Der Artikel untersucht die Frage, wie originell die Bergpredigt tatsächlich ist. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Bergpredigt häufig als besonders typischer Ausdruck der jesuanischen Ethik gelesen wird. Diese Sicht ist nach der Autorin zwar richtig, muss aber ergänzt werden. Die Bergpredigt steht nämlich in einem intensiven Austausch mit jüdischen Traditionen und greift zahlreiche Motive aus den Schriften Israels sowie aus frühjüdischen Texten auf. Darüber hinaus lassen sich auch Bezüge zu nichtjüdischen ethischen Vorstellungen der Antike erkennen.
Zunächst richtet der Artikel den Blick auf die Seligpreisungen. Dabei wird gezeigt, dass bereits im Alten Testament und in frühjüdischen Texten Menschen selig gepriesen werden, die nach Gottes Weisung leben, gerecht handeln und sich den Schwachen zuwenden. Die Seligpreisungen der Bergpredigt stehen also in einer bekannten religiösen Sprachform. Auch inhaltlich gibt es viele Parallelen. Menschen werden glücklich gepriesen, wenn sie barmherzig, sanftmütig, friedensstiftend oder gerechtigkeitsorientiert leben. Die Bergpredigt ermutigt damit zu einem Leben im Sinne der Tora. Eine Besonderheit liegt jedoch in den Seligpreisungen der Trauernden, Armen und Verfolgten. Hier geht es stärker um die voraussetzungslose Zuwendung Gottes zu leidenden Menschen. Gerade dieser Akzent könnte auf Jesus selbst zurückgehen. Matthäus verbindet also vertraute Traditionen mit einer eigenständigen theologischen Gestaltung.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf den sogenannten Antithesen. Auf den ersten Blick scheint Jesus dort der jüdischen Tradition etwas völlig Neues entgegenzusetzen. Tatsächlich macht Matthäus aber deutlich, dass Jesus die Tora nicht aufhebt, sondern erfüllt und autoritativ auslegt. Deshalb geht es nicht um einen Bruch mit der jüdischen Überlieferung, sondern um eine pointierte Deutung innerhalb jüdischer Auslegungsdiskussionen.
Das zeigt die Autorin besonders am Gebot der Feindesliebe. Dieses wurde in der christlichen Tradition oft als völlig neu und ausschließlich christlich verstanden. Der Artikel weist jedoch nach, dass es in jüdischen Texten bereits Vorstellungen gibt, die zu wohlwollendem Verhalten gegenüber Feinden auffordern. Beispiele finden sich im Buch Exodus, in den Sprüchen, bei Philo, in Midraschim und in weiteren frühjüdischen Schriften. Auch in nichtjüdischen Texten etwa bei Cicero, Epiktet und Seneca gibt es ähnliche Gedanken. Das Gebot der Feindesliebe ist also nicht ohne Vorstufen. Dennoch setzt Matthäus einen eigenen Akzent, weil Jesus sich bewusst innerhalb dieser Diskussionen positioniert und das Nächstenliebegebot in besonderer Schärfe erweitert. Theologisch begründet wird dies mit dem Verhalten Gottes, der seine Güte Gerechten und Ungerechten zukommen lässt. Menschen sollen deshalb so handeln, wie Gott handelt.
Darüber hinaus zeigt der Artikel an weiteren Beispielen, dass auch andere Aussagen der Bergpredigt in jüdischen Traditionen verwurzelt sind. Dazu gehören das Tötungsverbot, die Warnung vor dem begehrlichen Blick, die Kritik am Schwören, der Gewaltverzicht, das Vaterunser, die Vergebungsbitte, die Goldene Regel und die Lehre von den zwei Wegen. Immer wieder wird deutlich, dass Matthäus aus dem reichen Schatz der jüdischen Schriften und ihrer Auslegung schöpft.
Am Ende kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass die Bergpredigt nicht als völlig neue und traditionslose Lehre verstanden werden sollte. Ihre Besonderheit liegt weniger in vollständig neuen Inhalten als vielmehr in der kunstvollen Komposition, in der rhetorischen Zuspitzung und in der theologischen Einordnung in die Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes. Matthäus präsentiert Jesus als jüdischen Lehrer, der Altes und Neues miteinander verbindet und die bekannten Traditionen in einer neuen Tiefe auf die Gegenwart Gottes hin auslegt.