RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Loccumer Pelikan

Loccumer Pelikan

Im Anfang war das Wort

B´reschit beziehungsweise Im Anfang. Ideen für die Jahrgänge 11-13

Veröffentlichung:3.3.2026

Der Beitrag „Im Anfang war das Wort – B’reschit beziehungsweise Im Anfang. Ideen für die Jahrgänge 11–13“ von Kirsten Rabe eröffnet für die gymnasiale Oberstufe einen vielschichtigen Zugang zum biblischen Motiv des Wortes Gottes. Literarische, biblisch-theologische, liturgische und hermeneutische Perspektiven werden miteinander verschränkt, sodass Sprache als schöpferische, offenbarende und dialogische Wirklichkeit erschlossen wird. Die Einheit eignet sich insbesondere für die Themenfelder Offenbarung, Schriftverständnis, Hermeneutik und interreligiöser Dialog.

Products

Ausgangspunkt ist eine lyrische Annäherung über Gedichte der jüdischen Schriftstellerin Hilde Domin. In Texten wie „Worte“, „Das Gefieder der Sprache“, „Vögel mit Wurzeln“ und „Ars longa“ wird Sprache als lebensstiftende, befreiende und geheimniserschließende Kraft beschrieben. Domin spricht vom „heiligen Atem“ des Wortes, von seiner Fähigkeit, neue Wirklichkeit hervorzubringen und zugleich Halt zu geben. Damit wird eine anthropologische Grunddimension erschlossen: Sprache konstituiert Wirklichkeit und eröffnet Beziehung. Religionspädagogisch ist dieser Zugang besonders fruchtbar, weil Schülerinnen und Schüler zunächst bei ihren eigenen Sprach- und Welterfahrungen ansetzen können, bevor theologische Tiefenschichten erschlossen werden. Die performative Dimension von Sprache – dass Worte nicht nur beschreiben, sondern Wirklichkeit schaffen – wird so existenziell nachvollziehbar.


Diese Einsichten führen in einem zweiten Schritt zur biblischen Grundlegung. Gen 1,1–5 präsentiert Gottes Wort als schöpferischen Sprechakt: „Gott sprach … und es geschah.“ Sprache bringt Ordnung ins Chaos, Licht in die Finsternis, Struktur in die Ungeformtheit. Der Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1,1–5) nimmt diese Motivik bewusst auf und deutet sie christologisch: Das Wort (Logos) ist bei Gott, ja ist Gott, und wird Fleisch in Jesus Christus. Hier eröffnet sich ein zentrales theologisches Lernfeld: die Spannung zwischen jüdischem Schriftverständnis und christologischer Relecture der hebräischen Bibel. Didaktisch bedeutsam ist die Sensibilisierung dafür, dass das Johannesevangelium keine „Überbietung“ der Genesis darstellt, sondern eine innerchristliche Deutung, die das Alte Testament nicht vereinnahmen darf. Damit wird interreligiöse Kompetenz gefördert und supersessionistische Verkürzungen werden vermieden.


Die liturgische Dimension wird über das jüdische Fest Simchat Tora erschlossen. Die Feier des Abschlusses und Neubeginns der Toralesung macht sichtbar, dass das „Wort Gottes“ im Judentum nicht primär abstrakter Text, sondern gelebte Beziehung ist. Die festliche Prozession mit den Torarollen, die Freude am Neubeginn mit B’reschit, die symbolische Bildsprache von Apfel und Kerze veranschaulichen die existentielle Bedeutung der Tora als Bindeglied zwischen Gott und Israel. Hier wird das Wort als „manifestiertes heiliges Wort“ erfahrbar – getragen, getanzt, gefeiert. Religionsdidaktisch eröffnet dies eine ästhetische und rituelle Perspektive auf Schrift, die für Lernende eine neue Tiefendimension des Schriftverständnisses sichtbar macht.


Parallel dazu wird der christliche Zugang über den von Papst Franziskus initiierten Wort-Gottes-Sonntag erschlossen. Die feierliche Inthronisation des Lektionars verdeutlicht, dass auch im christlichen Gottesdienst das Wort Gottes Zentrum und Quelle kirchlichen Lebens ist. Der Vergleich jüdischer und christlicher Liturgie ermöglicht Schülerinnen und Schülern, Gemeinsamkeiten (Verehrung des Wortes, liturgische Inszenierung, zyklische Lesung) wie Unterschiede (christologische Auslegung, Kanonverständnis) differenziert wahrzunehmen. So wird Dialogkompetenz nicht nur kognitiv, sondern symbolisch-räumlich vermittelt.


Einen weiteren Schwerpunkt bildet die hermeneutische Reflexion. Mit dem Rückgriff auf den hermeneutischen Zirkel nach Hans-Georg Gadamer wird deutlich, dass Verstehen kein statischer Akt ist, sondern ein geschichtlicher Prozess zwischen Text und Leser*in. Wort Gottes ereignet sich im Dialog – zwischen Gott und Mensch, Text und Gegenwart, Tradition und neuer Erfahrung. Damit wird ein fundamentalistisches Schriftverständnis ebenso vermieden wie ein relativistisches. Schülerinnen und Schüler lernen, dass Auslegung weder beliebig noch abgeschlossen ist, sondern im Horizont von Geschichte, Sprache und Vorverständnis geschieht.


Besonders eindrucksvoll ist der abschließende Blick auf jüdische Bibelauslegung. Die Vorstellung einer gleichzeitigen schriftlichen und mündlichen Tora sowie die Idee, dass Auslegung prinzipiell unabgeschlossen bleibt, eröffnen einen dynamischen Schriftbegriff. Der „Vielklang“ des Wortes wird hier konkret: Gottes Wort erschöpft sich nicht in einer einzigen Interpretation, sondern entfaltet sich im Diskurs der Generationen. Diese Perspektive kann für die Oberstufe eine Korrektur eines rein historisch-kritischen oder dogmatisch fixierten Zugangs darstellen und fördert zugleich Respekt vor jüdischer Tradition.


Insgesamt bietet der Beitrag eine theologisch anspruchsvolle und didaktisch differenzierte Unterrichtsanlage. Er verbindet Literatur, Exegese, Liturgiewissenschaft, Hermeneutik und interreligiösen Dialog zu einem Lernprozess, der Sprache als schöpferische, dialogische und geschichtliche Wirklichkeit erschließt. Für die Jahrgänge 11–13 eignet sich die Einheit besonders zur Vertiefung der Themen Offenbarung, Schriftverständnis, Christologie, Verhältnis von Altem und Neuem Testament sowie zur Reflexion religiöser Sprache in einer pluralen Gesellschaft.

Text

urheberrechtlich geschützt

3.3.2026

_

Sequenz

_

_

_

_

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.