Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe II und kann in ausgewählten Ausschnitten auch in höheren Jahrgangsstufen der Sekundarstufe I eingesetzt werden. Sein besonderer religionspädagogischer Wert liegt darin, dass technische Entwicklungen unmittelbar mit grundlegenden Fragen nach dem Menschen verbunden werden. Die Lernenden begegnen nicht nur der Frage, was künstliche Intelligenz leisten kann, sondern vor allem der Frage, was menschliche Freiheit unter den Bedingungen algorithmischer Vorhersage und Beeinflussung bedeutet. Damit lässt sich das Medium hervorragend in Unterrichtseinheiten zu Menschenbild, Freiheit, Verantwortung, Gewissen, Menschenwürde, Selbstbestimmung und ethischer Urteilsbildung integrieren. Zugleich bietet es einen geeigneten Ausgangspunkt, um klassische Fragen der theologischen Anthropologie auf die digitale Lebenswelt zu übertragen.
Als problemorientierter Einstieg eignet sich die Frage: „Treffe ich meine Entscheidungen im Internet wirklich selbst?“ Die Lernenden können zunächst Situationen sammeln, in denen ihnen digitale Systeme Empfehlungen geben, beispielsweise bei Filmen, Musik, Nachrichten, Produkten oder Inhalten in sozialen Medien. Anschließend kann untersucht werden, welche Informationen ein digitales System benötigt, um möglichst passende Empfehlungen zu erzeugen. Dadurch wird die im Text dargestellte Verbindung zwischen Datensammlung, Personalisierung und Verhaltensbeeinflussung nachvollziehbar. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, den Lernenden zunächst nur die zugespitzte Formulierung von der „Programmierung von Menschen“ vorzulegen. Sie können Vermutungen darüber formulieren, was damit gemeint sein könnte, und diese nach der Textlektüre überprüfen. Die Provokation dieser Formulierung eignet sich besonders gut, um eine philosophische und theologische Problemfrage zu entwickeln.
Für die Texterschließung empfiehlt sich eine Gliederung der Argumentation in mehrere Schritte. Die Lernenden können zunächst herausarbeiten, welche technischen Entwicklungen beschrieben werden. In einem zweiten Schritt untersuchen sie, welche gesellschaftlichen Veränderungen daraus nach Auffassung der Verfassenden entstehen. Anschließend identifizieren sie die genannten Risiken für Freiheit und Selbstbestimmung. Schließlich können sie rekonstruieren, wie der Text von der Sammlung persönlicher Daten über die Vorhersage menschlichen Verhaltens zur Möglichkeit gezielter Verhaltenssteuerung gelangt. Diese Struktur kann als Schaubild, Begriffsnetz oder Argumentationskette dargestellt werden. Dabei sollte deutlich zwischen Beschreibung, Prognose, Wertung und ethischer Schlussfolgerung unterschieden werden. Gerade weil das Manifest mit weitreichenden Zukunftsaussagen arbeitet, ist diese Unterscheidung für die Förderung kritischer Textkompetenz von besonderer Bedeutung.
Einen zentralen Schwerpunkt kann die Auseinandersetzung mit dem freien Willen bilden. Das Manifest stellt die Frage, wie frei eine Entscheidung noch ist, wenn digitale Systeme sehr viel über die betreffende Person wissen und ihr gezielt bestimmte Handlungsmöglichkeiten präsentieren. Die Lernenden können verschiedene Stufen unterscheiden: Information, Empfehlung, Beeinflussung, Manipulation und Steuerung. Anschließend können sie anhand konkreter Beispiele diskutieren, an welchem Punkt die menschliche Selbstbestimmung gefährdet erscheint. Dabei bietet sich eine Verbindung mit klassischen Vorstellungen von Willensfreiheit an. Die Lernenden können überlegen, ob Freiheit bedeutet, vollkommen unbeeinflusst zu entscheiden, oder ob Freiheit vielmehr darin besteht, Einflüsse wahrzunehmen, kritisch zu prüfen und verantwortlich mit ihnen umzugehen.
