Das Interview setzt bei der Beobachtung an, dass sich die Debatte um digitale Formate seit der Coronapandemie verschoben hat. Zunächst ging es vor allem um schnelle Materialverteilung, inzwischen stärker um Chancen und Risiken schulischer Bildung unter digitalen Bedingungen. Thorsten Groß beschreibt, dass seine Schule in anderthalb Jahren einen deutlichen Kompetenzzuwachs erlebt hat, sowohl im Kollegium als auch bei den Lernenden. Viele haben gelernt, mit Schulportal und Lernplattformen umzugehen und möchten mit besserer Ausstattung Tablets häufiger auch im Präsenzunterricht nutzen. Er betont zugleich, dass die pädagogischen Möglichkeiten im Präsenzunterricht größer bleiben, weil Lehrkräfte Gruppenprozesse besser im Blick haben, intuitiver intervenieren und die persönliche Beziehung unmittelbarer gestalten können. In digitalen Settings zeigen sich laut Groß deutlicher die Unterschiede zwischen Lernenden, die selbstorganisiert arbeiten können, und solchen, die stärker auf Begleitung angewiesen sind. Digitale Gruppenarbeit kann leistungsstarke und selbstständige Lernende fördern, aber Lernschwächere benachteiligen, weil Nachsteuern mehr Zeit kostet und Probleme erst sprachlich kommuniziert werden müssen. Auch Konflikte lassen sich schwieriger auffangen, es sei denn, sie werden sichtbar, etwa durch entgleisende Chatbeiträge. Groß schildert ein Beispiel, in dem er Chatverläufe gesichert, dokumentiert und die Beteiligten schriftlich zur Reflexion angeleitet hat, um ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass digitale Äußerungen nachvollziehbar und verantwortbar sind. Gerade anonyme Kommunikation könne den Unterricht zur Belastungsprobe machen, deshalb brauche es geschützte Lernräume und klare Regeln für die virtuelle Welt. Gleichzeitig macht er deutlich, dass es keine Patentrezepte gibt, weil Schule ein komplexes soziales Gefüge ist und digitale Methoden je nach Schulform, Lerngruppe und Rahmenbedingungen unterschiedlich wirken. Für die Frage, wie digitales Lernen und soziales Lernen zusammengehen, stellt Groß Lernen als neugierbasiert und möglichst intrinsisch motiviert dar. Als Grundlage nennt er die Bedeutung einer tragfähigen Verbindung zwischen Lehrkraft und Lernenden sowie einer lernförderlichen Atmosphäre. Wenn Vertrauen bereits besteht, lässt es sich in digitale Lernumgebungen mitnehmen und kann Ängste abfedern. Schwieriger sei es bei neuen Gruppen oder nach Schulwechseln, wenn Beziehungen erst aufgebaut werden müssen und Leistungsrückgänge auftreten, ohne dass Gründe in Gesprächen klar benennbar werden. Darum brauche erfolgreiches Lernen ein differenziertes, nachvollziehbares Angebot mit niedrigschwelligen Einstiegen. Digitale Werkzeuge sollten allen vertraut sein, was in der Praxis nicht immer gelingt, doch schon das sichere Zurechtkommen auf der Lernplattform sei ein wichtiger Schritt. Zur Förderung intrinsischer Motivation empfiehlt Groß selbstrelevante Bezüge. Er lässt zum Beispiel Lernende Orte vorstellen, die sie selbst erlebt haben oder erleben möchten, damit eigene Ideen sichtbar werden. Für Ethik nennt er Beispiele, die humorvoll sind und Selbstbezug ermöglichen, ohne zur Selbstentblößung zu führen, etwa über die online verfügbaren Monster des Alltags. Für die Oberstufe beschreibt er eine Methode, abstrakte Theorien in kleinen Skizzen zu visualisieren, diese zu fotografieren und hochzuladen. Das sei niedrigschwellig, motivierend und zugleich kompetenzorientiert, weil visuelle Darstellungen später auch in Präsentationen bedeutsam sind. Auf die Frage nach Kolleginnen und Kollegen, die digitale Tools meiden, zeigt er Verständnis für Frust durch Technikprobleme, fehlendes Feedback im Distanzunterricht und schlechte Administration. Zugleich betont er, dass viele