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Lernen wie L

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel von Daniel Krochmalnik ist im Heft ru heute 02 2013 im Schwerpunktteil auf den Seiten 4 bis 10 erschienen unter dem Titel „“. Auf sieben Seiten entfaltet der Autor eine theologisch fundierte Deutung des hebräischen Buchstabens Lamed als Symbol jüdischen Lernens. Der Artikel behandelt zentrale theologische Probleme wie das Verhältnis von Offenbarung und Tradition, Autorität und Individualität, Wiederholung und Deutung, Einheit und Pluralität der Wahrheit sowie das Spannungsverhältnis von Gehorsam und Streitkultur im rabbinischen Judentum.

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Daniel Krochmalnik entfaltet seine Überlegungen vom hebräischen Buchstaben Lamed aus, der als zwölfter und größter Buchstabe des Alephbet eine besondere Stellung in der Tora einnimmt. Die Torarolle wird mit höchster Sorgfalt geschrieben. Jeder der 304805 Buchstaben ist heilig, ein einziger Fehler macht die Rolle unbrauchbar. Die Buchstaben sind nicht bloße Lautzeichen, sondern Träger eigener Heiligkeit. Das Lamed ragt als einziger Buchstabe über die obere Zeile hinaus. Schon in seiner graphischen Gestalt wird es zum Symbol des Lernens, denn sein Name hängt mit der hebräischen Wurzel für lernen zusammen.

Der Autor deutet die Form des Lamed als Bild für die drei Dimensionen traditionellen jüdischen Lernens. Die Senkrechte steht für das autoritative Lehren vom Lehrer zum Schüler. Die Waagrechte symbolisiert das gemeinsame Lernen von Partnern in der Lerngemeinschaft. Die Diagonale verweist auf die Weitergabe an die nächste Generation, in der die Tradition nicht nur übernommen, sondern gebrochen und neu vermittelt wird. Lernen erscheint so als Grenzüberschreitung und als Prozess der Verinnerlichung. Dass der letzte Buchstabe der Hebräischen Bibel ein Lamed ist und zusammen mit dem ersten Buchstaben Bet das Wort Herz bildet, deutet Krochmalnik als Hinweis darauf, dass Lernen das Gelesene ins Herz aufnimmt.

Im nächsten Schritt beschreibt er die Lehrtradition als Kette der Überlieferung vom Sinai bis zu den Rabbinern. In den Sprüchen der Väter wird diese Traditionslinie entfaltet. Lehren geschieht durch Wiederholung, doch Wiederholung bedeutet nicht mechanisches Auswendiglernen. Anhand talmudischer Auslegungen zeigt der Autor, dass der Lehrer verpflichtet ist, so lange zu lehren, bis der Schüler versteht. Überlieferung schließt Deutung nicht aus. Der Lehrer soll die verschiedenen Gesichter der Tora vor Augen führen und die Gründe der Gebote erklären. Lernen bedeutet Erkenntnisgewinn. Damit verbindet sich eine theologische Grundfrage nach dem Verhältnis von göttlicher Offenbarung und menschlicher Auslegung. Die Offenbarung bleibt maßgeblich, doch sie verlangt aktive Interpretation.

Krochmalnik betont zugleich die Individualität der Überlieferung. Jede Lehre wird im Namen eines konkreten Lehrers weitergegeben. Obwohl die Tradition ununterbrochen ist, entstehen unterschiedliche Akzente und Meinungen. Bereits im biblischen Kanon finden sich parallele Versionen zentraler Texte. In der rabbinischen Literatur bleiben abweichende Meinungen erhalten. Am Beispiel der Schulen von Hillel und Schammai zeigt der Autor, dass Meinungsverschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Ausdruck lebendiger Gottesbeziehung verstanden wird. Die Worte der einen und der anderen sind Worte des lebendigen Gottes. Einheit entsteht nicht durch Uniformität, sondern durch eine Streitkultur, die Respekt und Entscheidung verbindet.

Diese Streitkultur nennt Krochmalnik den Krieg der Tora. Lernen ist nicht nur Gehorsam, sondern geistiger Ringkampf. Gleichwohl setzt dieser Streit gründliche Kenntnis der Tradition voraus. Saugen und Ringen haben ihre Zeit. Erst wer die Grundlagen beherrscht, kann produktiv widersprechen. Damit wird das Spannungsverhältnis zwischen Autorität und Kritik theologisch fruchtbar gemacht.

Im letzten Teil wendet sich der Autor den Lernstufen und Lerntypen zu. Die rabbinische Tradition unterscheidet Altersstufen des Lernens von der Schrift über die Mischna bis zum Talmudstudium. Außerdem werden unterschiedliche Schülercharaktere beschrieben, etwa der Schwamm, der alles aufsaugt, oder die Schwinge, die Spreu vom Weizen trennt. Bevorzugt wird der kritische Lerntyp, der prüft und unterscheidet. Ziel ist nicht bloße Reproduktion, sondern eigenständige Durchdringung.

Abschließend führt Krochmalnik aus, dass Lernen nicht nur den Schüler verändert, sondern auch die Tora und den Lehrer. Wer einen Schüler lehrt, erschafft gewissermaßen einen neuen Menschen. In einem rabbinischen Wort heißt es, man lerne am meisten von seinen Schülern. Das Lamed schließt sich so zum Kreis. Lernen ist keine Einbahnstraße von oben nach unten, sondern ein lebendiger Prozess gegenseitiger Erneuerung.

Der Artikel zeigt insgesamt, dass jüdisches Lernen als heiliger Akt verstanden wird, der Offenbarung bewahrt und zugleich in jeder Generation neu hervorbringt. Tradition und Innovation, Autorität und Streit, Wiederholung und Deutung stehen in einer dynamischen Beziehung. Das Lamed wird zum theologischen Symbol für diesen offenen und zugleich gebundenen Lernweg.

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