RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Eulenfisch

Eulenfisch

Gier. Zur Ikonographie einer Todsünde

Veröffentlichung:1.1.2010

Der Fachartikel „Gier. Zur Ikonographie einer Todsünde“ von Thomas Menges ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst ca. 4 Seiten. Der Artikel behandelt theologische Fragen der Sündenlehre, insbesondere die Bedeutung der Habsucht als Hauptsünde, ihre biblische Bewertung sowie ihre Darstellung in der christlichen Kunstgeschichte. Thematisiert werden dabei das Verhältnis von Laster und Tugend, die Gefahr der Gier für den Menschen und für soziale Beziehungen sowie die Frage, wie Kunst moralische und religiöse Botschaften sichtbar macht.

restricted content

Nach Registrierung auf www.eulenfischplus.de erhält man kostenlosen Zugriff auf die Inhalte.

Products

Der Artikel beschäftigt sich mit der Todsünde der Gier und ihrer Darstellung in der christlichen Kunstgeschichte. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die sieben Todsünden in der modernen Gesellschaft wieder verstärkt diskutiert werden. Während manche Stimmen sie als überholte moralische Kategorien betrachten, sehen andere in ihnen weiterhin wichtige Hinweise auf problematische menschliche Verhaltensweisen. Besonders die Gier erscheint in der modernen Wirtschaft und Gesellschaft häufig als akzeptierte oder sogar geförderte Haltung.

Der Autor weist zunächst darauf hin, dass der Begriff Todsünde häufig missverstanden wird. Nach der Lehre der Kirche ist eine Todsünde eine schwere Sünde, die mit vollem Bewusstsein und freier Zustimmung begangen wird. Davon zu unterscheiden sind Laster. Laster sind negative Gewohnheiten oder Charakterhaltungen, aus denen konkrete Sünden hervorgehen können. Sie gelten daher als Wurzelsünden oder Hauptsünden. Ihnen stehen Tugenden als positive Haltungen gegenüber.

Historisch geht die Einteilung der Laster auf den Mönch Evagrios Pontikos zurück, der im vierten Jahrhundert eine Liste von acht Lastern entwickelte. Papst Gregor der Große reduzierte diese später auf sieben Hauptsünden. Dazu gehören Stolz, Habsucht, Neid, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit. Einige dieser Laster richten sich auf ein falsches Ziel, andere beruhen auf einem falschen Maß. Außerdem haben sie nicht nur eine individuelle, sondern auch eine soziale Dimension, da sie Beziehungen zwischen Menschen zerstören können.

Die Gier ist ein Beispiel für ein Laster, das durch Maßlosigkeit gekennzeichnet ist. Der lateinische Begriff avaritia umfasst sowohl Geiz als auch Habgier. Geiz bedeutet, Besitz krampfhaft festzuhalten, während Habgier das aggressive Streben nach immer mehr Besitz bezeichnet. Beide Formen führen dazu, dass Menschen ihre Sicherheit im Besitz suchen. Dadurch kann die Gier auch anderen Menschen schaden, weil sie ihnen das entzieht, was sie zum Leben benötigen. Die Bibel bewertet Habsucht deshalb sehr kritisch. Im ersten Timotheusbrief wird sie als Wurzel allen Übels bezeichnet und im Kolosserbrief sogar mit Götzendienst verglichen.

Der Autor untersucht anschließend, wie die Gier in der Kunst dargestellt wird. Dabei zeigt sich, dass Künstler häufig allegorische oder symbolische Darstellungen verwenden. Ein Beispiel aus dem Mittelalter ist ein romanisches Kapitell in der Kirche Notre Dame du Port in Clermont Ferrand. Dort wird der Kampf zwischen der Tugend der Nächstenliebe und dem Laster der Gier dargestellt. Diese Darstellung geht auf ein spätantikes Gedicht zurück, das den inneren Kampf zwischen Tugenden und Lastern beschreibt. Die Szene symbolisiert einen geistlichen Kampf, der im Inneren des Menschen stattfindet.

Ein weiteres Beispiel ist ein romanisches Relief an der Kathedrale von Lincoln. Hier wird ein geiziger Mensch gezeigt, der einen Geldbeutel um den Hals trägt und von Dämonen angegriffen wird. Schlangen beißen ihn als Zeichen seiner Strafe. Diese Darstellung greift biblische Vorstellungen auf, nach denen habgierige Menschen vom Reich Gottes ausgeschlossen sind.

Auch im Spätmittelalter findet sich dieses Motiv. Ein Fresko von Taddeo di Bartolo zeigt im Rahmen eines Jüngsten Gerichts die Bestrafung der Habgierigen in der Hölle. Diese Darstellungen sind von der mittelalterlichen Vorstellung geprägt, dass jede Todsünde eine bestimmte Strafe im Jenseits nach sich zieht. Literarische Vorbilder dafür finden sich etwa in der Göttlichen Komödie von Dante.

In der frühen Neuzeit setzt sich Pieter Bruegel der Ältere in einem Kupferstich mit dem Thema der Gier auseinander. In seinem Bild erscheint die Habgier als personifizierte Gestalt, die Geld zählt und von verschiedenen Szenen der Geldgier umgeben ist. Die Darstellung zeigt die Jagd nach Reichtum, Betrug und Diebstahl. Gleichzeitig greift sie das biblische Wort Jesu auf, dass Menschen sich keine Schätze auf der Erde sammeln sollen.

Der Artikel zeigt anschließend, wie sich auch moderne Künstler mit der Todsünde der Gier beschäftigen. Der Künstler Jan Neuffer stellt die Gier in einer Grafik als selbstbewusste, aber zugleich kopflose Figur dar, die krampfhaft Geldscheine festhält. Die Darstellung zeigt, dass Gier den Menschen isoliert und ihn unfähig macht, über sich selbst hinauszublicken.

Der Künstler Béla Faragó stellt die Habgier als riesige Figur dar, die von einem Berg aus Geld umgeben ist. Der Mensch wird dadurch unbeweglich und verliert den Blick für seine Umgebung. Gleichzeitig erscheinen Ratten als Symbol für den Verfall und die Vergänglichkeit des Reichtums. Die Darstellung macht deutlich, dass der Besitz letztlich nicht dauerhaft ist.

Auch der Zeichner Andreas Noßmann greift dieses Thema auf. In seiner Darstellung erscheint die Habgier als mumifizierte Gestalt, die von Reichtum umgeben ist, aber dennoch immer noch mehr besitzen will. Hinter ihr öffnet sich ein riesiger Schlund als Symbol für den Abgrund. Die Darstellung zeigt, dass die Jagd nach Reichtum zu einer zerstörerischen Besessenheit werden kann.

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass moderne Künstler häufig an die traditionelle Bildsprache der christlichen Kunst anknüpfen. Sie stellen die Gier als zerstörerische Lebenshaltung dar, die den Menschen blind macht und ihn von Gott entfernt. Auch wenn die Werke nicht immer ausdrücklich religiös sind, lassen sie sich im Licht der christlichen Botschaft interpretieren. Letztlich steht die Gier im Widerspruch zum christlichen Gebot der Liebe und zur Forderung Jesu, nicht dem Mammon zu dienen.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/1 Was ist der Mensch?

11.1 / 2. Der Mensch und seine Mitmenschen.

11.1 / 3. Der Mensch und seine Verantwortung.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.