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Analytisches Denken im Dialog

Veröffentlichung:1.1.2017

Der Artikel ist im Heft ru heute 02 2017 enthalten unter dem Titel „Die Fremdheit des Vaterunsers“ von Gerhard Lohfink. Er umfasst S. 8 bis 11 und damit 4 Seiten. Lohfink zeigt, dass das Vaterunser zwar ständig gebetet wird, aber oft missverstanden bleibt, weil seine Form und sein Inhalt aus der konkreten Jüngersituation Jesu stammen und deshalb heutigen Beterinnen und Betern fremd geworden sind. Theologisch behandelt der Beitrag vor allem die Frage nach dem Reich Gottes als gegenwärtiger Wirklichkeit, nach dem Volk Gottes als Werkzeug göttlichen Handelns, nach Jüngerschaft als Lebensform, nach Solidarität und Vergebung innerhalb der Jesusbewegung sowie nach der schwierigen Bitte um Versuchung und Erprobung und damit nach dem realen Risiko des Glaubensverlustes.

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Gerhard Lohfink beginnt mit der Beobachtung, dass das Vaterunser zwar das bekannteste Gebet der Christenheit ist und vielen als selbstverständlich erscheint, diese Selbstverständlichkeit aber oft täuscht. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein widerständiges Gebet, das nicht von selbst einleuchtet. Es ist in vielem fremd geworden und seine Fremdheit muss erst ernst genommen werden, damit es wirklich zu Jesus hinführt und über Jesus zum Vater, an den es sich wendet. Diese Fremdheit zeigt sich bereits in der Form. Das Gebet ist extrem kurz, sogar in seiner ursprünglichen Gestalt noch knapper als in späteren Überlieferungen, und es widerspricht damit einer religiösen Tendenz zu langen Gebeten. Man könnte meinen, es sei nur ein katechetisches Schema, doch Jesus fordert ausdrücklich knappe, nicht plappernde Gebete, weil der Vater weiß, was die Betenden brauchen. Befremdlich ist auch, dass das Vaterunser in seiner Grundgestalt ein reines Bittgebet ist und bei Matthäus in einem Notschrei endet, weshalb später eine Doxologie angefügt wurde, die jedoch nicht ursprünglich ist. Lohfink erklärt diese Konzentration auf Bitte mit der Situation der Jesusbewegung, die von starkem Unglauben und Widerstand geprägt ist, sodass das Gebet zunächst vor allem flehentliche Bitte sein muss. Weiterhin weist er auf die eigenartige Grammatik der ersten drei Bitten hin. Die Passivformen lassen offen, wer handelt, und genau darin liegt eine Spannung. Gott selbst soll seinen Namen heiligen, sein Reich herbeiführen und seinen Willen geschehen lassen, zugleich sind die Jünger in diese Handlungen hineingenommen und sollen sie in ihrer Lebenspraxis mitvollziehen. Nach den formalen Beobachtungen zeigt Lohfink, dass auch der Inhalt fremd geworden ist. Die Bitte um die Heiligung des Namens Gottes meint nicht bloß ein respektvolles Aussprechen des Gottesnamens, sondern zielt auf Gottes Ansehen, Autorität und Ehre. Der Name Gottes wird in der Welt dadurch groß oder klein, dass sein Volk glaubwürdig lebt oder in einem erbärmlichen Zustand erscheint. Lohfink betont den alttestamentlichen Hintergrund, besonders Ezechiel 36, wo Gott ankündigt, sein Volk zu sammeln und zu heiligen, damit der unter den Völkern geschändete Name Gottes wieder als heilig erkannt wird. Die Bitte um das Kommen des Reiches Gottes ist ebenfalls fremd geworden, weil viele sie vorschnell auf einen jenseitigen Himmel beziehen. Lohfink erklärt, dass der Ausdruck Himmelreich im jüdischen Sprachgebrauch eine ehrfürchtige Umschreibung für Gottes Herrschaft ist. Gemeint ist nicht primär eine ferne Zukunft, sondern die Gegenwart dieser Welt und ihrer Geschichte, in die Gottes Herrschaft hineinbrechen soll, heute und hier, in die Verhältnisse, die von Elend und menschlicher Verfehlung geprägt sind. Auch die Bitte um das Geschehen des göttlichen Willens wird häufig individualistisch gelesen, als Bitte um persönliche Kraft, den Willen Gottes zu tun. Lohfink widerspricht