Für den Religionsunterricht ist besonders die Verbindung zur christlichen Anthropologie ergiebig. Dem im Manifest beschriebenen Menschen, dessen Verhalten durch Daten analysiert und vorhergesagt werden kann, kann die christliche Vorstellung des Menschen als freier, verantwortlicher und mit unverfügbarer Würde ausgestatteter Person gegenübergestellt werden. Die Lernenden können der Frage nachgehen, ob ein Mensch vollständig durch Daten beschrieben werden kann. Dabei können Begriffe wie Gottebenbildlichkeit, Personalität, Gewissen, Freiheit und Verantwortung einbezogen werden. Eine mögliche Leitfrage lautet: „Ist der Mensch mehr als seine Daten?“ Diese Frage eröffnet eine theologische Perspektive, ohne die technischen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz vorschnell zu verurteilen. Vielmehr können die Lernenden untersuchen, welche Vorstellung vom Menschen hinter unterschiedlichen Bewertungen digitaler Technologien steht.
Methodisch bietet sich außerdem ein Gedankenexperiment an. Die Lernenden stellen sich ein digitales System vor, das ihre Interessen, Gewohnheiten und bisherigen Entscheidungen so genau kennt, dass es zukünftige Entscheidungen mit hoher Zuverlässigkeit vorhersagen könnte. Anschließend diskutieren sie, ob ihre Entscheidung dadurch weniger frei wäre. In einem weiteren Schritt kann angenommen werden, dass das System nicht nur vorhersagt, sondern gezielt Informationen auswählt, um eine bestimmte Entscheidung wahrscheinlicher zu machen. Der Vergleich beider Situationen verdeutlicht den Unterschied zwischen Vorhersage und Manipulation und führt zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Selbstbestimmung.
Auch eine Dilemmadiskussion ist möglich. Ein digitales System könnte beispielsweise durch die Analyse umfangreicher persönlicher Daten Empfehlungen geben, die das Leben eines Menschen sicherer, gesünder oder einfacher machen. Gleichzeitig würde dafür eine weitreichende Erfassung und Auswertung persönlicher Daten notwendig. Die Lernenden bestimmen die miteinander konkurrierenden Werte und entwickeln Kriterien für eine ethisch verantwortbare Entscheidung. Dabei können Freiheit, Sicherheit, Privatheit, Selbstbestimmung, Gemeinwohl, Verantwortung, Transparenz und Menschenwürde berücksichtigt werden. Entscheidend ist, dass nicht lediglich Vorteile und Nachteile gesammelt werden, sondern eine begründete Gewichtung der Werte erfolgt.
Das Medium ermöglicht darüber hinaus eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und künstlicher Intelligenz. Die Lernenden können untersuchen, welche Tätigkeiten nach dem Text zunehmend von Algorithmen übernommen werden und welche Bedeutung dies für menschliche Arbeit, Verantwortung und Entscheidungskompetenz haben könnte. Daraus lässt sich die weiterführende Frage entwickeln, welche Entscheidungen Menschen an technische Systeme delegieren dürfen und bei welchen Entscheidungen menschliche Verantwortung unverzichtbar bleiben sollte. Hier bietet sich auch die Entwicklung eigener ethischer Kriterien für den Einsatz künstlicher Intelligenz an.
Da das Manifest Aussagen über zukünftige technische und gesellschaftliche Entwicklungen enthält, ist eine kritische Quellenarbeit besonders wichtig. Prognosen und quantitative Angaben des Textes sollten als Aussagen des Mediums behandelt und von gesicherten Tatsachen unterschieden werden. Die Lernenden können markieren, an welchen Stellen der Text beschreibt, prognostiziert, warnt oder bewertet. Dadurch erwerben sie eine wichtige Kompetenz für den Umgang mit Texten über Digitalisierung und künstliche Intelligenz. In einer weiterführenden Unterrichtsphase können ausgewählte damalige Prognosen mit der heutigen Entwicklung verglichen werden.
