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Seherinnen

Veröffentlichung:1.1.2014

Der Fachartikel ist im Heft ru-heute 01/2014 unter dem Titel „Seherinnen. Zeitgenössische Kunst im Kontext der Akademie Frankfurt. Zwei Projektbeispiele“ enthalten und umfasst die Seiten 29 bis 32, also 4 Seiten. Er zeigt an zwei Ausstellungsprojekten der Evangelischen Akademie Frankfurt, wie zeitgenössische Kunst in einem säkularen Umfeld gesellschaftliche und ethische Fragen so zuspitzen kann, dass sie im religiösen Kontext prophetische Resonanzräume eröffnet. Theologisch berührt der Text vor allem die Frage, wie Kunst als Sehhilfe und als kritischer Gegenentwurf wirken kann, wie sich Leid, Gewalt, Hoffnung und Transzendenz in Bildern deuten lassen und wo die Grenzen zwischen theologischer Auslegung und der Offenheit von Kunst liegen. Zudem wird das Spannungsfeld von Vieldeutigkeit der Kunst und zielgerichteter heilsgeschichtlicher Prophetie reflektiert.

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Der Artikel berichtet über die Auseinandersetzung der Evangelischen Akademie Frankfurt mit zeitgenössischer bildender Kunst. In den vergangenen Jahren wurden Ausstellungsprojekte mit Künstlerinnen und Künstlern initiiert und jeweils in interdisziplinäre Veranstaltungsreihen eingebunden. Im Mittelpunkt standen Kunstpositionen, die an der Schnittstelle von gesellschaftlichen und ethischen Fragen einerseits und künstlerischen Fragestellungen andererseits arbeiten. Weil viele dieser Positionen in einem säkularen Umfeld beheimatet sind, entstand im religiösen Kontext der Akademie eine produktive Reibung. Anhand von zwei Beispielen wird gezeigt, wie Kunst prophetische Züge annehmen kann, ohne dabei in eindeutige religiöse Botschaften aufzugehen.

Das erste Beispiel ist eine Ausstellung der iranischstämmigen Künstlerin Parastou Forouhar im Frühjahr 2013. Der Titel Der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß ist ein Zitat aus Büchners Dantons Tod und verweist auf die Folgen von Revolution, Gewalt und politischer Umwälzung. Der Titel passt zur Arbeit der Künstlerin, die gegen Unterdrückung und für Freiheit kämpft, Verfolgung und Exil erfahren hat und seit Jahren die Aufklärung der Ermordung ihrer Eltern im Iran fordert. In der Ausstellung werden mobile Wände zu einer raumgreifenden Installation angeordnet. Eine Seite ist vollständig mit einer Tapete bedeckt die aus vielen Schmetterlingsmotiven besteht. Zunächst wirkt die Oberfläche bunt und leicht. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch in den Flügelzellen der Schmetterlinge Darstellungen gefolterter und gequälter Körper, Menschen im Fadenkreuz, hinter Gittern, blutende Verletzte oder Tote. Die Arbeit zwingt zu Nahsicht und macht sichtbar, wie Schönheit und Grauen ineinander verschränkt sein können.

Diese Doppelbödigkeit ist typisch für Forouhar. Sie arbeitet mit Verkleidung und Camouflage und verwendet Dinge aus der Welt des Spiels und der Freizeit wie Daumenkino, Luftballon oder Tretboot. Damit erzeugt sie positive Assoziationen die sie dann bricht, indem sie mit Gewaltexzessen konfrontiert. Die Tapetenarbeit trägt den Titel Zeit der Schmetterlinge. Die einzelnen Motive sind mit konkreten Orten der Gewalt im Iran verknüpft, etwa Gefängnissen, oder mit Daten die für die Künstlerin bedeutsam sind, zum Beispiel dem Datum der Ermordung ihrer Eltern. Aus westlicher Perspektive kann man die Darstellungen als apokalyptisch lesen und in eine Tradition von Endzeitbildern einordnen. Zugleich verankert der Artikel das Werk in der persischen Kultur. Dort hat die ornamentale, symmetrische Darstellung des Menschen eine Tradition in der Miniaturkunst. Sie erzeugt eine harmonische Oberfläche als Zeichen göttlicher Ordnung und Schönheit. Forouhar macht jedoch sichtbar, dass diese Ordnung ein Potential von Brutalität in sich tragen kann, weil sie Abweichung nicht duldet und das Nichtpassende unsichtbar macht und an den Rand drängt.

