Die vorliegende empirisch-religionspädagogische Studie von Marcel Franzmann untersucht systematisch die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen in Interaktionen von Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht. Ausgelöst durch eine Unterrichtsbeobachtung, in der ein Schüler die untergeordnete Rolle von Frauen in biblischer Zeit verteidigte, entwickelte sich das Forschungsprojekt mit der zentralen Fragestellung: Welche Rolle spielen das Geschlechterverhältnis und die Geschlechter bei der Unterrichtsbeteiligung und Unterrichtsthematik? Die Studie arbeitet mit einem qualitativ-explorativen, interpretierenden Ansatz und nutzt als Kernmethode die Analyse von videografierten Religionsunterrichtsstunden. Das Datenmaterial stammt aus einem Videopool der empirischen Forschungsgruppe unter Leitung von Annegret Reese-Schnitker mit etwa 60 Unterrichtsstunden an Schulen in Hessen und Niedersachsen. Die Auswertung erfolgt triangulativ: Zunächst werden Unterrichtsstunden mittels Ratingverfahren hinsichtlich Sozialformen analysiert, danach werden ausgewählte Unterrichtsgespräche einer detaillierten sequenziellen Gesprächsfeinanalyse unterzogen, schließlich wird das Material mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring ausgewertet. Dabei wird durch induktives Vorgehen ein Kategoriensystem entwickelt, um Geschlechterverhältnisse in Schüler/-innen- und Lehrkräfteäußerungen sowie Unterrichtsinhalten zu identifizieren. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Geschlecht sowohl inhaltlich als auch formal eine Bedeutung im Religionsunterricht hat und in vielen beobachteten Sequenzen explizit oder implizit zum Thema wird. Besonders bei Fragen zur Gottesfrage zeigen sich geschlechterstereotype Zuschreibungen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Schüler/-innen zwar kritisch mit gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen, aber auch Geschlechterrollenbilder reproduzieren. Formale Auswertungen deuten auf ungleiche Geschlechterbeteiligung hin. Das Ziel der abschließenden Auswertung ist es, Ergebnisse in aktuelle Diskurse zur geschlechtergerechten Pädagogik einzubringen und Handlungsempfehlungen für eine geschlechtergerechte religionsunterrichtliche Praxis zu generieren.