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Ich brauche Begleitung, keine Betreuung!

Unterrichtseinheit zum Thema „Obdachlosigkeit“ (Kl. 9-10)

Veröffentlichung:1.1.2025

Das Medium „Ich brauche Begleitung, keine Betreuung! Unterrichtseinheit zum Thema Obdachlosigkeit“ von Matthias Schmidt und Margit Herfarth ist für den Religionsunterricht in den Jahrgangsstufen 9 und 10 konzipiert. Die Unterrichtseinheit nimmt Obdachlosigkeit als soziale, ethische und religiöse Herausforderung in den Blick und ordnet das Thema der Frage nach einem gelingenden Miteinander zu. Einen theologischen Bezug bilden die Werke der Barmherzigkeit und die biblische Aufforderung aus Jesaja 58,7, Menschen in Not Nahrung und Obdach zu geben. Im Zentrum steht dabei nicht ein Reden über obdachlose Menschen aus einer distanzierten Perspektive, sondern die Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse, Erfahrungen und Selbstbestimmungsrechte. Leitend ist die Unterscheidung zwischen Betreuung und Begleitung. Hilfe soll Menschen nicht bevormunden, sondern ihre Ressourcen, Bedürfnisse, ihr eigenes Tempo und ihre Selbstbestimmung berücksichtigen. Die Unterrichtseinheit besteht aus drei Bausteinen und mehreren Arbeitsblättern. Die Lernenden beschäftigen sich zunächst mit ihren eigenen Vorstellungen eines guten Lebens und mit der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Anschließend erarbeiten sie Hintergrundwissen zur Obdachlosigkeit und entwickeln Fragen für ein mögliches Interview. Im dritten Baustein begegnen sie anhand eines Videos und eines Interviews konkreten Lebensgeschichten obdachloser Menschen. Abschließend recherchieren sie Hilfsangebote und setzen sich mit der Frage auseinander, wie angemessene Hilfe aussehen kann.

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Didaktisch eignet sich das Material besonders für einen Religionsunterricht, der ethisches Lernen, biblische Tradition, Perspektivübernahme und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden möchte. Ausgangspunkt sollte nicht unmittelbar die Frage sein, warum Menschen obdachlos werden. Sinnvoll ist vielmehr der im Material vorgesehene subjektorientierte Einstieg über die Bedürfnisse der Lernenden. Das erste Arbeitsblatt fragt danach, was ein Mensch für ein gutes und glückliches Leben benötigt. Begriffe wie Wohnung, Familie, Freundschaft, Frieden, Geld, Nahrung, Sicherheit, Bildung, Freizeit und Gesundheit werden ausgewählt, gewichtet und in Kleingruppen diskutiert. Dadurch erkennen die Lernenden zunächst, dass Vorstellungen vom guten Leben sowohl elementare materielle Voraussetzungen als auch soziale, kulturelle und persönliche Bedürfnisse umfassen. Diese Phase sollte ausreichend Gesprächszeit erhalten, da sie die Grundlage für die spätere Perspektivübernahme bildet. Die Lernenden können ihre eigenen Lebensbedingungen reflektieren, ohne dass die Lehrkraft vorschnell eine bestimmte moralische Bewertung vorgibt.

Im nächsten Schritt bietet sich die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow als Modell zur Strukturierung an. Das Material unterscheidet körperliche Grundbedürfnisse, Sicherheit, soziale Beziehungen, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Die Lernenden ordnen eigene Beispiele ein und beurteilen anschließend kritisch, ob die hierarchische Ordnung des Modells überzeugend ist. Methodisch ist es wichtig, die Pyramide nicht als unumstößliche Beschreibung menschlichen Lebens zu präsentieren. Sie dient im Material als Denkmodell, das von den Lernenden selbst beurteilt werden soll. Gerade für den Religionsunterricht lässt sich die Beschäftigung mit Bedürfnissen anschließend durch Fragen nach Menschenwürde, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Teilhabe und einem guten Leben vertiefen.

Der Übergang zum Thema Obdachlosigkeit sollte sensibel gestaltet werden. Das Material arbeitet hierzu mit einem Bildimpuls. Die Lernenden beschreiben zunächst, was sie tatsächlich erkennen können, und unterscheiden dies anschließend von ihren Vermutungen über die abgebildete Person. Danach entwickeln sie aus der Perspektive von journalistisch Fragenden ein Interview mit einem Menschen, der auf der Straße lebt. Diese Methode eignet sich sehr gut zur Reflexion von Vorurteilen. Die Lehrkraft kann zusätzlich fragen, welche Fragen echtes Interesse ausdrücken, welche möglicherweise Grenzen überschreiten und welche bereits bestimmte Vorstellungen von Obdachlosigkeit voraussetzen. Auf diese Weise wird nicht nur Wissen über Obdachlosigkeit erworben, sondern auch die eigene Haltung gegenüber Menschen in schwierigen Lebenssituationen reflektiert.

Von besonderer religionspädagogischer Bedeutung ist das narrativ biografische Lernen im dritten Baustein. Die abstrakte Kategorie Obdachlosigkeit wird mit konkreten Lebensgeschichten verbunden. Die Lernenden untersuchen Brüche und Wendepunkte im Lebensweg und fragen nach Ursachen und möglichen Wegen aus der Obdachlosigkeit. Zentral ist dabei die Aussage, dass obdachlose Menschen Begleitung und keine Betreuung benötigen. Diese Aussage kann zum Ausgangspunkt einer vertiefenden ethischen Diskussion werden. Lernende können erarbeiten, worin sich fürsorgliche Hilfe und Bevormundung unterscheiden. Dabei sollte deutlich werden, dass Hilfe nicht automatisch gut ist, nur weil sie gut gemeint ist. Aus christlicher Perspektive lässt sich hier fragen, was Nächstenliebe bedeutet, wenn der andere Mensch als eigenständiges Gegenüber mit eigener Würde und eigenen Entscheidungen ernst genommen wird.

