Der Artikel thematisiert eine oft unterschätzte Form der Theismuskritik, die nicht von atheistischen Denkern, sondern von einer anderen Religion ausgeht, nämlich vom Buddhismus. Während christliche Theologie sich häufig mit naturwissenschaftlicher oder philosophischer Religionskritik auseinandersetzt, wird weniger beachtet, dass auch eine hochentwickelte spirituelle Tradition wie der Buddhismus die Existenz eines personalen Schöpfergottes ausdrücklich verneint und dennoch einen umfassenden Heilsweg anbietet.
Das Christentum sieht das Grundproblem des Menschen in der Entfremdung von Gott und die Erlösung in der Wiederherstellung der Gemeinschaft mit ihm. Der Buddhismus hingegen deutet das menschliche Leiden als Folge von Unwissenheit über die wahre Natur der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit wird als leer und nicht dual verstanden. Ziel ist das Erlöschen des leidverursachenden Anhaftens im Nirvana und das Ende des Kreislaufs von Geburt und Wiedergeburt im Samsara.
Exemplarisch wird die buddhistische Theismuskritik anhand der Aussagen des Dalai Lama dargestellt. Er betont, dass die buddhistische Weltsicht vom Prinzip des bedingten Entstehens ausgeht. Alles Existierende entsteht durch wechselseitige Abhängigkeit von Ursachen und Bedingungen. In einem solchen Weltbild gibt es keinen Raum für eine absolute, außerzeitliche Erstursache oder einen personalen Schöpfergott. Das Universum existiert nach buddhistischer Auffassung ohne Anfang und ohne Schöpfungsakt.
Der Dalai Lama formuliert mehrere Argumente gegen den Theismus. Erstens sei Gottes Existenz logisch nicht beweisbar, während die buddhistische Lehre rational nachvollziehbar sei. Zweitens könne der Glaube an einen Schöpfergott das menschliche Selbstverständnis schwächen, da der Mensch sich als untergeordnetes Geschöpf begreife. Drittens bestehe die Gefahr, dass Menschen ihre eigene spirituelle Verantwortung vernachlässigen, wenn sie auf Rettung von außen hoffen. Viertens könne der Theismus kritisches Denken hemmen, da göttliche Autorität nicht infrage gestellt werde. Fünftens schaffe der Gottesglaube zusätzliche Probleme wie die Theodizeefrage. Statt eines personalen Gottes kennt der Buddhismus das unpersönliche Karmagesetz als ordnendes Prinzip.
Der Artikel macht deutlich, dass der Buddhismus weltweit stark wächst und auch im Westen großen Einfluss gewinnt. Besonders herausfordernd für das Christentum ist nicht nur die Konversion einzelner Christen, sondern die Entstehung einer doppelten religiösen Zugehörigkeit. Prominente Vertreter dieser Entwicklung sind etwa Paul Knitter und AMA Samy.
Paul Knitter bezeichnet sich ausdrücklich als buddhistischer Christ. In seinem Buch „Ohne Buddha wäre ich kein Christ“ beschreibt er, dass seine christliche Identität durch den Buddhismus vertieft worden sei. Für ihn ist interreligiöse Identität die Spiritualität der Zukunft. Auch AMA Samy vertritt die Auffassung, dass ein Christ zur vollen spirituellen Verwirklichung den Weg des Zen gehen müsse. Er spricht von einer nicht dualen Wirklichkeit, in der Letztgültiges und Endliches ineinanderfallen.
Diese Positionen werfen aus christlicher Sicht erhebliche Fragen auf. Wenn Gott nicht als personales Gegenüber verstanden wird, wenn Christus nicht einzigartiger Erlöser ist, sondern eine von mehreren Erlösergestalten, oder wenn Gott als dynamisches Energiefeld des Interseins beschrieben wird, geraten zentrale christliche Glaubensaussagen unter Druck. Die Gefahr besteht, dass durch die Verbindung mit buddhistischen Denkformen wesentliche Elemente des christlichen Gottes und Erlösungsverständnisses relativiert oder transformiert werden.
Der Artikel schließt mit der Feststellung, dass der Buddhismus als theismuskritische Religion eine ernsthafte Herausforderung für das Christentum darstellt. Gleichzeitig eröffnet die Begegnung die Möglichkeit eines vertieften interreligiösen Dialogs. Ob die Übernahme buddhistischer Elemente eine Verfälschung oder eine Bereicherung des christlichen Glaubens bedeutet, muss in einer offenen theologischen Auseinandersetzung weiter geklärt werden.