Im Gesamtüberblick entfaltet der Beitrag in zwei Schritten eine Deutung von Fremdheit und eine christliche Orientierung für das Zusammenleben in multireligiösen Kontexten. Zunächst macht van Hooff deutlich, dass Religion im Alltag als Lebensform sichtbar wird, verbunden mit Sprache, Kultur und Sozialität, und so Identität konstituiert und markiert. Was identitätsstiftend ist, wird für andere zugleich zum Fremden. Darum hat Multireligiosität einen tiefen anthropologischen Kern, der über reine Religionskunde hinausgeht, weil jeder Mensch dem anderen in gewisser Weise fremd bleibt. Im ersten Teil klärt er das Phänomen Fremdsein begrifflich und existentiell. Schon die Wortgeschichte von fremd verweist auf Abstand und Herkunft, der Fremde ist jemand, der aus einem anderen Raum in meinen Raum tritt, sodass seine Nichtzugehörigkeit unausweichlich wahrgenommen wird und das Gleichgewicht des Eigenen stören kann. Der Autor betont die aporetische Seite: Fremdheit kann nicht vollständig verstanden werden, weil Verstehen dazu tendiert, das Fremde ins Eigene zu übersetzen und damit aufzuheben. Fremdes lässt sich daher nicht einfach assimilieren, es bleibt ein Rest, der sich dem Zugriff entzieht, und genau das erzeugt bei vielen Menschen heftige Reaktionen. Als Ausweg skizziert er mit Bernhard Waldenfels eine Perspektivverschiebung: Nicht fragen, was das Fremde in sich sei, sondern wahrnehmen, dass das Fremde mich anspricht und eine Antwort verlangt. Begegnung wird so responsiv, als antwortendes Hinsehen und Hinhören, als Handeln im Modus der Antwort. Entscheidend ist, dass sich die Herausforderung durch den Fremden in eine Selbstherausforderung verwandelt. Im Blick auf das Fremde geht es dann nicht primär um dessen Wahrheit, sondern um meine Wahrheit, um Wahrhaftigkeit und um die Frage, ob ich mich mit einem überhöhten Selbstbild gegen die Realität abschotte. Rassismus und Diskriminierung entstehen nach dieser Logik nicht nur aus Abwertung des anderen, sondern aus einer pathologisch übersteigerten Selbstgewissheit. Darum schlägt van Hooff eine Haltung der epochè vor, eine Zurückhaltung im Seinsurteil über den anderen, weil die Maßstäbe schnell aus dem Eigenen stammen und den anderen vereinnahmen würden. Aus dieser Verletzbarkeit heraus beschreibt er Toleranz nicht als bloßes Dulden, sondern als Tragen, und zwar wechselseitig und asymmetrisch. Der Einheimische trägt das Geheimnis des Fremden und rührt nicht an dessen Fremdheit, der Fremde trägt umgekehrt die Selbstverunsicherung des Einheimischen, die seine Anwesenheit auslösen kann. Weil diese Toleranz nicht erzwingbar ist, braucht sie eine dritte Instanz, die in gesellschaftlicher Perspektive der Staat ist, der Rahmen, Schutz und Verbindlichkeit garantiert. Frieden ist darum kein Zustand, sondern ein dauerhaftes Geschehen, für das alle Verantwortung tragen.
Im zweiten Teil wechselt der Autor ausdrücklich in die theologische Perspektive und fragt, wie das christliche Menschenbild diesen Umgang begründet. Er setzt voraus, dass Toleranz auf der Anerkennung eines Grundrechts beruht, nämlich dass jeder Mensch allein aufgrund seines Daseins einen unaufhebbaren Wert besitzt, der geschützt werden muss. Historisch erinnert er daran, dass Religionen sich mit dieser Einsicht schwer taten, weil sie sich auf göttlichen Heilsplan beriefen, und würdigt den Einschnitt des Zweiten Vatikanischen Konzils. Besonders Nostra aetate versteht er als Ausdruck einer kirchlichen Selbstbefragung angesichts der Religionen der Welt. Die entscheidende Begründung ist schöpfungstheologisch: Alle Menschen sind Ebenbild Gottes, daher ist die Würde nicht von Religionszugehörigkeit abhängig. Verschiedenheit der Religionen bedeutet nicht Verschiedenheit der Menschenwürde, niemand ist als Mensch besser, weil er sich einer vermeintlich besseren Religion zurechnet. In diesem Sinn übernimmt der Glaube die Funktion des tertium, das Toleranz nicht nur fordert, sondern vor Entwürdigung schützt. Van Hooff zitiert den konziliaren Kern, dass Gott nicht als Vater angerufen werden kann, wenn Menschen die brüderliche Haltung verweigern, und dass jede Theorie oder Praxis, die Unterschiede in Würde und Rechten zwischen Menschen oder Völkern macht, damit ihr Fundament verliert. Diskriminierung und Gewalt widersprechen dem Geist Christi. Aus der Realität zunehmender globaler Verflechtung heraus fragt das Konzil, was Menschen miteinander verbindet, und würdigt Religion als Weise, die ungelösten Rätsel des Daseins auszudrücken und lebbar zu machen. Nostra aetate benennt exemplarisch Hinduismus, Buddhismus, Islam und besonders das Judentum mit einer spezifischen Nähe, die aus dem gemeinsamen biblischen Gottesglauben erwächst. Christologisch wird die universale Versöhnung in Christus betont, die nicht exklusiv nur auf Christen zielt. Daraus folgt konsequent die Praxis von Dialog und Zusammenarbeit, die Anerkennung, Wahrung und Förderung geistlicher, sittlicher und sozial kultureller Güter in anderen Religionen. Das Spezifikum christlicher Identität liegt für van Hooff gerade nicht in Abgrenzung, sondern in der Teilhabe an Gottes grenzenloser Offenheit für alle Menschen, wodurch interreligiöse Wertschätzung nicht Liberalismus trotz Glauben ist, sondern Ausdruck des Glaubens selbst.