dem nicht, hebt aber hervor, dass im biblischen Denken mit Gottes Wille vor allem Gottes Geschichtsplan gemeint ist, das, was Gott mit der Welt vorhat. Dieser Wille achtet die Freiheit des Menschen und stellt die Frage, ob Menschen sich in Gottes Plan einschwingen. Damit wird deutlich, dass die drei ersten Bitten unter verschiedenen Aspekten auf dasselbe zielen, auf Gottes Sorge für die Welt, auf das Anbrechen seiner anderen Herrschaft, auf ein Volk, das Gottes Heiligkeit in der Welt spiegelt, und auf die Verwirklichung des göttlichen Plans in der Geschichte. Erst der zweite Teil wendet sich den Sorgen der Menschen zu, genauer den Sorgen der Jünger. Lohfink deutet die Brotbitte daher nicht zuerst universal als Aufruf zu weltweiter Sozialethik, sondern als Bitte der Jünger, die mit Jesus unterwegs sind, keine Vorräte mitnehmen und auf tägliche Gastfreundschaft angewiesen sind. Das tägliche Brot meint das Brot für den kommenden Tag, und die Bitte setzt ein Vertrauen auf den Vater voraus, der an die Stelle des irdischen Vaters tritt. Dieses Vertrauen ist jedoch nicht irrational, sondern eingebettet in ein Netzwerk ortsgebundener Anhängerinnen und Anhänger, die die Wandernden aufnehmen und versorgen. Die Brotbitte rechnet also mit Solidarität und einem konkreten Miteinander innerhalb der Jesusbewegung. Ähnlich eng versteht Lohfink die Vergebungsbitte. Sie meint nicht allgemein Versöhnung im weitesten Sinne, sondern die Notwendigkeit fortwährender Vergebung in einer Gemeinschaft, in der man eng zusammenlebt, Konflikte unvermeidlich sind und man ohne tägliche Versöhnung nicht bestehen kann. Als besonders fremd beschreibt Lohfink die Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden. Viele stolpern darüber, weil Gott doch nicht zur Versuchung verleiten könne. Lohfink erklärt den biblischen Hintergrund der Erprobung, in die Gott Menschen führen kann, um ihren Glauben zu klären und zu stärken, wie bei Abraham oder Israel in der Wüste. Die Bitte richtet sich dann darauf, nicht in eine Erprobung geführt zu werden, die zu schwer wäre und in der die Jünger versagen könnten. Im letzten Teil fragt Lohfink, wie Fremdheit zur Heimat werden kann. Man muss zur ursprünglichen Situation der Jünger zurück, doch das ist wörtlich nicht möglich, weil Lebenswelt und Kultur sich verändert haben. Dennoch sieht er Parallelen in heutigen Minderheitensituationen von Christinnen und Christen, besonders dort, wo sie bedrängt sind und auf Solidarität von Haus zu Haus angewiesen bleiben. Er folgert, dass auch in Europa eine Situation droht, in der Christen als Minderheit leben und sich in ihrer Lebensform deutlicher unterscheiden müssen, wenn der Glaube nicht verschwinden soll. Das Vaterunser setzt in jeder Bitte Jüngerschaft inmitten einer lebendigen Jesusbewegung voraus. Auch die Bitte um Bewahrung vor Versuchung zielt dann nicht auf gewöhnliche bürgerliche Versuchungen, sondern auf die Gefahr, den Glauben und die eigene Berufung aufzugeben und sich der Umgebung anzupassen. Ebenso sind die ersten Bitten nicht allgemeine Weltethik, sondern verweisen auf das Volk Gottes als Werkzeug des Handelns Gottes in der Welt, auf einen Spiegel der Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes. Lohfink diagnostiziert eine Volk Gottes Vergessenheit, die sich in der Geschichte schrecklich gezeigt habe, und sieht im Vaterunser ein Gebet, das davon befreien und neu zu Reich Gottes, Volk Gottes und der Lebensform des Evangeliums hinführen kann. Gerade weil wir davon weit entfernt sind, ist das Vaterunser ein Rufen und ein einziger Schrei zu Gott. Es wird zu einem Gebet, das man nur wagen kann, wenn es einem wirklich um Gottes Ehre, das Kommen seines Reiches und die Glaubwürdigkeit seines Volkes geht. Dann aber, so Lohfinks Schluss, darf man es beten und es kann aus der Fremdheit heraus zur Heimat werden.

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