Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Auseinandersetzung mit den Themen Wirklichkeit, Wahrheit, Erkenntnis, Wahrnehmung, Erfahrung, Perspektivität, Menschenbild sowie Glaube und Wissen. Der Text ist aufgrund seiner anschaulichen Metapher gut geeignet, eine zunächst abstrakte erkenntnistheoretische Position für Lernende zugänglich zu machen. Als Einstieg sollte deshalb die Geschichte des blinden Wanderers zunächst unabhängig von der philosophischen Theorie betrachtet werden. Die Lernenden können die Situation gedanklich nachvollziehen und überlegen, was der Wanderer nach vielen Wegen durch den Wald tatsächlich über den Wald weiß. Dabei sollte zwischen der Fähigkeit, sich erfolgreich durch den Wald zu bewegen, und einem vollständigen Wissen über die Beschaffenheit des Waldes unterschieden werden. Die Leitfrage kann lauten: „Kennt der Wanderer den Wald, wenn er sicher durch ihn hindurchgehen kann?“ Die Antworten der Lernenden können anschließend auf die erkenntnistheoretische Fragestellung übertragen werden. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem Abbild der Wirklichkeit und einem brauchbaren Modell. Der Wanderer besitzt nach von Glasersfeld kein vollständiges Bild des Waldes. Er verfügt vielmehr über ein Netz von Wegen, die sich bewährt haben. Dieses Netz zeigt ihm, wo er erfolgreich gehen kann und wo sein Handeln an Widerständen scheitert. Es sagt ihm jedoch nicht, wie die Hindernisse unabhängig von seiner Erfahrung tatsächlich beschaffen sind. Methodisch kann die Metapher zunächst zeichnerisch umgesetzt werden. Die Lernenden stellen einen möglichen Wald und anschließend das Erfahrungsnetz des Wanderers dar. Durch den Vergleich wird sichtbar, dass beide Darstellungen nicht identisch sein müssen. Das Erfahrungsnetz enthält nur diejenigen Informationen, die für die Handlungen des Wanderers bedeutsam geworden sind. Bei der Texterschließung sollten zentrale Begriffe wie Erfahrung, Wahrnehmung, Weltbild, Gegenstand, Widerstand, Wirklichkeit, Kompatibilität und Viabilität geklärt werden. Besonders der Begriff Viabilität benötigt eine altersgerechte Erläuterung. Viabel bedeutet bei von Glasersfeld, dass eine Vorstellung oder eine Handlung unter gegebenen Bedingungen funktioniert und nicht an den Widerständen der Erfahrung scheitert. Die Lernenden können dafür eigene Beispiele entwickeln. Ein Weg ist für den Wanderer viabel, wenn er ihn zum Fluss führt. Eine Vorstellung ist für einen Menschen viabel, wenn sie ihm ermöglicht, sich erfolgreich in einer bestimmten Situation zu orientieren und zu handeln. Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf der Rolle der Wahrnehmung liegen. Von Glasersfeld weist darauf hin, dass Menschen niemals alle verfügbaren Signale gleichzeitig verarbeiten. Aufmerksamkeit führt zu einer Auswahl. Erinnerungen ergänzen die gegenwärtigen Wahrnehmungen, und der jeweilige Handlungszusammenhang beeinflusst, welche Informationen wichtig erscheinen. Dies kann durch eine Beobachtungsaufgabe verdeutlicht werden. Die Lernenden betrachten für kurze Zeit eine komplexe Abbildung oder eine Alltagssituation und notieren anschließend, was sie wahrgenommen haben. Beim Vergleich der Ergebnisse zeigt sich, dass verschiedene Personen unterschiedliche Einzelheiten auswählen und erinnern. Dadurch wird erfahrbar, dass Wahrnehmung nicht einfach in einer vollständigen Aufnahme aller vorhandenen Informationen besteht. Didaktisch ist es besonders wichtig, den Konstruktivismus nicht als Behauptung zu vermitteln, jeder Mensch könne sich eine beliebige Wirklichkeit ausdenken. Die Metapher des Wanderers zeigt gerade, dass Konstruktionen auf Widerstände treffen. Der Wanderer kann nicht jeden beliebigen Weg erfolgreich gehen. Manche Wege werden durch Hindernisse blockiert. Die Umwelt setzt seinem Handeln Grenzen. Erkenntnis ist somit konstruiert, aber nicht vollkommen willkürlich. Diese Unterscheidung sollte ausdrücklich thematisiert werden, da sie einem häufigen Missverständnis des Konstruktivismus entgegenwirkt. Für die Vertiefung bietet sich ein Vergleich mit Schopenhauer an. Beide Ansätze stellen die Vorstellung infrage, der Mensch könne die Wirklichkeit völlig unabhängig von seinen eigenen