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Katholische Akademie Bayern

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Leibniz’ Unionsbestrebungen als Mitarbeit am Reich Gottes

Kann man ihn wirklich als einen Pionier der Ökumene sehen?

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel umfasst die Seiten 40 bis 45, also fünf Seiten. In knapper Form lässt sich sagen: Der Beitrag zeigt, dass Gottfried Wilhelm Leibniz weit mehr war als ein Gelehrter mit beiläufigem Interesse an kirchlicher Einheit. Sein Einsatz für die Überwindung der Kirchenspaltung war tief in seiner Philosophie, seiner Theologie und seinem politischen Denken verankert. Der Artikel behandelt dabei vor allem die theologischen Probleme der Kirchenspaltung, das Verhältnis von Wahrheit und Einheit, die Frage nach der Autorität von Kirche und Schrift, das Verhältnis von Glaube und Vernunft, die Bedeutung von Liebe als Grundbedingung kirchlicher Versöhnung sowie die Frage, wie konfessionelle Differenzen ohne Preisgabe der eigenen Überzeugung bearbeitet werden können.

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Der Beitrag fragt, ob Gottfried Wilhelm Leibniz mit Recht als Pionier der Ökumene bezeichnet werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass seine zahlreichen Schriften und Briefe in den letzten Jahrzehnten ein immer klareres Bild des Ökumenikers Leibniz hervortreten lassen. Zwar wird in der Forschung eingewandt, dass der Begriff Ökumene in seinem heutigen Sinn zu Leibniz’ Zeit noch nicht existierte und dass viele seiner Einigungsbemühungen auch mit politischen und dynastischen Interessen der Fürsten verknüpft waren, in deren Dienst er stand. Der Artikel zeigt jedoch, dass Leibniz’ Engagement nicht auf bloße Auftragsarbeit reduziert werden kann. Vielmehr wird deutlich, dass ihn die Spaltung der Christenheit seit seiner Jugend beschäftigte und dass er aus persönlicher Überzeugung nach Wegen der Versöhnung suchte.

Dabei verweist der Text zunächst auf Leibniz’ biografische und historische Voraussetzungen. Als Angehöriger einer Generation, die noch vom Dreißigjährigen Krieg geprägt war, erlebte er die konfessionelle Spaltung als schmerzliche Wirklichkeit. In Leipzig war er zudem von einem strengen lutherischen Konfessionalismus umgeben, der wenig offen für Ausgleich und Verständigung war. Schon früh zeigte Leibniz Sympathie für irenische Theologen, die auf Frieden und Annäherung zwischen den Konfessionen zielten. Zugleich wird im Artikel herausgestellt, dass sein ökumenisches Denken über bloße Irenik hinausging. Schon als junger Gelehrter verband er die Hoffnung auf kirchliche Einigung mit dem Plan einer wissenschaftlich strengen Methode, die Klarheit in strittige Begriffe und Positionen bringen sollte. Er wollte Recht, Philosophie, Theologie und Wissenschaft in eine umfassende Ordnung stellen, um Wahrheit rational zu erschließen und Streit auf dieser Grundlage zu überwinden.

Der Text macht deutlich, dass Leibniz Theologie, Philosophie und Kirchenunion nicht als getrennte Felder verstand. Für ihn sollte eine allgemeine Wissenschaft entstehen, die durch klare Begriffe und logische Beweisführung den Weg zur Wahrheit öffnet. Dabei unterschied er zwischen Inhalten, die durch Vernunft einsichtig sind, und den Mysterien des Glaubens, die nicht vernunftwidrig, sondern nur vernunftübersteigend sind. Auf dieser Grundlage wollte er zeigen, dass christliche Glaubenswahrheiten möglich und vernünftig verantwortbar sind. Daraus ergibt sich seine Vorstellung, dass kirchliche Einheit nicht allein durch politische Verhandlungen oder pragmatische Kompromisse erreicht werden kann, sondern eine geistige und begriffliche Vorarbeit erfordert. Im Artikel wird dies als zentraler Ansatz seines ökumenischen Denkens beschrieben.