Das Interview mit Stefan Cramer eröffnet darüber hinaus einen direkten Zugang zur religiösen Dimension. Cramer beschreibt die Kirche als einen Ort der Ruhe, des Menschseins, des Willkommenseins und der menschlichen Nähe. Außerdem berichtet er von Gottesdiensten sowie Angeboten der evangelischen und katholischen Kirche. Für den Religionsunterricht bietet sich an dieser Stelle eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Frage an, welche Bedeutung Religion und Kirche für Menschen in existenziellen Krisen besitzen können. Lernende können untersuchen, welche menschlichen Bedürfnisse in Cramers Beschreibung von Kirche angesprochen werden. Daran lässt sich die Frage anschließen, ob kirchliche Diakonie lediglich materielle Unterstützung bedeutet oder ebenso Gemeinschaft, Anerkennung, Würde, Zugehörigkeit und spirituelle Beheimatung umfassen sollte.

Der biblische und theologische Bezug sollte im Unterricht ausdrücklich vertieft werden. Jesaja 58,7 und die Werke der Barmherzigkeit ermöglichen eine Verbindung zwischen gegenwärtiger Obdachlosigkeit und biblischer Sozialethik. Dabei sollte der biblische Text nicht lediglich als Aufforderung zum Spenden behandelt werden. Ergiebiger ist die Frage, welches Menschenbild hinter der Forderung steht, Hungernde zu speisen und Menschen ohne Obdach aufzunehmen. Die Lernenden können diese Vorstellung anschließend mit dem Leitgedanken der Begleitung vergleichen. Dadurch wird Nächstenliebe nicht nur als einzelne gute Tat verstanden, sondern als Beziehungsgeschehen, das die Würde und Selbstbestimmung des Gegenübers berücksichtigt.

Methodisch sollte die Lehrkraft auf eine respektvolle Sprache achten. Obdachlose Menschen dürfen nicht auf ihre Notlage reduziert und nicht ausschließlich als hilfsbedürftige Objekte dargestellt werden. Gerade die biografischen Materialien ermöglichen es, Menschen mit individuellen Lebensgeschichten, Entscheidungen, Bedürfnissen und Ressourcen wahrzunehmen. Die Unterrichtseinheit verfolgt ausdrücklich das Ziel, die Perspektiven der betroffenen Menschen einzubeziehen. Wenn Lernende selbst Erfahrungen mit Armut, unsicheren Wohnverhältnissen oder familiären Krisen haben, sollte eine persönliche Offenlegung niemals eingefordert werden.

Besonders sinnvoll ist eine handlungsorientierte Abschlussphase. Das Material sieht eine Recherche nach Hilfsangeboten für Menschen ohne Obdach am eigenen Wohnort vor. Die Lernenden sollen außerdem beurteilen, was Einzelne konkret tun können. Genannt werden beispielsweise respektvolle Begegnungen, Gespräche sowie die Unterstützung sozialer Organisationen. Zugleich wird betont, dass Menschen, die Geld erhalten, selbst darüber entscheiden dürfen, wofür sie es verwenden. Dadurch kann die Unterrichtseinheit von der Wahrnehmung über die Urteilsbildung zur Handlungsperspektive führen. Möglich sind Präsentationen lokaler Hilfsangebote, Gespräche mit Fachleuten oder Begegnungen mit Menschen, die selbst Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit gemacht haben. Das Material verweist hierfür auch auf einen Schulworkshop und geführte Stadttouren, bei denen Menschen mit eigener Erfahrung von Obdachlosigkeit zu Wort kommen. Eine solche Begegnung sollte sorgfältig vor und nachbereitet werden, damit sie nicht zur bloßen Betrachtung fremder Lebenswelten wird. Lernende sollten vielmehr Fragen nach Würde, Selbstbestimmung, gesellschaftlichen Strukturen, Nächstenliebe und eigener Verantwortung entwickeln.

Insgesamt eignet sich das Medium besonders für einen problemorientierten und lebensweltbezogenen Religionsunterricht. Es verbindet subjektorientiertes Lernen mit Sachinformationen, biografischem Lernen, ethischer Urteilsbildung und Handlungsorientierung. Die Lernenden werden nicht nur mit der sozialen Realität von Obdachlosigkeit konfrontiert, sondern setzen sich mit grundlegenden religionspädagogischen Fragen auseinander: Was braucht ein Mensch für ein gutes Leben? Was bedeutet Menschenwürde? Was verlangt Nächstenliebe? Wann wird Hilfe zur Bevormundung? Welche Verantwortung tragen Einzelne, Kirche und Gesellschaft? Gerade diese Verbindung macht das Material für die Behandlung von Diakonie, christlicher Sozialethik, Menschenwürde und gesellschaftlicher Verantwortung im Religionsunterricht geeignet.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.1 Verantwortung für das Leben. Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 9

9.2 Nach Gerechtigkeit streben: Gleiche Lebensbedingungen für alle.

Beispielhafte Lernsequenzen

  • Soziale Fragen im 19. Jh. und heute

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