Erkenntnisbedingungen erfassen. Schopenhauer erklärt, dass die Welt für den Menschen immer als Vorstellung in der Beziehung von Subjekt und Objekt gegeben ist. Von Glasersfeld betont, dass Menschen auf der Grundlage ihrer Erfahrungen Konstruktionen entwickeln, die sich im Handeln bewähren müssen. Die Lernenden können untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Welt als Vorstellung und der Konstruktion von Wirklichkeit bestehen. Ebenso bietet sich ein Vergleich mit Locke an. Locke betrachtet Erfahrung als Ursprung menschlicher Vorstellungen und unterscheidet Sensation und Reflexion. Von Glasersfeld stimmt mit der großen Bedeutung der Erfahrung überein, betont jedoch stärker, dass Sinneseindrücke ausgewählt, verarbeitet und durch Erinnerungen ergänzt werden. Wahrnehmung erscheint damit nicht als bloße Aufnahme von Informationen, sondern als aktiver Prozess. Auch Nietzsches Überlegungen zur Wahrheit können einbezogen werden. Nietzsche macht darauf aufmerksam, dass Menschen ihre Erfahrungen sprachlich ordnen und durch Begriffe verallgemeinern. Von Glasersfeld richtet den Blick stärker darauf, wie Menschen aus Wahrnehmungen und Erfahrungen ein handlungsfähiges Weltbild konstruieren. Beide Positionen problematisieren die Vorstellung einer einfachen Übereinstimmung zwischen menschlicher Erkenntnis und einer unabhängig vom Menschen gegebenen Wirklichkeit. Für den Religionsunterricht eröffnet der Text wichtige Fragen nach religiöser Erkenntnis. Wenn menschliche Weltbilder Konstruktionen auf der Grundlage von Erfahrungen sind, kann gefragt werden, welche Bedeutung dies für Vorstellungen von Gott, Transzendenz und religiöser Wahrheit besitzt. Die Lernenden können untersuchen, inwiefern religiöse Vorstellungen durch persönliche Erfahrungen, Erziehung, religiöse Traditionen, Sprache, Gemeinschaft und individuelle Deutungen geprägt werden. Gleichzeitig sollte deutlich werden, dass aus der konstruktivistischen Erkenntnistheorie nicht unmittelbar folgt, dass religiöse Aussagen wahr oder falsch sind. Der Ansatz beschäftigt sich zunächst mit der Frage, wie Menschen Wirklichkeit erkennen und beschreiben. Ein weiterer religionspädagogischer Zugang besteht darin, unterschiedliche religiöse und nichtreligiöse Weltbilder miteinander zu vergleichen. Dabei kann gefragt werden, warum Menschen dieselbe Wirklichkeit unterschiedlich interpretieren und welche Erfahrungen, Traditionen und Deutungsmuster dabei eine Rolle spielen. Dies fördert Perspektivbewusstsein, ohne die unterschiedlichen Positionen einfach gleichzusetzen. Der Begriff der Viabilität kann zudem kritisch auf Religion angewendet werden. Die Lernenden können diskutieren, ob die praktische Bewährung einer religiösen Überzeugung bereits etwas über deren Wahrheit aussagt. Eine religiöse Vorstellung kann einem Menschen Orientierung, Hoffnung oder Handlungssicherheit vermitteln und damit in einem bestimmten Sinne hilfreich sein. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass alle mit ihr verbundenen Aussagen über die Wirklichkeit bewiesen sind. Hier lässt sich zwischen praktischer Bewährung und Wahrheitsanspruch unterscheiden. Ein aktueller Lebensweltbezug ergibt sich aus sozialen Medien und digitaler Kommunikation. Menschen nehmen dort nur einen begrenzten Ausschnitt von Ereignissen wahr. Auswahlprozesse, persönliche Interessen, bisherige Erfahrungen und Erinnerungen beeinflussen die Interpretation dieser Informationen. Die Lernenden können untersuchen, wie aus denselben Informationen unterschiedliche Wirklichkeitsvorstellungen entstehen können. Dabei sollte wiederum betont werden, dass unterschiedliche Konstruktionen nicht bedeuten, dass jede Behauptung gleichermaßen gut begründet ist. Aussagen können an Erfahrungen, Belegen, Quellen und beobachtbaren Widerständen geprüft werden. Zur Ergebnissicherung können die Lernenden von Glasersfelds Theorie in eigenen Worten anhand der Metapher des blinden Wanderers erklären. Dabei sollten sie die Begriffe Erfahrung, Wahrnehmung, Konstruktion, Widerstand, erfolgreiches Handeln und Viabilität verwenden. Abschließend kann die Frage diskutiert werden, ob Menschen die Wirklichkeit erkennen oder lediglich brauchbare Modelle von ihr entwickeln.