Besonders wichtig ist der Gedanke, dass Leibniz die Einheit der Christenheit einem noch umfassenderen Ziel unterordnet. Es geht ihm nicht nur um Kirchenpolitik, sondern um das Wohl der ganzen Menschheit. Der Artikel beschreibt dies mit Blick auf seine Metaphysik als Mitarbeit am Reich Gottes beziehungsweise an der universalen Herrschaft Gottes. Gott erscheint bei Leibniz als vollkommen vernünftig, gerecht und gut, und deshalb kann das Ziel göttlicher Herrschaft nur in der Vervollkommnung der Menschheit und der Schöpfung bestehen. Leibniz versteht sich selbst als Mitarbeiter in dieser Ordnung Gottes. Seine ökumenischen Bemühungen stehen deshalb im Dienst eines umfassenden Friedens und einer gesteigerten Glückseligkeit der Menschen. Diese Weite des Horizonts macht nach Auffassung des Artikels einen wesentlichen Teil seiner ökumenischen Bedeutung aus.

Im weiteren Verlauf zeigt der Beitrag, wie sich Leibniz’ Grundideen in seinen konkreten Unionsbemühungen niederschlagen. Historisch gesehen blieben seine Verhandlungen zwar ohne durchschlagenden Erfolg. Weder zwischen Lutheranern und Katholiken noch zwischen Lutheranern und Reformierten gelang eine sichtbare Einigung. Dennoch deutet der Artikel dieses Scheitern nicht als Beweis gegen die Ernsthaftigkeit oder Weitsicht seines Denkens. Vielmehr wird hervorgehoben, dass Leibniz trotz Rückschlägen am Ziel der Einheit festhielt und aufmerksam auf günstige politische Konstellationen wartete, die er Konjunkturen nannte. Er verband also theologisches Vertrauen mit politischer Wachsamkeit und praktischer Beharrlichkeit.

Ein zentrales theologisches Motiv des Artikels ist Leibniz’ Überzeugung, dass Kirchenspaltungen nicht zuerst aus Lehrunterschieden entstehen, sondern aus einem Mangel an Liebe. Diese Liebe versteht Leibniz nicht bloß gefühlsmäßig, sondern als universelles Wohlwollen, das auf das Glück des anderen und letztlich auf das Wohl aller zielt. Darin liegt für ihn die eigentliche Grundlage kirchlicher Einheit. Der Artikel betont, dass Verhandlungen deshalb nicht eigennützig oder machtorientiert geführt werden dürfen, sondern im Geist einer Liebe, die das Gegenüber ernst nimmt. Leibniz will keine erzwungene Einheit und keine Auflösung der bestehenden Kirchen in eine unbestimmte dritte Gestalt. Stattdessen bemüht er sich darum, die eigene Wahrheit so zu formulieren, dass auch die Wahrheit des Gegenübers sichtbar und anerkennbar wird. Wahrheit soll also nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihrer tieferen Übereinstimmung erschlossen werden.

Von besonderer Bedeutung ist deshalb seine methodische Einsicht, dass viele theologische Konflikte auf unterschiedlichen philosophischen Voraussetzungen beruhen. Leibniz ist überzeugt, dass scheinbar unvereinbare Lehrmeinungen oft deshalb entstehen, weil Begriffe unklar bleiben oder philosophische Vorentscheidungen nicht reflektiert werden. Darum setzt er auf begriffliche Klärung und rationale Durchdringung als Voraussetzung für theologische Verständigung. Der Artikel nennt dies die eigentliche Eigenart von Leibniz’ ökumenischer Methode. Er sucht nicht bloß einen pragmatischen Mittelweg, sondern eine tiefere Verständigung, die philosophische Missverständnisse aufdeckt und dadurch neue Annäherungen ermöglicht. Genau hier sieht der Beitrag die Besonderheit seines Ansatzes im Unterschied zu anderen irenischen Strömungen seiner Zeit.

Am Ende würdigt der Artikel Leibniz als einen Denker von großer ökumenischer Weite. Sein Horizont überschreitet die Auseinandersetzungen zwischen einzelnen westlichen Konfessionen. Er denkt auch an die Orthodoxie, an den Anglikanismus, an die Kirchen des Ostens und sogar an den Austausch zwischen Europa und China. Seine Vorstellung von Ökumene bezieht die ganze bewohnte Welt ein. Damit erscheint Leibniz als Gelehrter, dessen Denken seiner Zeit in mancher Hinsicht weit voraus war. Der Beitrag kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass Leibniz trotz aller historischen Unterschiede mit guten Gründen als Pionier der Ökumene bezeichnet werden kann. Für Lehrkräfte ist der Fachartikel besonders ertragreich, weil er zeigt, wie eng bei Leibniz Glaube, Vernunft, Kirchenverständnis, Wissenschaft und Friedensethik miteinander verbunden sind und wie konfessionelle Verständigung als geistige, theologische und zugleich menschliche Aufgabe verstanden werden kann.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/1 Jesus Christus und die Kirche

12.1 / 5. Ökumene als Auftrag und Verpflichtung.

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