Im Gespräch entfaltet Lehmann zunächst seine biographische Nähe zum Konzil. Er erzählt vom Aufbruch nach der Wahl Johannes des Dreiundzwanzigsten, von der Faszination der großen Theologen in Rom und von seiner Mitarbeit bei Karl Rahner. Dabei betont er, dass das Konzil nicht aus dem Nichts kam, sondern liturgische Bewegung, Bibelbewegung, ökumenische Impulse und die Stärkung der Laien bereits vieles vorbereitet hatten. Ebenso widerspricht er einer einfachen Schuldzuweisung, wonach kirchliche Rückgänge erst nach dem Konzil entstanden seien, und verweist darauf, dass manche Entwicklungen schon vorher einsetzten. Anschließend reagiert er auf den Konflikt um die Piusbruderschaft. Er sieht die Gefahr, dass zentrale Konzilsaussagen zur Verhandlungssache werden, und erinnert daran, dass es schon während des Konzils harte Auseinandersetzungen gab, besonders bei Religionsfreiheit und Toleranz. Lehmann räumt ein, dass das Konzil nicht in allen Punkten die Vermittlung zwischen christlichem Wahrheitsanspruch und neu bejahter Toleranz ausreichend ausbuchstabiert habe und dass daraus Unzufriedenheiten verständlich werden können, ohne deshalb die Grundlinie des Konzils in Frage zu stellen. Eine Einigung mit der Piusbruderschaft hält er eher für unwahrscheinlich, jedenfalls dürfe man die dogmatisch wichtigen Texte nicht zu bloß pastoralen Empfehlungen herabstufen. Die Konstitutionen über Offenbarung und Kirche sowie die Dokumente zu Ökumene und Religionsfreiheit seien verbindliche Orientierung der Kirche als ganzer, jede Verwässerung wäre ein Verlust des Konzils.
Von dort aus blickt er auf liturgische Entwicklungen seit Benedikt dem Sechzehnten. Er versteht manches als Reaktion auf Missbräuche und als Versuch, Freiheit wieder stärker an Ordnung und Kriterien zu binden, bezweifelt aber, dass ein restaurativer Weg trägt. Besonders kritisch sieht er eine Zunahme von Zentralismus, wenn lokale Zuständigkeiten für liturgische Fragen, Übersetzungen oder Gesangbucharbeit stärker nach Rom gezogen werden. Gerade zum Jubiläum müsse man deshalb die Konzilstexte neu lesen und lebendig halten, statt in vorkonziliare Muster zurückzufallen. Danach weitet sich das Gespräch auf offene kirchliche Fragen wie den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und das Thema Diakonat der Frau. Lehmann beschreibt die lange Dauer kirchlicher Entscheidungswege, kritisiert mangelnde Zivilcourage und fehlende Instrumente, um solche Anliegen kooperativ, argumentativ und zugleich beharrlich in die Weltkirche einzubringen. Er sieht hier eher die Bischofssynode als geeignetes Forum, weil tragfähige Entscheidungen eine mitgehende Verantwortung der Bischöfe brauchen.
Ekklesiologisch reflektiert Lehmann die Mehrdeutigkeit mancher Kirchenbilder in den Konzilstexten. Er hält die Pluralität der Bilder für sinnvoll, weil sie unterschiedliche Aspekte des Geheimnisses Kirche sichtbar macht. Zugleich warnt er vor neuer Klerikalisierung und einem wiedererstarkenden Obrigkeitsdenken. Vor Ort gelinge das Miteinander von Priestern und Laien oft besser als in manchen römischen Dokumenten, entscheidend seien Delegation, Anerkennung und die Fähigkeit, Engagement zu ermöglichen. Im Blick auf das Jahr des Glaubens diagnostiziert er weniger fehlende Bereitschaft als eine Minderung der Glaubensfähigkeit in einer Welt, die ohne Gott auszukommen meint. Umso wichtiger sei das Gesicht, mit dem Kirche Menschen begegnet, nämlich offen und ehrlich, auch mit Raum für Klage und Anfechtung. Er kritisiert institutionelle Verhaltensweisen, die dem eigenen Anspruch widersprechen, und plädiert für mehr Authentizität statt Überbewertung des Institutionellen.
Schließlich geht es um die Frage nach neuen synodalen Formen. Ein neues Konzil sieht Lehmann nicht, wohl aber Reformbedarf bei der Bischofssynode, damit sie an Struktur, Vollmacht und Repräsentativität gewinnt und so zu einem tragfähigen Instrument der Weltkirche wird. Die Erfahrung der Gemeinsamen Synode in Deutschland deutet er als Zeichen, dass trotz Pluralität Einigung möglich ist, auch wenn das heutige Kirchenrecht solche Formen begrenzt. Insgesamt ruft das Interview dazu auf, das Konzil nicht museal zu verwalten, sondern es gegen Kurzschlüsse, Polarisierungen und Zentralismus zu schützen, die dogmatische Substanz ernst zu nehmen, offene Fragen synodal zu bearbeiten und die Glaubwürdigkeit der Kirche geistlich und menschlich zu stärken.