Als produktionsorientierter Abschluss können die Lernenden ein eigenes Manifest für eine menschenwürdige digitale Zukunft verfassen. Sie können Grundsätze formulieren, nach denen künstliche Intelligenz, Algorithmen und persönliche Daten eingesetzt werden sollten, und diese mit Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung begründen. Ebenso eignen sich ein Streitgespräch zwischen einem Entwickler künstlicher Intelligenz und einer theologischen Ethikerin, ein fiktiver Ethikrat, ein Kommentar zur Frage nach der „Programmierung von Menschen“ oder ein Regelkatalog für den verantwortlichen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Als Klausurmaterial eignet sich das Medium besonders für die Rekonstruktion einer Argumentation, die Analyse des zugrunde liegenden Menschenbildes, die Erörterung von Freiheit und Manipulation sowie für einen Vergleich mit christlicher Anthropologie und christlicher Ethik.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10
Aufgabe 1
Operator: zusammenfassen
Fasse die zentralen Aussagen des Digitalen Manifests in eigenen Worten zusammen. Berücksichtige dabei die Entwicklung von Big Data und künstlicher Intelligenz sowie die Folgen für menschliche Freiheit.
Musterantwort
Das Digitale Manifest beschreibt die Digitalisierung als tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Immer größere Mengen persönlicher und gesellschaftlicher Daten werden erzeugt und durch leistungsfähige Computersysteme ausgewertet.
Gleichzeitig entwickelt sich künstliche Intelligenz weiter. Algorithmen können Muster erkennen, Informationen auswerten und immer mehr Aufgaben übernehmen.
Die Autoren sehen darin große Chancen, warnen aber gleichzeitig vor Risiken für Freiheit und Selbstbestimmung. Digitale Plattformen sammeln Informationen über Suchanfragen, Konsum, Aufenthaltsorte und soziale Beziehungen. Daraus können detaillierte Profile entstehen.
Auf Grundlage dieser Informationen erhalten Menschen personalisierte Empfehlungen. Nach Auffassung der Autoren können solche Empfehlungen so genau werden, dass Entscheidungen beeinflusst werden, ohne dass die betroffenen Menschen dies deutlich bemerken.
Eine weitere Entwicklung sehen die Autoren im Persuasive Computing. Digitale Systeme könnten Menschen gezielt zu bestimmten Verhaltensweisen bewegen.
Die zentrale Sorge des Manifests besteht deshalb darin, dass technische Systeme nicht nur menschliche Entscheidungen unterstützen, sondern zunehmend menschliches Verhalten steuern könnten. Freiheit und Demokratie müssen deshalb durch eine verantwortliche Gestaltung der Digitalisierung geschützt werden.
Aufgabe 2
Operator: erläutern
Erläutere die Aussage des Manifests, die Entwicklung verlaufe „von der Programmierung von Computern zur Programmierung von Menschen“.
Musterantwort
Traditionell bedeutet Programmierung, dass Menschen einem Computer Regeln und Anweisungen geben. Der Computer führt diese anschließend aus.
Die Autoren verwenden den Begriff jedoch in übertragener Bedeutung. Digitale Systeme sammeln immer mehr Informationen über menschliches Verhalten und können dadurch erkennen, welche Inhalte oder Angebote bei bestimmten Menschen bestimmte Reaktionen auslösen.
Mit diesem Wissen können Plattformen ihre Angebote so gestalten, dass Nutzende zu bestimmten Handlungen bewegt werden. Dies kann beispielsweise einen Kauf, einen Klick oder eine längere Nutzung einer Plattform betreffen.
Von einer Programmierung von Menschen sprechen die Autoren deshalb, weil nicht mehr nur das Verhalten der Maschine gesteuert wird. Die Maschine wird vielmehr eingesetzt, um menschliches Verhalten gezielt zu beeinflussen.
Die Formulierung ist bewusst zugespitzt. Sie soll auf die Gefahr aufmerksam machen, dass Menschen ihre Entscheidungen möglicherweise für vollständig selbstbestimmt halten, obwohl digitale Systeme erheblichen Einfluss auf die Entscheidungssituation ausüben.
Aufgabe 3
Operator: analysieren
Analysiere das Menschenbild, vor dem die Autoren des Digitalen Manifests warnen. Berücksichtige dabei Daten, Berechenbarkeit, Beeinflussung und Freiheit.
Musterantwort
Die Autoren warnen vor einem Menschenbild, bei dem der Mensch zunehmend als berechenbares Wesen betrachtet wird.
Digitale Systeme sammeln Informationen über Verhalten, Interessen und soziale Beziehungen. Aus diesen Daten werden Muster gebildet und zukünftige Verhaltensweisen vorhergesagt.
Der Mensch erscheint dadurch zunehmend als Summe messbarer Daten. Seine Entscheidungen werden als vorhersehbar betrachtet.