die medialen Möglichkeiten inzwischen auch im Präsenzunterricht vermissen und digitale Formate enorme Chancen bieten. Ein Schwerpunkt ist für ihn die Entwicklung einer Feedbackkultur und Notentransparenz. Er beschreibt, wie Lernende online gegenseitig Rückmeldungen geben können, unterstützt durch zuvor gemeinsam erarbeitete Kriterien, die in einem Wiki festgehalten und dann als Raster in Aufgaben eingebunden werden. Groß schildert, dass Lernende dadurch Kriterien bewusster wahrnehmen, weil eigene Leistung und Bewertungsmaßstab gleichzeitig sichtbar sind, und dass differenzierte Rückmeldungen motivierender sind als reine Punktzahlen. Er nutzt zudem Selbsteinschätzungen über Screenshots, um Perspektiven der Lernenden einzubeziehen und zugleich eine kleine Binnendifferenzierung zu erreichen. Er räumt ein, dass Einarbeitung Zeit kostet, verweist aber auf Fortbildungen und sieht Lernplattformen grundsätzlich als Ergänzung, nicht als Ersatz von Unterricht. Für Lehrkräfte, die sich weiterentwickeln wollen, nennt er eine Lernhaltung, Fehlertoleranz und den Mut, sich zu vernetzen. Man solle sich als Lernender verstehen, Fragen öffentlich bearbeiten, mit offenen Werkzeugen starten und Unterstützung in Communitys suchen. Sinnvoll sei auch schulinterne Hilfe, etwa kleine Austauschgruppen, Sprechstunden durch versierte Kolleginnen und Kollegen und die Umkehrung von Rollen, wenn Lernende Funktionen erklären, die Lehrkräfte noch nicht sicher beherrschen. Frust entstehe besonders, wenn eingeführte Werkzeuge später wieder untersagt werden, deshalb empfiehlt er offene Software und hohe Datenschutzstandards. Als Beispiel nennt er ein Forum in Religion zur Schöpfung, in dem Lernende nach kurzer Einführung selbstständig Beiträge und Links gesammelt haben. Beim Blick auf die Zukunft betont Groß, dass digitale Schule sehr ungleich entwickelt ist und die Grundlage ein stabiles leistungsfähiges WLAN bleibt. Positiv bewertet er landesweite Angebote wie ein Schulportal mit Lernplattform und Portfolio Werkzeugen, weil gemeinsame Standards Austausch erleichtern. Er beschreibt seine Erfahrungen mit Barcamps und Festivals als Orte hoher Motivation und fragt, wie sich diese Motivation auf Schule übertragen lässt. Wichtig ist ihm, dass Lernende an solchen Entwicklungen beteiligt werden, damit sie sich nicht als Objekte, sondern als Mitgestaltende verstehen und individualisiertes Lernen tatsächlich gelingt. Für die Digitale Schule 2030 entwirft er ein Bild lebendigen kooperativen Unterrichts, der analog und digital sinnvoll wechselt und analoge Fertigkeiten nicht verdrängt. Er sieht eine zunehmende Nutzung eigener Geräte bei Lehrenden und Lernenden, weist aber auf Fragen der Chancengleichheit hin und erwähnt Unterstützungsmaßnahmen für bedürftige Lernende. Digitale Lernumgebungen könnten selbstgesteuertes Lernen, individuelles Tempo und vielfältige Lernprodukte ermöglichen, etwa Portfolios, Erklärvideos, digitales Erzählen oder spielbasierte Lernformen. Gleichzeitig warnt Groß vor Digitalisierung ohne Mehrwert und vor Abhängigkeit von Konzernen. Er schildert ein Beispiel, in dem Korrekturen über eine Firmenapp und eine Firmencloud laufen und Lernende sich registrieren müssten, um Rückmeldungen zu erhalten. Für ihn wäre das eine Bankrotterklärung von Schule, weil Bildung dann an Konzernlogiken und Datenspuren gebunden wird. Er plädiert deshalb für eine schulische Cloud und für Lösungen, die ohne Zwangsregistrierung funktionieren, und betont, dass Lernende nicht nur Nutzer von morgen, sondern Bürgerinnen und Bürger von morgen sind. Schule müsse sie in eine selbstbestimmte Zukunft begleiten, mit verantwortbaren Werkzeugen, klaren Regeln und einer Lernkultur, die Beziehung, Feedback, Motivation und Gerechtigkeit ernst nimmt.