RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Bistum MainzRU Heute

Bistum Mainz,

RU Heute

Gegenwärtig ist er in seinem Wort

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel von Burkard Porzelt ist im Heft ru heute 02 2013 unter dem Titel „Verantwortete Lesarten entwickeln Konturen eines Unterrichts der Schüler innen wie Bibel wertschätzt“ erschienen. Der Beitrag umfasst etwa 3 Seiten, Seite 37 bis 40. Er entfaltet ein bibeldidaktisches Konzept für den Religionsunterricht, das sowohl die Eigenständigkeit der biblischen Texte als auch die Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler ernst nimmt. Theologisch behandelt der Artikel vor allem die Fragen nach dem Bildungswert der Bibel in einer säkularen und pluralen Gesellschaft, nach dem Verhältnis von Mehrdeutigkeit und Wahrheit, nach legitimer Interpretation und Beliebigkeit sowie nach dem Zusammenspiel von historischer Exegese, Wirkungsgeschichte und gegenwärtiger Lebensdeutung.

Products

Burkard Porzelt geht von der Frage aus, warum und wie die Bibel heute im schulischen Religionsunterricht zur Geltung kommen soll. Weder ihre historische Bedeutung für die europäische Kultur noch ihre binnenreligiöse Relevanz genügen als Begründung für gegenwärtigen Bibelunterricht in einer pluralen und weitgehend säkularen Schülerschaft. Entscheidend ist vielmehr der aktuelle Erkenntniswert biblischer Texte für konkrete Schülerinnen und Schüler.

Die Bibel versteht Porzelt als Bildungsbuch. Ihre Texte verdichten existenzielle Erfahrungen von Menschen in sprachlich kraftvoller Weise. Sie sprechen von Abgründen und Gipfeln menschlicher Existenz, von Geburt und Tod, Verheißung und Erfüllung. Wer sich auf sie einlässt, kann in ein produktives Wechselspiel von Eigenem und Fremdem eintreten. Biblische Texte eröffnen fremde Erfahrungsräume, die Identifikation ebenso wie Distanzierung ermöglichen. Dadurch können Lernendei hre eigenen Erfahrungen, Deutungen und Gewissheiten prüfen und weiterentwickeln.

Eine besondere Herausforderung liegt in der religiösen Signatur der biblischen Texte. Die Gottesrede sprengt einen rein säkularen Deutungsrahmen. Gott erscheint als Deutungskategorie, die quer zu gängigen Selbstverständlichkeiten steht. Wird diese Dimension im Unterricht ausgeblendet, wird die Eigenart der Bibel verfälscht. Zugleich zwingt niemand die Schülerinnen und Schüler, sich diesen Glauben zu Eigen zu machen. Bildungsrelevant ist jedoch die Auseinandersetzung mit dieser religiösen Deutungsoption.

Ein zentrales Anliegen des Artikels ist die Betonung der Mehrdeutigkeit biblischer Texte. Sie sind literarische Zeugnisse existenzieller Erfahrungen und eröffnen vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Eine einzige, festgeschriebene Lesart würde den Texten Gewalt antun. Gleichzeitig warnt Porzelt vor Beliebigkeit. Nicht jede Deutung ist legitim. Verantwortete Lesarten müssen sich am Text selbst orientieren. Der Text ist erster Lehrmeister. Seine Struktur, Sprache und innere Logik begrenzen und eröffnen den Deutungsraum.

Lernende sind dabei als aktive Sinnkonstrukteure ernst zu nehmen. Verstehen ist kein bloßes Übernehmen vorgegebener Bedeutungen, sondern ein aktiver Prozess. Aus ein und demselben Text entstehen unterschiedliche Deutungen je nach Vorerfahrung der Lesenden. Ein verantworteter Bibelunterricht würdigt diese Deutungsleistungen und unterstützt die Entwicklung eigenständiger, textbezogener Lesarten. Dazu gehört, Schülerinnen und Schülern sowohl die Fähigkeit als auch die Zumutung einer mündigen Bibellektüre zuzutrauen.

Methodisch fordert Porzelt eine intensive Erkundung der Textwelt. Biblische Texte sollen aufmerksam wahrgenommen, befragt, analysiert und kreativ erschlossen werden. Unterschiedliche Zugänge wie Gespräch, Visualisierung oder Inszenierung können helfen, die innere Struktur eines Textes zu erschließen. Unzulässige Lesarten können so kenntlich werden, zugleich eröffnen sich neue Deutungsmöglichkeiten.

Das Gespräch spielt eine Schlüsselrolle. Interpretationen müssen intersubjektiv mitteilbar und nachvollziehbar sein. Im Austausch werden Deutungen geprüft, bestätigt, verändert oder verworfen. Unterschiedliche Perspektiven relativieren die eigene Sichtweise und können neue Einsichten hervorbringen. Voraussetzung ist eine offene Gesprächskultur, die experimentelles Denken zulässt und nicht auf das Erraten einer vermeintlich richtigen Lehrerinterpretation reduziert wird.

Neben der unmittelbaren Textarbeit nennt Porzelt drei wichtige Deutungshorizonte. Erstens die historische Exegese. Sie hilft, den ursprünglichen Sinn eines Textes zu rekonstruieren und schützt vor Projektionen oder fundamentalistischen Fehlinterpretationen. Lernendesollen zwar keine Exegeten werden, aber ein Gespür für die historische und kulturelle Verortung biblischer Texte entwickeln. Zweitens die Wirkungsgeschichte. Bilder, Lieder oder andere Rezeptionen können neue Perspektiven eröffnen und den eigenen Deutungsprozess bereichern. Drittens der korrelative Erfahrungsdialog. Hier wird die Bibel mit gegenwärtigen Lebensfragen ins Gespräch gebracht. Ziel ist es, biblische Tradition und heutige Existenzdeutung kritisch und produktiv aufeinander zu beziehen.

Porzelt versteht die Entwicklung verantworteter Lesarten nicht als Selbstzweck, sondern als Beitrag zur Lebensdeutung und Lebensbewältigung heutiger Menschen. Bibelunterricht soll dazu befähigen, in einem reflektierten Dialog zwischen Überlieferung und Gegenwart tragfähige Deutungen zu entwickeln. So wird sowohl die Würde der biblischen Texte als auch die Mündigkeit der Schülerinnen und Schüler gewahrt.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E2 Gotteswort im Menschenwort – Themen der Bibel und ihre Aneignung

E2.1 Glaubensdokumente in wissenschaftlicher und persönlicher Aneignung.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 4. Die Bibel: Gesammelte Gotteserfahrungen.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.