrage anbietet, von skeptischer Offenheit über radikale Anklage bis hin zu einer harmonisierenden Gesamtdeutung. Gemeinsam ist diesen Werken, dass sie die Frage nach Gott angesichts von Katastrophen nicht einfach lösen, sondern sie als bleibende Herausforderung des Denkens und Glaubens sichtbar machen.

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