Zentrale Argumentation des Mediums
Von Glasersfeld erläutert den radikalen Konstruktivismus mithilfe der Metapher eines blinden Wanderers. Der Wanderer möchte durch einen Wald zu einem Fluss gelangen. Da er den Wald nicht sehen kann, lernt er ihn ausschließlich durch seine eigenen Bewegungen und die dabei gemachten Erfahrungen kennen. Einige Wege führen erfolgreich zum Ziel, andere werden durch Hindernisse blockiert. Wenn der Wanderer diese Erfahrungen speichert, entsteht in seinem Gedächtnis allmählich ein Netz erfolgreicher und nicht erfolgreicher Handlungsmöglichkeiten. Dieses Netz ist jedoch kein objektives Bild des Waldes. Es zeigt dem Wanderer lediglich, welche Wege für ihn begehbar sind und an welchen Stellen sein Handeln scheitert. Von Glasersfeld überträgt dieses Modell auf menschliche Erkenntnis. Auch Menschen besitzen nach seiner Auffassung keinen unmittelbaren Zugang zu einer Wirklichkeit unabhängig von ihren eigenen Wahrnehmungsbedingungen. Sie erhalten Signale durch ihre Sinnesorgane, wählen durch Aufmerksamkeit bestimmte Informationen aus und ergänzen diese durch Erinnerungen. Daraus entwickeln sie Vorstellungen und Weltbilder, die ihnen Orientierung ermöglichen. Entscheidend ist für von Glasersfeld deshalb nicht eine nachweisbare vollständige Übereinstimmung zwischen Vorstellung und einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit. Entscheidend ist, ob eine Vorstellung in der Erfahrung funktioniert. Dafür verwendet er den Begriff Viabilität. Eine Vorstellung, ein Modell oder eine Handlung ist viabel, wenn sie sich unter den jeweiligen Bedingungen bewährt und nicht an Widerständen scheitert. Der Gedankengang lässt sich zusammenfassen: Wahrnehmung / Auswahl von Signalen / Erfahrung / Erinnerung / Konstruktion eines Weltbildes / Handeln / Begegnung mit Widerständen / Veränderung der Konstruktion / erfolgreiches Handeln / Viabilität
Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1: Beschreiben Sie die Metapher des blinden Wanderers und ihre Funktion im Text. Operator: Beschreiben. Musterantwort: Von Glasersfeld beschreibt einen blinden Wanderer, der durch einen Wald zu einem Fluss gelangen möchte. Durch wiederholtes Gehen entdeckt er verschiedene Wege, die zum Ziel führen. Gleichzeitig erfährt er Hindernisse, die bestimmte Wege verhindern. Aus seinen Erfahrungen entwickelt er ein Netz möglicher Wege. Dieses Netz ist jedoch kein vollständiges Bild des Waldes. Die Metapher dient dazu, zu zeigen, wie Menschen nach von Glasersfeld Wissen über ihre Wirklichkeit entwickeln. Sie konstruieren auf der Grundlage ihrer Erfahrungen brauchbare Vorstellungen, ohne dadurch die Wirklichkeit unabhängig von ihrer Wahrnehmung vollständig erkennen zu müssen.