Besonders problematisch wird dies, wenn dieses Wissen zur gezielten Beeinflussung verwendet wird. Digitale Systeme können dann versuchen, Menschen zu bestimmten Entscheidungen zu bewegen.
Dadurch verändert sich das Verständnis menschlicher Freiheit. Der Mensch erscheint nicht mehr ausschließlich als selbstbestimmtes Subjekt, sondern zugleich als Objekt von Analyse und Steuerung.
Das Manifest verteidigt demgegenüber ein Menschenbild, bei dem Selbstbestimmung und Entscheidungen mit offenem Ausgang geschützt werden müssen.
Aufgabe 4
Operator: vergleichen
Vergleiche das im Digitalen Manifest kritisierte Menschenbild mit dem christlichen Verständnis des Menschen als Ebenbild Gottes.
Musterantwort
Das im Manifest kritisierte Menschenbild betrachtet Menschen zunehmend anhand messbarer Daten. Interessen, Verhaltensweisen und Entscheidungen werden erfasst und ausgewertet, um zukünftiges Verhalten vorherzusagen.
Das christliche Menschenbild setzt einen anderen Schwerpunkt. Nach Genesis 1,26 bis 27 wird der Mensch als Ebenbild Gottes verstanden. Daraus wird eine besondere Würde jedes Menschen abgeleitet.
Diese Würde hängt nicht von Leistung, Daten oder wirtschaftlichem Nutzen ab.
Ein weiterer Unterschied besteht in der Bedeutung menschlicher Freiheit. Das christliche Menschenbild versteht den Menschen als Person, die Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen kann.
Digitale Systeme können bestimmte Verhaltensmuster erkennen. Ein Mensch kann jedoch nicht ohne Weiteres mit diesen Mustern gleichgesetzt werden.
Außerdem besitzt der Mensch die Fähigkeit, bisheriges Verhalten zu verändern. Vergangene Entscheidungen müssen deshalb nicht vollständig bestimmen, wie ein Mensch in Zukunft handelt.
Das christliche Menschenbild widerspricht somit einer vollständigen Reduktion des Menschen auf berechenbare Daten. Der Mensch bleibt eine würdevolle, verantwortliche und grundsätzlich zur Veränderung fähige Person.
Aufgabe 5
Operator: erläutern
Erläutere den Unterschied zwischen Information, Empfehlung, Beeinflussung und Manipulation im Zusammenhang mit digitalen Plattformen.
Musterantwort
Information bedeutet zunächst, dass einer Person Wissen zur Verfügung gestellt wird. Die Person kann dieses Wissen bei ihrer Entscheidung berücksichtigen.
Eine Empfehlung geht darüber hinaus. Aus mehreren Möglichkeiten wird eine bestimmte Möglichkeit besonders hervorgehoben. Eine Empfehlung kann hilfreich sein, weil sie Orientierung bietet.
Beeinflussung liegt vor, wenn die Gestaltung einer Entscheidungssituation dazu führt, dass eine bestimmte Entscheidung wahrscheinlicher wird. Beeinflussung ist nicht automatisch moralisch problematisch.
Manipulation wird problematisch, weil eine Person gezielt gesteuert wird, ohne den Einfluss vollständig zu erkennen oder angemessen beurteilen zu können. Dabei können Informationen verborgen, Möglichkeiten eingeschränkt oder psychologische Eigenschaften gezielt ausgenutzt werden.
Für die ethische Bewertung digitaler Plattformen ist diese Unterscheidung wichtig. Nicht jede personalisierte Empfehlung verletzt die Freiheit. Problematisch wird sie insbesondere dann, wenn Menschen nicht erkennen können, warum ihnen bestimmte Inhalte gezeigt werden und welche Interessen hinter der Auswahl stehen.
Aufgabe 6
Operator: erörtern
Erörtere die Aussage: „Je genauer Algorithmen menschliches Verhalten vorhersagen können, desto weniger frei ist der Mensch.“
Beziehe das Digitale Manifest und christliche Vorstellungen von Freiheit und Verantwortung ein.
Musterantwort
Für die Aussage spricht, dass sehr genaue Vorhersagen zur gezielten Beeinflussung menschlicher Entscheidungen verwendet werden können. Wenn ein digitales System weiß, welche Inhalte bei einer Person bestimmte Reaktionen auslösen, kann es ihre Entscheidungssituation gezielt gestalten.