Indem die Muster computergeneriert zur Tapete werden, entsteht der Eindruck maschineller Replikation. Die Arbeit berührt damit den Bereich von Dekoration und Design. Zugleich verweist sie auf strukturelle Gewalt, die nicht nur anderswo, sondern auch als weltweites Muster gesellschaftlicher Wirklichkeiten verstanden werden kann. Der Artikel deutet politische Kunst als Träger eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs und spricht von Utopie als positivem Traum von einer besseren Zukunft. Im Sinn Ernst Blochs wird Utopie als kulturelle Antriebskraft beschrieben die in Religion wie in Kunst wirksam ist. Auch das Symbol des Schmetterlings wird doppelt gelesen. In der persischen Tradition steht er für Flüchtigkeit Vergänglichkeit und Selbstaufgabe aus Liebe. Der Falter fliegt ins Licht und geht daran zugrunde. Im christlichen Kontext dagegen ist der Schmetterling ein Symbol der Auferstehung und der Metamorphose aus scheinbar Leblosem in neues Leben. In der Akademie werden beide Deutungshorizonte aufeinander bezogen. Dadurch entsteht Hoffnung, aber auch die Möglichkeit dass das Motiv selbst ambivalent bleibt und die Schmetterlinge nicht nur Träger des Guten sind. Genau diese Vieldeutigkeit markiert einen grundlegenden Unterschied zu religiöser Prophetie als zielgerichteter heilsgeschichtlicher Ankündigung. Kunst verweigert eindeutige Festlegung und bleibt offen für mehrere Lesarten. In der Passionszeit führte das sogar dazu, dass Pfarrerinnen und Pfarrer das Schmetterlingsmotiv für Predigten nutzen wollten. Der Autor betont, dass eine theologische Ausdeutung von Kunst möglich ist, wenn die Vielschichtigkeit des Werks respektiert wird.

Das zweite Beispiel ist die Ausstellung Be Happy der Videokünstlerin Eva Weingärtner, die in der Epiphaniaskirche im Frankfurter Nordend gezeigt wurde. Die Evangelische Akademie Frankfurt führte diese Reihe mit einer Gemeinde und dem Zentrum Verkündigung durch. Weingärtner zeigte mehrere Videoarbeiten. Eine Arbeit mit dem Titel Lucid Dream fokussiert in Nahaufnahme die Augenpartie eines Gesichts. Der Blickkontakt wird intensiv und irritierend, weil unklar wird wer wen betrachtet. Die Künstlerin arbeitet bewusst mit Nähe und mit einem Spiel des Voyeurismus. Ein Schatten wandert über das Gesicht, bis eine Hälfte im Licht und eine im Dunkel liegt, fast wie ein Yin Yang Zeichen, und schließlich das Dunkel dominiert. Am Ende leuchten nur noch die Augen und das Gesicht bekommt eine unheimliche, fast raubtierhafte Wirkung. Da das Video in einer Schleife läuft beginnt der Prozess immer neu. Der Tagtraum kippt in einen Alptraum und bleibt als Projektion unaufgelöst.

Weingärtners Arbeitsweise wird als konzentriert beschrieben. Sie nutzt wenige Bildelemente, oft inszeniert sie sich selbst, arbeitet mit Gesten und besonders mit den Händen. Ihre Videos kreisen um Identität, Selbst und Fremdwahrnehmung und erforschen innere Zustände ebenso wie gesellschaftliche Prägungen. In einem kammerspielartigen Setting konfrontieren die Bilder mit Zärtlichkeit, aber auch mit Gewalt oder Selbsthass. Der Spiegel ist dabei ein wichtiges Motiv, weil sie ihr Bild häufig verdoppelt und ein Alter Ego oder ein soziales Gegenüber entstehen lässt. Dadurch werden die Betrachtenden mit Intimität und Nahansichten innerer Gefühlswelten konfrontiert.

Eine zweite Arbeit Die Erde ist mein Himmel wurde ortsbezogen im Kirchenschiff installiert. Der Betrachter schaut von oben auf die Projektion am Boden wie in einen Brunnen. Zunächst sieht man die Kirchendecke, dann erscheint eine Frau die mit einer wischenden Bewegung Wasser zu entfernen versucht, als wolle sie ein klares Spiegelbild erhalten. Doch das Leichte kippt ins Unheimliche. Es entsteht der Eindruck als befinde sich der Kopf unter Wasser und das Bild steige aus einer Tiefe herauf. Die Bilder werden unscharf, lösen sich in Farbflächen auf und zuletzt verschwinden die Augen. Die Motive entziehen sich und öffnen zugleich eine Ahnung von Unendlichkeit. Danach zeigt das Video die Projektion selbst, die gefilmten Steinplatten werden auf reale Steinplatten projiziert. Realität und Bild vervielfältigen sich und erhalten erneut einen transzendenten Zug. So stellen die Bilder die Welt buchstäblich auf den Kopf und bekommen in diesem Sinn prophetische Züge. Der Ausstellungstitel Be Happy steht dabei in Spannung zur Passionszeit. Die Verbindung von Karneval und Fastenzeit, von Ausgelassenheit und Einkehr, wird als Bild für die Gegensätze des Daseins gedeutet.

Am Ende zieht der Artikel eine Bilanz. Beide Projekte machen das Sehen zum zentralen Thema. Bei Weingärtner ist es ein traumartiges visionäres Sehen nach innen auf das eigene Ich. Bei Forouhar ist es ein alptraumhaftes und zugleich utopisches Sehen auf Gewalt und gesellschaftliche Zustände. Künstlerisches Video wird als notwendig beschrieben weil es verzerrt und entschleunigt, aufdeckt und reinigt und dadurch wieder sehen hilft. Die Kunst wird so zur Sehhilfe, die Menschen mit sich selbst und mit der Welt konfrontiert und im religiösen Kontext Fragen nach Leid Hoffnung Wahrheit und Transzendenz neu öffnet.

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