Aufgabe 2: Erläutern Sie, weshalb der Wanderer nach von Glasersfeld kein objektives Bild des Waldes besitzt. Operator: Erläutern. Musterantwort: Der Wanderer kann den Wald nicht sehen und erlebt ihn ausschließlich durch seine eigenen Bewegungen. Er erfährt, wo er gehen kann und wo Hindernisse sein Weiterkommen verhindern. Dadurch gewinnt er Wissen über erfolgreiche und nicht erfolgreiche Wege. Er erfährt jedoch nicht, ob ein Hindernis beispielsweise ein Baum, ein Stein oder etwas anderes ist. Sein Wissen beschreibt deshalb seine Handlungsmöglichkeiten und die Grenzen seines Handelns, nicht die vollständige Beschaffenheit des Waldes.
Aufgabe 3: Erklären Sie den Begriff Viabilität im Zusammenhang mit der Metapher des Wanderers. Operator: Erklären. Musterantwort: Viabilität bedeutet bei von Glasersfeld, dass eine Vorstellung oder Handlung unter bestimmten Bedingungen funktioniert. Ein Weg des Wanderers ist viabel, wenn er ihn erfolgreich durch den Wald zum Fluss führt und nicht durch Hindernisse blockiert wird. Übertragen auf menschliche Erkenntnis bedeutet dies, dass Vorstellungen sich dadurch bewähren, dass sie Orientierung und erfolgreiches Handeln ermöglichen. Viabilität bezeichnet somit eine praktische Passgenauigkeit.
Aufgabe 4: Arbeiten Sie heraus, welche Bedeutung Widerstände und Hindernisse für den Erkenntnisprozess besitzen. Operator: Herausarbeiten. Musterantwort: Widerstände und Hindernisse zeigen dem Wanderer, welche seiner Handlungsmöglichkeiten nicht funktionieren. Dadurch setzen sie seinen Konstruktionen Grenzen. Er kann nicht beliebig durch den Wald gehen, sondern muss seine Wege an den gemachten Erfahrungen ausrichten. Übertragen auf menschliche Erkenntnis bedeutet dies, dass Wirklichkeitskonstruktionen nicht vollkommen willkürlich sind. Sie können an Erfahrungen scheitern und müssen dann verändert werden. Hindernisse besitzen somit eine wichtige Funktion für die Entwicklung und Korrektur von Vorstellungen.
Aufgabe 5: Analysieren Sie, wie von Glasersfeld mithilfe der Metapher des Wanderers seine konstruktivistische Erkenntnistheorie entwickelt. Operator: Analysieren. Musterantwort: Von Glasersfeld beginnt mit einem blinden Wanderer, der verschiedene Wege durch einen Wald ausprobiert. Durch erfolgreiche und gescheiterte Versuche entwickelt dieser ein Netz von Handlungsmöglichkeiten. Anschließend macht von Glasersfeld deutlich, dass dieses Netz kein objektives Abbild des Waldes darstellt. Der Wanderer kennt lediglich die Folgen seiner eigenen Handlungen. Diese Beobachtung überträgt von Glasersfeld auf die menschliche Erkenntnis. Menschen erhalten Signale, wählen einige davon durch Aufmerksamkeit aus und verbinden sie mit Erinnerungen. Daraus konstruieren sie Gegenstände und Weltbilder. Entscheidend ist nicht, ob diese Konstruktionen die Wirklichkeit vollständig abbilden, sondern ob sie erfolgreiches Handeln ermöglichen. Daraus entwickelt von Glasersfeld sein Verständnis von Viabilität.
Aufgabe 6: Erläutern Sie die Bedeutung von Aufmerksamkeit und Erinnerung für die Konstruktion von Wirklichkeit. Operator: Erläutern. Musterantwort: Nach von Glasersfeld verwenden Menschen niemals alle verfügbaren Signale gleichzeitig. Durch Aufmerksamkeit wählen sie bestimmte Wahrnehmungen aus, während andere unbeachtet bleiben. Zusätzlich ergänzen sie aktuelle Wahrnehmungen durch Erinnerungen an frühere Erfahrungen. Welche Informationen ausgewählt und erinnert werden, hängt auch von der jeweiligen Handlungssituation ab. Das menschliche Weltbild entsteht deshalb nicht durch eine vollständige Aufnahme der Umwelt, sondern durch Auswahl, Verarbeitung und Ergänzung von Erfahrungen.