Das Digitale Manifest warnt deshalb davor, dass Entscheidungen zunehmend fremdgesteuert werden könnten.
Gegen die Aussage spricht jedoch, dass Vorhersagbarkeit nicht automatisch Unfreiheit bedeutet. Ein Mensch kann bestimmte Gewohnheiten besitzen und trotzdem grundsätzlich anders entscheiden.
Auch außerhalb digitaler Medien werden Menschen durch Erziehung, Werbung, gesellschaftliche Erwartungen und andere Personen beeinflusst. Einfluss bedeutet deshalb nicht automatisch Determination.
Aus christlicher Perspektive besitzt der Mensch Freiheit und Verantwortung. Verantwortung setzt voraus, dass Menschen nicht ausschließlich als vollständig gesteuerte Wesen betrachtet werden.
Gleichzeitig kann menschliche Freiheit durch äußere Bedingungen eingeschränkt werden. Deshalb müssen Manipulation und verborgene Steuerung kritisch betrachtet werden.
Je genauer Algorithmen menschliches Verhalten vorhersagen können, desto größer wird somit die Verantwortung derjenigen, die diese Systeme einsetzen. Vorhersagbarkeit allein beseitigt Freiheit nicht, kann aber zu einer Gefahr für Selbstbestimmung werden, wenn sie gezielt zur verborgenen Steuerung eingesetzt wird.
Aufgabe 7
Operator: beurteilen
Eine digitale Plattform kennt aufgrund gesammelter Daten die Interessen einer Person sehr genau und zeigt ihr fast ausschließlich Inhalte, die zu ihren bisherigen Ansichten passen. Beurteile diese Form der Personalisierung aus christlich ethischer Perspektive.
Musterantwort
Für Personalisierung spricht zunächst, dass sie Orientierung bieten kann. Menschen erhalten schneller Inhalte, die für sie interessant erscheinen.
Problematisch wird die Situation jedoch, wenn andere Perspektiven kaum noch sichtbar werden. Die Person entscheidet dann zwar weiterhin selbst, ihre Auswahl findet aber innerhalb eines bereits vorsortierten Angebots statt.
Dadurch kann Selbstbestimmung eingeschränkt werden. Eine freie Entscheidung setzt nicht nur die Möglichkeit voraus, zwischen vorhandenen Angeboten auszuwählen. Menschen müssen auch unterschiedliche Möglichkeiten wahrnehmen können.
Aus christlich ethischer Perspektive sind Freiheit und Verantwortung eng miteinander verbunden. Verantwortliche Entscheidungen benötigen Information, Reflexion und die Möglichkeit, andere Perspektiven kennenzulernen.
Auch die Menschenwürde ist betroffen, wenn Menschen hauptsächlich als berechenbare Profile betrachtet werden, deren Aufmerksamkeit möglichst effizient gesteuert werden soll.
Personalisierung ist deshalb nicht grundsätzlich abzulehnen. Ethisch problematisch wird sie insbesondere dann, wenn Auswahlmechanismen verborgen bleiben, Alternativen systematisch unsichtbar werden oder wirtschaftliche Interessen die Entscheidungsmöglichkeiten stark beeinflussen.
Aufgabe 8
Operator: in Beziehung setzen
Setze die Warnung des Digitalen Manifests vor der Steuerung menschlichen Verhaltens in Beziehung zu Galater 5,13 und dem christlichen Verständnis verantwortlicher Freiheit.
Musterantwort
Das Digitale Manifest warnt davor, dass digitale Systeme menschliches Verhalten zunehmend vorhersagen und beeinflussen können. Dadurch könnte Selbstbestimmung eingeschränkt werden.
Galater 5,13 beschreibt Freiheit als eine Freiheit, die mit Verantwortung verbunden ist. Freiheit bedeutet aus christlicher Perspektive nicht einfach, tun zu können, was man möchte. Sie soll im verantwortlichen Verhältnis zu anderen Menschen verwirklicht werden.
Daraus ergibt sich zunächst die Verantwortung der einzelnen Person. Menschen sollten lernen, digitale Einflüsse kritisch wahrzunehmen und Entscheidungen bewusst zu treffen.
