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Kann man Beten lernen?

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Artikel ist im Heft ru heute 02 2017 enthalten unter dem Titel „Kann man Beten lernen? Chancen des Religionsunterrichts“ von Peter Kohlgraf. Er umfasst S. 4 bis 7 und damit 4 Seiten. Kohlgraf entfaltet Beten als Ausdruck des Glaubens und zeigt, dass Gebet nicht nur aus vorgegebenen Texten besteht, sondern auch Klage, Ringen, Fragen und Lob einschließt. Theologisch behandelt der Beitrag vor allem das Verhältnis von Lex credendi und Lex orandi, die Frage nach einem kindlichen und einem erwachsenen Gottesbild, die Erfahrung von Gottesferne und Glaubenskrise, die Spannung von Freiheit und Nicht Organisierbarkeit von Glauben sowie den Status des schulischen Religionsunterrichts zwischen Bildung und Katechese.

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Peter Kohlgraf nähert sich der Frage, ob man beten lernen kann, über die eng verwandte Frage, ob man glauben lernen kann. Beten ist Ausdruck des Glaubens, und in der Weise des Betens zeigt sich, was jemand glaubt. Sichtbar werden Gottesbild, Sehnsüchte, Fragen, aber auch Routine und Oberflächlichkeit. Viele Menschen erleben eine Not mit dem Beten, weil es leer wirkt oder nur Gewohnheit ist, und dahinter steht oft eine Glaubensnot. Kohlgraf erinnert daran, dass Beten nicht bloß das Aufsagen frommer Texte ist, sondern auch Ringen, Klagen, Loben und Fragen einschließt. Gerade die Psalmen zeigen die ganze Lebenswirklichkeit, sodass es keine Erfahrung gibt, die nicht in Beziehung zu Gott gebracht werden könnte. Um diese existenzielle Breite zu verdeutlichen, erzählt er eine Szene aus einem Roman von Leif Davidsen. Der Schwiegervater eines Mannes, der nach einem Verlust in Glaubensdunkel gerät, beschreibt, dass ein Mensch nicht im Vakuum leben kann und dass ein Mensch, der nicht beten kann, unglücklich ist. Nach dem Tod von Tochter und Enkelin erlebt er, dass Gott für ihn ein zweites Mal stirbt. Dennoch bleibt er in Klage und Fluch an Gott gebunden, denn wer Gott verflucht, setzt ihn als Gegenüber voraus. Für Kohlgraf zeigt dieses Beispiel einen Lernprozess, der schmerzhaft ist und oft mit dem Abschied von einem Kinderglauben verbunden ist, der Gott als allzuständigen Lenker versteht. Wenn Beten lernen möglich ist, dann zunächst als Standortbestimmung. Man muss die eigene Glaubenslage erkennen, prägende Erfahrungen benennen und fragen, welche Gebetsform dem eigenen Glauben entspricht. Zweifel können dabei nicht einfach Defizit sein, sondern notwendige Veränderung, damit Glauben erwachsen werden kann. Beten lernen heißt dann, das eigene Leben in Ehrlichkeit zur Sprache zu bringen, ohne fromme Floskeln, und Gott auch im Dunkel als Gegenüber zuzulassen. Damit wendet sich Kohlgraf der Schule zu und fragt, ob Religionsunterricht solche Standortbestimmung ermöglichen kann. Er deutet an, dass Religionsunterricht helfen kann, von kindlichen Vorstellungen zu tragfähigeren Formen zu gelangen, weil Glaube nicht auf Kindheitsniveau stehenbleiben darf. Im zweiten Teil erinnert er an das Synodendokument der Würzburger Synode von 1974 zum Religionsunterricht. Dort werden unterschiedliche Erwartungen an Religionsunterricht aufgelistet, etwa Vermittlung von Glaubenswahrheiten, Einübung von Frömmigkeit, Bibelkenntnis, wissenschaftliche Reflexion, religionskundliche Information oder moralische Erziehung. Die Synode beschreibt nüchtern, dass viele Schülerinnen und Schüler kirchlich desinteressiert sind und der Unterricht in einem pluralen Feld stattfindet. Darum gilt der Religionsunterricht gleichermaßen den Interessierten und den Ungläubigen, und er kann Nicht Glaubende nicht einfach in kirchliche Praxis einüben. Der Erfolg des Unterrichts wird nicht an der späteren Glaubenspraxis gemessen. Deshalb unterscheidet die Synode Religionsunterricht und Katechese, die sich ergänzen, aber nicht identisch sind. Anthropologisch begründet die Synode den Religionsunterricht damit, dass jeder Mensch Sinn sucht und Welt deutet und dafür religiöse oder andere Angebote nutzt. Religionsunterricht erschließt kulturelle Traditionen, die in Europa vom Christentum geprägt sind, und hilft zur Selbstwerdung, indem er Menschen überhaupt auf die großen Fragen nach Sinn, dem Ganzen und Letzten stößt. Er kann außerdem Absolutheitsansprüche relativieren und vor Teilwahrheiten warnen. Theologisch legt Religionsunterricht Grundlagen für ein christliches Welt und Lebensverständnis, indem er mit Bibel und kirchlicher Tradition arbeitet und von der Mitte des Glaubens her lernen lässt. Kohlgraf betont, dass im modernen Verständnis Offenbarung nicht primär satzhafte Wahrheit ist, sondern personales Beziehungsgeschehen, eine Begegnung und Partnerschaft zwischen Gott und Mensch, die dem Menschen zu seiner Identität helfen will. Darum müssen die Fragen des Menschen ernst genommen werden, ohne den Glauben auf bloße Anthropologie zu verkürzen. Religionsunterricht soll menschliche Grundphänomene theologisch verstehen helfen und Fragen in Offenheit gegenüber Schrift und Tradition deuten. Für die Leitfrage stellt Kohlgraf heraus, dass die Synode klar sagt, Glaube ist nie selbstverständlich und durch Methoden nicht organisierbar, weil Beziehung nicht machbar ist. Trotzdem kann Religionsunterricht die Möglichkeit einer freien Entscheidung zu Glaube und Glaubenspraxis fördern, indem er mit Formen gelebten Glaubens vertraut macht, ohne Freiheit zu verletzen. Wenn es gelingt, Lebensfragen und den Reichtum jüdisch christlicher Tradition ins Gespräch zu bringen, können Jugendliche zu einer erwachsenen Gestalt des Glaubens finden und damit auch zu einer angemessenen Weise des Betens. Religionsunterricht lädt ein, sich dem eigenen Leben zu stellen und vorschnelle Antworten zu vermeiden, sodass die Frage nach Gott offen bleiben kann. Als praktische Konsequenz würdigt Kohlgraf die Bedeutung traditioneller Gebetstexte. Sie sind nicht bloß harmlose Gedichte, bergen zwar die Gefahr gedankenlosen Aufsagens, können aber in Krisen Worte schenken, wenn eigene Worte fehlen. Sie machen religiös sprachfähig und wirken gegen Banalisierung. Deshalb soll Religionsunterricht auch den Mut haben, feste Gebete zu vermitteln, und Kohlgraf dankt den Lehrkräften, die dies tun und dabei auch durch das eigene Zeugnis tragen.

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