Aufgabe 7: Vergleichen Sie von Glasersfelds konstruktivistische Position mit Schopenhauers Aussage „Die Welt ist meine Vorstellung“. Operator: Vergleichen. Musterantwort: Sowohl Schopenhauer als auch von Glasersfeld stellen einen unmittelbaren Zugang des Menschen zu einer unabhängig von ihm gegebenen Wirklichkeit infrage. Schopenhauer betont, dass die erkennbare Welt immer Objekt für ein erkennendes Subjekt und damit Vorstellung ist. Von Glasersfeld beschreibt Erkenntnis als Konstruktion, die auf Erfahrungen, ausgewählten Wahrnehmungen und Handlungen beruht. Ein Unterschied besteht darin, dass von Glasersfeld besonders die praktische Bewährung von Konstruktionen hervorhebt. Sein Begriff der Viabilität bezeichnet die Fähigkeit einer Vorstellung, erfolgreiches Handeln zu ermöglichen. Gemeinsam ist beiden Positionen die Betonung der Bedingungen und Grenzen menschlicher Erkenntnis.
Aufgabe 8: Vergleichen Sie von Glasersfelds Verständnis von Wahrnehmung mit Lockes Auffassung von Sensation. Operator: Vergleichen. Musterantwort: Locke betrachtet die Sinneswahrnehmung als eine grundlegende Quelle menschlicher Vorstellungen. Durch Sensation wirken Gegenstände der Außenwelt auf die Sinne und liefern dem Verstand Vorstellungen. Von Glasersfeld betont ebenfalls die Bedeutung sinnlicher Signale, versteht Wahrnehmung jedoch stärker als aktiven Auswahlprozess. Menschen verarbeiten nicht sämtliche Signale, sondern richten ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Informationen und ergänzen diese durch Erinnerungen. Während Locke vor allem nach dem Ursprung unserer Vorstellungen fragt, hebt von Glasersfeld stärker deren aktive Konstruktion hervor.
Aufgabe 9: Beurteilen Sie die Aussage: „Der Konstruktivismus bedeutet, dass jeder Mensch sich seine Wirklichkeit beliebig ausdenken kann.“ Operator: Beurteilen. Musterantwort: Die Aussage gibt von Glasersfelds Position nicht angemessen wieder. Zwar konstruiert der Mensch sein Weltbild auf der Grundlage seiner Wahrnehmungen und Erfahrungen, diese Konstruktionen sind jedoch nicht vollkommen beliebig. Die Metapher des Wanderers zeigt, dass manche Wege funktionieren und andere an Hindernissen scheitern. Ebenso können menschliche Vorstellungen an Erfahrungen und Widerständen scheitern. Konstruktionen müssen sich deshalb bewähren und viabel sein. Der Konstruktivismus behauptet somit nicht, dass jede beliebige Vorstellung gleichermaßen brauchbar ist.
Aufgabe 10: Beurteilen Sie die Aussage: „Eine Vorstellung ist wahr, wenn sie funktioniert.“ Beziehen Sie von Glasersfelds Begriff der Viabilität ein. Operator: Beurteilen. Musterantwort: Von Glasersfeld ersetzt die Vorstellung einer einfachen Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und objektiver Wirklichkeit durch den Gedanken der Viabilität. Eine Vorstellung ist viabel, wenn sie erfolgreiches Handeln ermöglicht und nicht an erfahrenen Hindernissen scheitert. Dennoch sollten Wahrheit und praktische Brauchbarkeit nicht ohne weitere Begründung vollständig gleichgesetzt werden. Eine Vorstellung kann in einer bestimmten Situation nützlich sein, ohne dadurch eine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit zu liefern. Der Begriff Viabilität beschreibt daher vor allem die Bewährung einer Konstruktion im Handeln.
Aufgabe 11: Erörtern Sie, ob Menschen nach von Glasersfeld überhaupt objektive Erkenntnis erreichen können. Operator: Erörtern. Musterantwort: Gegen die Möglichkeit einer vollkommen objektiven Erkenntnis spricht nach von Glasersfeld, dass Menschen Wirklichkeit immer auf der Grundlage eigener Wahrnehmungen konstruieren. Sie wählen bestimmte Signale aus und verbinden diese mit Erinnerungen und bisherigen Erfahrungen. Ein unmittelbarer Vergleich zwischen unserem Weltbild und einer völlig unabhängig von uns gegebenen Wirklichkeit ist deshalb problematisch. Dennoch bedeutet dies nicht, dass Erkenntnis wertlos oder vollkommen beliebig wäre. Vorstellungen können sich unterschiedlich gut bewähren und an Erfahrungen überprüft werden. Menschen können ihre Modelle verbessern, wenn sie auf Hindernisse oder Widersprüche treffen. Vollständige Erkenntnis einer vom Menschen unabhängigen Wirklichkeit bleibt aus konstruktivistischer Perspektive problematisch, während brauchbare und überprüfbare Erkenntnisse möglich bleiben.