Verantwortung besitzen aber auch diejenigen, die digitale Systeme entwickeln und einsetzen. Unternehmen dürfen menschliche Freiheit nicht allein deshalb einschränken, weil eine technische Möglichkeit zur Beeinflussung besteht.
Christliche Freiheit verlangt somit Bedingungen, unter denen Menschen tatsächlich Verantwortung übernehmen können. Dazu gehören Transparenz, Wahlmöglichkeiten und Schutz vor verdeckter Manipulation.
Die Forderung des Manifests nach Schutz menschlicher Selbstbestimmung lässt sich deshalb mit dem christlichen Verständnis verantwortlicher Freiheit verbinden.
Aufgabe 9
Operator: erörtern
Erörtere die Frage: „Kann künstliche Intelligenz Entscheidungen für Menschen treffen, ohne deren Würde und Freiheit zu gefährden?“
Musterantwort
Für den Einsatz künstlicher Intelligenz spricht, dass Computersysteme große Informationsmengen schnell auswerten können. Sie können Menschen dadurch bei komplexen Entscheidungen unterstützen.
In bestimmten Bereichen kann dies Sicherheit und Effizienz erhöhen. Künstliche Intelligenz kann beispielsweise verschiedene Möglichkeiten vergleichen und Hinweise geben, die ein einzelner Mensch nur schwer erkennen könnte.
Problematisch wird der Einsatz, wenn aus Unterstützung eine vollständige Fremdbestimmung entsteht. Wenn Menschen nicht mehr verstehen, wie eine Entscheidung zustande gekommen ist, können Selbstbestimmung und Verantwortung eingeschränkt werden.
Aus christlicher Perspektive besitzt der Mensch eine besondere Würde und darf nicht ausschließlich als Objekt technischer Entscheidungen behandelt werden.
Deshalb ist auch die Frage nach menschlicher Verantwortung wichtig. Wenn eine Entscheidung erhebliche Auswirkungen auf das Leben einer Person besitzt, muss geklärt sein, wer für diese Entscheidung verantwortlich ist.
Künstliche Intelligenz kann menschliche Entscheidungen unterstützen, ohne zwangsläufig Würde und Freiheit zu verletzen. Voraussetzung sind jedoch Transparenz, Kontrolle, nachvollziehbare Verantwortung und die Möglichkeit des Menschen, wichtige Entscheidungen zu überprüfen und zu beeinflussen.
Aufgabe 10
Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu folgender Aussage Stellung: „Eine menschenwürdige digitale Gesellschaft muss verhindern, dass aus der Berechnung menschlichen Verhaltens die Steuerung menschlichen Verhaltens wird.“
Beziehe das Digitale Manifest und das christliche Menschenbild ein.
Musterantwort
Die Aussage greift eine zentrale Sorge des Digitalen Manifests auf. Digitale Systeme können immer größere Mengen menschlicher Verhaltensdaten auswerten und daraus Vorhersagen ableiten.
Die Analyse von Daten ist nicht automatisch problematisch. Sie kann beispielsweise dabei helfen, Angebote zu verbessern oder gesellschaftliche Probleme zu erkennen.
Eine andere Situation entsteht jedoch, wenn dieses Wissen gezielt eingesetzt wird, um menschliches Verhalten verdeckt zu steuern. Menschen könnten dann zunehmend zum Objekt wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Interessen werden.
Das christliche Menschenbild betont die besondere Würde des Menschen. Als Ebenbild Gottes darf die Person nicht ausschließlich nach ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit oder ihrer Berechenbarkeit beurteilt werden.
Zur Menschenwürde gehören außerdem Freiheit und Verantwortung. Menschen müssen die Möglichkeit besitzen, Entscheidungen bewusst zu treffen und sich auch anders zu entscheiden, als es ein Algorithmus erwartet.
Eine menschenwürdige digitale Gesellschaft sollte deshalb nicht jede Form der Datenanalyse verhindern. Sie muss jedoch Grenzen dort setzen, wo aus Unterstützung verdeckte Manipulation und aus Vorhersage gezielte Fremdsteuerung entsteht.
Dafür sind Transparenz, Datenschutz, echte Wahlmöglichkeiten, menschliche Kontrolle und klare Verantwortlichkeit von besonderer Bedeutung.