Der Artikel stellt einen 14 teiligen Passionszyklus des Künstlers Jörg Länger vor, der in der Michaelskapelle in Limburg zu sehen ist. Die Stationenzahl und die Themen erinnern zunächst an einen Kreuzweg. Kreuzwege entstanden in der Passionsfrömmigkeit des späten Mittelalters und sollten als Ersatz für die Pilgerfahrt nach Jerusalem eine meditative Vergegenwärtigung des Leidensweges Jesu ermöglichen. Während ein klassischer Kreuzweg meist mit der Verurteilung durch Pilatus beginnt und mit der Grablegung endet, setzt Längers Zyklus schon bei der Szene am Ölberg ein. Nach der Grablegung folgen zusätzlich Höllenfahrt und Auferstehung. Dadurch spannt der Zyklus den Bogen weiter und betont, dass Passion und Ostern zusammengehören, auch wenn andere bekannte Kreuzweg Szenen ausgespart bleiben.
Der Ort wird als schlichter Raum beschrieben, der zur stillen Betrachtung einlädt. Die Kapelle liegt am Rand des Limburger Domfelsens und war früher Beinhaus und Totenkapelle. In diesem Raum wirken die kleinformatigen Papierarbeiten mit ihrer zurückhaltenden Farbigkeit und sparsamen Figurenverteilung zunächst leise und eher rätselhaft. Ohne Titel könnten die Bilder verwirren, weil sie sich von traditioneller kirchlicher Bildsprache scheinbar entfernen. Der Artikel korrigiert diesen ersten Eindruck. Länger arbeitet zwar mit reduzierter, moderner Form, greift aber auf Vorbilder aus der Kunstgeschichte zurück. Er löst Motive aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und setzt sie neu zusammen. Der Künstler spricht von narrativen Kompositionen, die nicht einfach abbilden, sondern Deutung anstoßen. Der Text erläutert dies an drei Stationen.
In der fünften Station erscheint erstmals die Farbe Rot. Im Zentrum steht eine menschliche Figur mit erhobenen Armen, überzogen von breiten roten Spuren, die an Blut erinnern. Die Figur stammt als Vorlage aus Rembrandts Darstellung von Christus an der Geißelsäule. Alle übrigen Elemente sind weggelassen. Dadurch richtet sich der Blick auf die Wehrlosigkeit und Verlassenheit Jesu. Das Blut wirkt nicht nur als Zeichen seines Leidens, sondern führt zu einer existenziellen Deutung. Es spritzt bildhaft über die Figur hinaus und stellt eine Verbindung zum Betrachter her. Das Leiden Jesu bleibt nicht ein fernes Ereignis, sondern trifft die Betrachtenden in ihrer eigenen Betroffenheit.
Die zehnte Station bezieht sich auf eine gotische Miniatur eines Gekreuzigten. Länger entfernt Kreuz und Nebenfiguren und konzentriert sich allein auf den Körper Christi. Durch ein dreifaches Druckverfahren entstehen drei übereinander gelagerte Gestalten. Die untere Figur ist dunkel, die darüber liegenden werden durch fehlenden neuen Farbauftrag immer transparenter. Wischspuren verbinden die Körper. So entsteht eine Deutungsoffenheit. Man kann die oberen Figuren als Absinken in den Tod sehen oder als Erheben aus dem Tod. Die Transparenz und die nach oben gestreckten Arme können auf eine Überwindung des Todes verweisen. Der Artikel deutet an, dass damit eine Bildtradition anklingt, in der Kreuz und Sieg über den Tod in einer Darstellung zusammen erscheinen. Die Kunst wird so zu einer visuellen Theologie, die nicht nur das Sterben zeigt, sondern die Hoffnung im Kreuz andeutet.
Die zwölfte Station zur Grablegung zeigt eine aufrechte Gestalt mit nach unten ausgestreckten Armen, eingeschlossen in ein schwarzes Quadrat. Das Quadrat steht für den Tod, der Jesus gefangen hält, zugleich hebt sich Christus als helle Gestalt davon ab. Hier werden zwei sehr unterschiedliche Kunstbezüge verbunden, eine Grablegung Fra Angelicos und das Schwarze Quadrat Malevichs, das als radikale Infragestellung gegenständlicher Malerei gilt. Durch die Kombination entsteht eine neue Bedeutung. Das Grab wirkt wie ein Kubus, der nicht völlig undurchdringlich ist, weil die Ränder unscharf und vibrierend erscheinen. Um den Leib liegt ein heller Umriss wie eine Aura. Dadurch bleibt offen, ob tatsächlich der Tod das letzte Wort hat oder ob sich bereits Bewegung und Durchbruch andeuten. Diese Schwebe wird erst im Rückblick der letzten Station aufgelöst. Dort zeigt sich das positive Vorzeichen der gesamten Bildfolge. Jesus stirbt nicht in ein schwarzes Nichts, sondern wird von Gott auferweckt und lebt aus dem lichten Sein des Vaters. So wird die Aussage des Titels eingelöst. Im Kreuz ist Leben, weil der Weg durch Tod und Grab auf Auferstehung hin geöffnet wird.