Aufgabe 12: Setzen Sie von Glasersfelds konstruktivistische Erkenntnistheorie in Beziehung zu religiösen Vorstellungen von Gott. Operator: In Beziehung setzen. Musterantwort: Von Glasersfelds Ansatz kann dazu anregen, zwischen Gott und menschlichen Vorstellungen von Gott zu unterscheiden. Menschen entwickeln religiöse Vorstellungen unter dem Einfluss persönlicher Erfahrungen, religiöser Traditionen, Sprache, Erziehung und Gemeinschaft. Aus konstruktivistischer Perspektive können diese Vorstellungen als menschliche Deutungen verstanden werden. Daraus folgt jedoch nicht unmittelbar eine Entscheidung über die Existenz Gottes. Die Erkenntnistheorie untersucht vielmehr, wie Menschen Vorstellungen entwickeln und welche Grenzen ihr Zugang zur Wirklichkeit besitzt. Für den Religionsunterricht entsteht daraus die Frage, wie religiöse Aussagen begründet werden können und welche Rolle Erfahrung, Offenbarung und Tradition dabei spielen.
Aufgabe 13: Erörtern Sie, ob unterschiedliche religiöse Weltbilder mit dem Konstruktivismus erklärt werden können. Operator: Erörtern. Musterantwort: Für eine konstruktivistische Erklärung spricht, dass Menschen ihre Weltbilder auf der Grundlage unterschiedlicher Erfahrungen, Traditionen, kultureller Prägungen und Deutungsmuster entwickeln. Deshalb können verschiedene Menschen dieselben Ereignisse unterschiedlich interpretieren. Religiöse und nichtreligiöse Weltbilder können somit als unterschiedliche Formen der Wirklichkeitsdeutung betrachtet werden. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass alle Weltbilder denselben Wahrheitsanspruch besitzen oder gleichermaßen gut begründet sind. Auch konstruktivistisch betrachtet können Vorstellungen auf Widersprüche und Widerstände treffen und kritisch geprüft werden.
Aufgabe 14: Erörtern Sie die Bedeutung des Konstruktivismus für den Umgang mit sozialen Medien. Operator: Erörtern. Musterantwort: Soziale Medien verdeutlichen, dass Menschen nur einen begrenzten Ausschnitt von Wirklichkeit wahrnehmen. Sie sehen ausgewählte Bilder, Texte und Videos und verbinden diese Informationen mit ihren bisherigen Erfahrungen und Erwartungen. Von Glasersfelds Ansatz kann dafür sensibilisieren, dass daraus unterschiedliche Wirklichkeitsvorstellungen entstehen können. Gleichzeitig sollte daraus nicht geschlossen werden, dass jede Darstellung gleichermaßen zuverlässig ist. Informationen können anhand von Quellen, Belegen und weiteren Beobachtungen überprüft werden. Der Konstruktivismus kann deshalb zu einem bewussteren Umgang mit der eigenen Wahrnehmung und mit medial vermittelten Wirklichkeitsbildern beitragen.
Aufgabe 15: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage: „Wir erkennen nicht die Wirklichkeit selbst, sondern entwickeln brauchbare Vorstellungen von ihr.“ Operator: Stellung nehmen. Musterantwort: Für die Aussage spricht von Glasersfelds Hinweis darauf, dass Wahrnehmung immer durch Auswahl, Aufmerksamkeit, Erinnerung und bisherige Erfahrungen geprägt wird. Die Metapher des blinden Wanderers verdeutlicht, dass erfolgreiches Handeln möglich ist, ohne ein vollständiges Bild der Umwelt zu besitzen. Gleichzeitig erfahren Menschen Widerstände, an denen sich ihre Vorstellungen bewähren müssen. Deshalb sind Wirklichkeitsvorstellungen nicht vollkommen beliebig. Die Aussage kann somit als Hinweis auf die Grenzen menschlicher Erkenntnis verstanden werden. Menschen können Modelle entwickeln, überprüfen und verbessern, ohne sicher behaupten zu können, dass diese die Wirklichkeit unabhängig von jeder menschlichen Wahrnehmung vollständig abbilden.