Der Artikel beschreibt Hildegard von Bingen als eine Gestalt deren geistliches Profil am besten als prophetische Existenz verstanden wird. Ihre Prophetie wird in drei Schritten entfaltet. Zuerst wird ihr Selbstverständnis als Seherin vorgestellt. Danach folgt die Darstellung ihrer Botschaft. Schließlich wird gefragt welche bleibende Weisung sie hinterlassen hat und weshalb sie heute als Kirchenlehrerin Bedeutung besitzt.
Als Ausgangspunkt dient Hildegards erstes großes Werk Scivias. Am Anfang steht ein Berufungsbericht in dem sie eine überwältigende Lichterfahrung schildert. Sie versteht diese Erfahrung als göttlichen Auftrag zu reden und zu schreiben und zwar nicht nach menschlicher Erfindung sondern entsprechend dem was sie in den himmlischen Bereichen sieht und hört. Entscheidend ist dass sie das Ziel ihrer Schau nicht als private Frömmigkeit beschreibt sondern als Erschließung des Sinnes der Heiligen Schrift. Sie betont dass sie die Visionen wachend und bei klarem Verstand empfängt durch die inneren Augen und Ohren. Gleichzeitig berichtet sie von langem Schweigen und von Widerstand aus Demut und Unsicherheit bis Krankheit sie zum Schreiben drängt. Für ihr Gesamtwerk ergibt sich daraus der Anspruch dass ihr Schrifttum von Gott gegeben ist und dass sie nur weitergibt was ihr gezeigt wurde.
Der Autor arbeitet heraus dass Hildegard den Bezugspunkt aller Rede und aller Schrift in der Menschwerdung des Sohnes Gottes sieht. Gottes Selbstmitteilung ist in Christus vollständig. Wenn Gott spricht sagt er alles was zu sagen ist. Von hier aus versteht Hildegard auch ihre eigene Sendung. Ihre Visionen sind Auslegung dessen wer Christus ist und worin seine Heilssendung besteht. Sie schreibt als Auslegerin der einen Schrift die in der Kirche verkündet wird und zugleich in ihren Schauungen innerlich neu aufleuchtet. Um die Andersartigkeit der Botschaft zu zeigen wählt sie bewusst eine fremdartige Bildsprache. Damit reagiert sie auf grundlegende erkenntnistheoretische und fundamentaltheologische Fragen jedes christlichen Offenbarungsverständnisses. Ihre Sprache soll Distanz schaffen und so die göttliche Herkunft der Botschaft sichtbar halten. Dass sie im 21 Jahrhundert zur Kirchenlehrerin erklärt wurde wird als Auftrag gedeutet dass die Gegenwart neu lernen soll auf Gott zu sehen und auf ihn zu hören.
Im zweiten Teil wird die Verkündigung Hildegards aus dem Liber divinorum operum erschlossen. Dort betrachtet sie die alttestamentliche Prophetie als entscheidende Phase der Heilsgeschichte nach der Gabe des Gesetzes. Die Propheten entfalten den Sinn des Gesetzes. Zugleich wird die gesamte Heilsgeschichte von der Menschwerdung Christi her gelesen und als Kontinuität göttlichen Heils und als Zerbrechlichkeit menschlicher Treue verstanden. Eine zentrale Rolle spielt die Gestalt Caritas die Gottes Schöpferkraft und seine liebende Hingabe an die Schöpfung verkörpert. In einer großen Rede wird Caritas als feurige Lebenskraft vorgestellt die allem Leben zugrunde liegt und in trinitarischer Weise Gott selbst bezeugt. In weiteren Visionen treten Liebe Demut und Friede auf und Caritas verbindet die Prophetie mit dem Schöpfungsvorgang. Prophetie erscheint als vom göttlichen Licht überschattet und als Vorausdeutung dessen was Gott in seinem Schaffen bereits in sich trägt. Die Seele wird als lebendiger Geisthauch beschrieben der den Menschen zu Wissen Denken Sprechen und Handeln befähigt.
Eine weitere Vision stellt Weisheit und den allmächtigen Gott dar. Gott bleibt unsichtbar wird aber durch das Geschöpf erkannt und im Glauben verstanden. Weisheit ist sanft und auf das barmherzige Lamm bezogen. Der Mensch soll Gott durch den Glauben erkennen indem er Gottes Wunder in sich umfasst und den Unsichtbaren mit Wissen und Glauben ergreift. In der Schlussvision wird die Heilsgeschichte bis zum Jüngsten Tag zusammengefasst. Daraus ergibt sich das Profil von Hildegards Prophetie. Ihr Gegenstand ist das Wirken Gottes wie es aus Welt und Schöpfungserfahrung erkannt werden kann. In diesem Prozess erkennt der Mensch sich selbst und dann Gott. Als Mitte ihrer Anthropologie gilt die Einsicht dass der Mensch von Gott so begnadet ist dass er sich nicht als Zentrum sondern als Mitte der Schöpfung verstehen kann.
Im dritten Teil wird Hildegards Wirkung als Prophetin durch ihre Briefe gezeigt. Sie stand mit Päpsten und Herrschern in Kontakt und mahnte kirchliche wie weltliche Amtsträger. Gelehrte suchten ihre Stellungnahmen. Viele Menschen baten sie um Rat Trost und Gebet. Der Autor verweist auf den großen Umfang des Briefcorpus und auf die Besonderheit der Überlieferung in der großen Werkausgabe aus dem späten Leben Hildegards dem sogenannten Wiesbadener Riesenkodex. In diesem Zusammenhang wird eine besondere Entdeckung vorgestellt. Am Ende ihres Lebens hat Hildegard in einem Trostschreiben an ihre Gemeinschaft ein geistliches Testament formuliert indem sie ältere Texte zu einer neuen Einheit zusammenführt. In diesem Testament macht sie deutlich dass Christus die Zukunft ihrer geistlichen Töchter ist. Die Propheten seien Christus vorausgelaufen und hätten ihn angekündigt. Der Heilige Geist habe auch im Alten Bund die Propheten bewegt doch hätten sie die Tiefe ihrer Prophetie oft eher verdunkelt als erhellt. Hildegard dagegen kennt den Urheber ihrer Visionen und hinterlässt ihrer Gemeinschaft eine klare Wegweisung. Sie ruft zur Flucht vor gefährlichen Winden zur Hinwendung zum König Christus und zur Treue im Segen Gottes auf.
Am Ende verdichtet der Artikel Hildegards theologisches Profil als reine Treue zu Gott dem Urheber. Ihre prophetische Gestalt zeigt sich in Seelsorge und in der Rückführung aller inneren Bewegungen auf die Liebe zu Christus. Darin liegt ihre bleibende Lehre für die Kirche heute.