Der Artikel setzt beim verbreiteten Unbehagen gegenüber dem Begriff Kreuzesopfer an. Der Opfergedanke ist in Verruf geraten, weil er oft mit einem Tauschmodell verbunden wird. In der klassischen Satisfaktionstheorie Anselms von Canterbury wird die Versöhnung zwischen Gott und Menschheit so erklärt, dass Gott die Schuld der Menschen ausgleicht, indem er seinen Sohn gewissermaßen als Gegenwert in die Waagschale legt und die gestörte Weltordnung wieder ins Gleichgewicht bringt. Dieses Denken folgt dem Prinzip des Äquivalententauschs und steht in Nähe zu alten Opferpraktiken, in denen Opfergaben als Mittel verstanden wurden, Götter zu besänftigen oder Leistungen zu erhalten. Solche Muster erscheinen plausibel, weil Tauschlogik tief im menschlichen Denken verankert ist und sogar wirtschaftliches Handeln prägt.
Der Text beschreibt jedoch eine Entwicklung innerhalb der biblischen Religion, die das Tauschprinzip zunehmend aufbricht. Bereits im Alten Testament lässt sich ein grundlegender Bruch mit der Vorstellung erkennen, Gott sei ein kalkulierbarer Tauschpartner. Der Gott Israels ist nicht manipulierbar und entzieht sich ökonomischer Logik. Wenn Israel dennoch Opferpraktiken kennt, werden sie neu motiviert. Opfer werden dann vor allem zu Ausdruck von Verehrung und Lobpreis, nicht zu einem Geschäft mit Gott. Im Spätjudentum, besonders im Buch Hiob, wird die Idee kaufmännischer Gerechtigkeit noch einmal stark gemacht, um sie erzählerisch scheitern zu lassen. Hiobs Freunde erklären Leid mit Schuld und halten das Prinzip fest, dass auf Fehlverhalten Strafe folgen müsse. Die Erzählung führt jedoch zur Einsicht, dass dieses Modell nicht trägt. Am Ende wird das Tauschprinzip als aufgehoben gezeigt, und Hiob bittet sogar für seine fragwürdigen Freunde.
Vor diesem Hintergrund wird René Girard eingeführt, der mit seiner mimetischen Theorie einen neuen Blick auf Opfer und Gewalt ermöglicht. Girard beschreibt Mimesis als ansteckende Nachahmung, die in menschlichen Gesellschaften häufig dazu führt, dass Menschen etwas begehren, weil andere es begehren. Aus diesem mimetischen Begehren entstehen Konflikte, Rivalität und Gewalt. Um das Chaos zu stoppen, greifen Gemeinschaften immer wieder zu einem Mechanismus, den Girard Sündenbockmechanismus nennt. Dabei wird die Schuld für das Unheil auf eine auffällige Person projiziert, die dann ausgeschlossen oder getötet wird. Durch die gemeinsame Gewaltaktion stabilisiert sich die Gruppe, und das Opfer wird im Nachhinein oft sogar als heilig verklärt, weil die Gemeinschaft sich von ihm Heilung verspricht.
Girard deutete zunächst auch den Tod Jesu als Beispiel in dieser Reihe, doch in der Auseinandersetzung mit dem Theologen Raymund Schwager arbeitet er die Besonderheit des Kreuzes heraus. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Unschuld des Opfers sichtbar wird. Bei Jesus wird nicht nur ein Sündenbock getötet. In der Erzählung und in der entstehenden Glaubensdeutung wird zugleich der Mechanismus entlarvt. Damit wird der Sündenbockmechanismus ein für alle Mal aufgedeckt. In diesem Sinn ist das Opfer Jesu das letzte aller Opfer, weil es die Logik der Opferung durchbricht und nicht mehr zur Stabilisierung einer Gemeinschaft durch Gewalt taugt, sondern Gewalt als Gewalt sichtbar macht.
Der Artikel verknüpft diese Einsichten mit biblischen Linien, besonders mit dem Motiv des Lammes. Die Erzählung von der verhinderten Opferung Isaaks zeigt bereits, dass der Gott Israels keine Menschenopfer will. Das Ersatzopfer wird erzählerisch nötig, aber der Akzent liegt auf einer Abkehr von kindlichen Opferforderungen und auf der Anerkennung Gottes. Auch das Passalamm im Exodus wird gedeutet. Sein Blut markiert Verschonung und macht eine Unterscheidung sichtbar. Solche Texte führen zugleich zur Theodizee Frage, weil die Bibel immer wieder von Taten Gottes erzählt, die nicht in ein einfaches Bild eines ausschließlich liebenden Gottes passen. Das Leid bleibt eine harte Anfrage. Wenn Jesus als fleischgewordenes Wort am Kreuz den tiefsten Punkt menschlicher Erniedrigung teilt und den Schrei der Gottverlassenheit betet, wird das Leiden nicht erklärt oder aufgelöst, aber als gemeinsame Frage zwischen Gott und Mensch radikal ernst genommen.
Die Auferweckung Jesu erscheint dann als Antwort des Himmels im Licht des Glaubens, als Sieg über ungerechte Gewalt und letztlich über den Tod. Der Text betont, dass Girards Gedanken nicht eine Neuerfindung des Christentums sind, sondern etwas bewusst machen, das in der kirchlichen Praxis schon angelegt ist. Der christliche Monotheismus unterscheidet sich dadurch, dass er nicht mehr opfert wie andere Religionen. Die prophetische Kritik am Opfer, die schon früh einsetzt, wird in der Kreuzigung Jesu endgültig zugespitzt. Zugleich wird ein theologischer Spannungsbogen markiert. Der Sühneopfergedanke im Sinne Anselms wird in der modernen Theologie meist abgelehnt, dennoch haben Opferformulierungen in Liturgie und Gebet überlebt. Der Autor hält das für interessant, weil in alten Formeln ein Reichtum stecken kann, den spätere Generationen neu erschließen. Girards Ansatz integriert den Opfergedanken in die Aufklärungsgeschichte der Bibel, ohne zu behaupten, damit sei der ganze Reichtum der Kreuzestheologie ausgeschöpft. Er fügt aber einen wichtigen Aspekt hinzu, nämlich die Aufdeckung der Gewaltquelle im Sündenbockmechanismus.