Der Artikel ist als Interview mit Marie Luise Reis gestaltet, die sowohl Theologin als auch Malerin ist. Ausgangspunkt ist ihre Beschäftigung mit Hildegard von Bingen, die sie als Theologin und bildschaffende Künstlerin zugleich versteht. Hildegards Besonderheit liegt für sie darin, dass ihr Sehen nicht bloß äußere Wahrnehmung ist, sondern ein inneres, geistliches Sehen. Dieses innere Sehen ist nach Reis Gabe und Auftrag zugleich, weil es auf einen tieferen Seinsgrund verweist und damit nicht beim Sichtbaren stehen bleibt. Hildegards Visionen werden als Erfahrungen eines lebendigen göttlichen Lichtes beschrieben, das die gesamte Schöpfung durchdringt.
Reis erklärt, dass sie sich schon früher mit den Miniaturen der Scivias Handschrift auseinandergesetzt hat, ihre neueren Bilder aber stärker von Bewegung und expressiver Farbigkeit geprägt sind. Der Anlass für diese neue künstlerische Annäherung war die Heiligsprechung Hildegards und ihre Ernennung zur Kirchenlehrerin. Bei der erneuten Beschäftigung mit Hildegards Visionen fiel Reis besonders die Spannung zwischen den eher flächigen mittelalterlichen Illustrationen und der von Hildegard beschriebenen unendlichen Räumlichkeit und Dynamik ihrer Schau auf. Die Visionen umfassen für sie Mikro und Makrokosmos und sprengen jede starre Bildgrenze. Deshalb versteht Reis ihre eigenen Bilder nur als vorläufige Annäherungen an etwas, das sich letztlich künstlerisch nicht vollständig fassen lässt.
Im weiteren Verlauf des Interviews wird deutlich, dass Hildegards Visionen auch stark körperlich und weiblich geprägt sind. Ihr Sehen ist für sie ein verinnerlichter Prozess, in dem Anschauung, Erkenntnis und Empfindung zusammengehören. Anders als dualistische Modelle denkt Hildegard den Menschen als Einheit von Leib und Seele. Deshalb greift sie in ihren Schöpfungs und Kirchenbildern häufig auf weibliche und mütterliche Metaphern zurück. Die Schöpfung erscheint als empfangend und gebärend. Besonders ausführlich wird die Vision von der Seele und ihrem Zelt besprochen. In dieser Schau wird die Entstehung menschlichen Lebens als ein von Gott durchwirkter Vorgang dargestellt. Der Embryo, die Mutter, das Welt Ei, das Universum und Gott stehen in einem gestuften Zusammenhang. Die Seele erscheint als von Gott kommender Lebensfunke. So wird der ganze Schöpfungsprozess als fortwährendes Gebären verstanden. Zugleich wird darin auch eine Mütterlichkeit Gottes sichtbar.
Diese Vision hat für Reis nicht nur historischen, sondern auch gegenwärtigen theologischen Gehalt. Sie betont die Würde jedes Menschen von Anfang an, weil in jedem Geschöpf ein göttlicher Lebensfunke pulsiere. Daraus ergeben sich für sie ethische Anfragen an moderne Sichtweisen auf Leben, Natur und Medizin, etwa im Blick auf pränatale Diagnostik oder auf die Bestimmung des Todes. Die Hildegard zugeschriebene Sicht auf die Seele wird damit als Korrektiv gegen rein materialistische oder utilitaristische Menschenbilder verstanden.
Ein weiteres Thema des Interviews sind Hildegards drastische Höllenbilder. Reis betont, dass sie diese nicht faszinierend, sondern erschreckend und mahnend findet. Die Höllendarstellungen werden als Ausdruck einer Theologie verstanden, in der die menschliche Existenz gefährdet ist und in der die Gottesferne zur Entstellung des Menschen führt. Luzifer erscheint als Beispiel einer Selbstüberhebung, die zur Trennung von Gott und damit zum Verlust von Schönheit, Würde und Beziehung führt. Das Böse wird in deformierten, tierähnlichen Gestalten dargestellt und verweist auf den Verlust von Personalität. Hildegards dramatische Bilder wollen damit die Ernsthaftigkeit menschlicher Freiheit und Entscheidung vor Augen führen.
Daran schließt das Gespräch über Hildegards Mysterienspiel Ordo Virtutum an. Reis deutet es als eine Form geistlicher Inszenierung, in der der Mensch als Wesen in Entscheidung erscheint. Der Mensch kann entweder in Gottesbeziehung wachsen oder sich entstellen. Auch die liturgische Praxis Hildegards wird in diesem Sinn beschrieben. Festliche Kleidung, Blumenkränze und schön gestaltete liturgische Feiern sind nicht bloß äußerer Schmuck, sondern sichtbarer Ausdruck einer gepflegten und auf Gott hin orientierten Seele. Damit setzt Hildegard bewusst ein Gegenbild zu rein äußerlichen Schönheitsidealen.
Ein großer Abschnitt des Interviews widmet sich Hildegards Kirchenverständnis. Kirche erscheint bei ihr als Frauengestalt, als Braut und Mutter. In dieser Symbolik bringt Hildegard zum Ausdruck, dass Kirche Leben hervorbringt, Gläubige aufnimmt und in sakramentaler Gemeinschaft mit Christus verbunden ist. Die Kirche wird als von innen her erleuchtet beschrieben. Bilder wie der Kristallturm oder die goldene Frauengestalt verweisen auf Lichtempfänglichkeit, Lichtdurchlässigkeit und trinitarische Tiefe. Zugleich verschweigt Hildegard nicht die Verfehlungen innerhalb der Kirche. Die Kirche wird von ihren eigenen Kindern verletzt, bleibt aber dennoch in ihrer inneren Schönheit und Strahlkraft von Christus her gegründet. Für den einzelnen Gläubigen bedeutet dies, dass er sich nicht äußerlich distanziert zur Kirche verhalten soll, sondern sich als Teil eines lebendigen Organismus verstehen kann. Daraus erwächst ein Auftrag zur Mitgestaltung und zur Teilhabe an der Schönheit der Kirche.
Am Ende weitet sich das Interview auf die Bedeutung der Künste für Theologie, Ausbildung und Religionsunterricht aus. Reis unterstreicht, dass religiöse Inhalte immer auch in künstlerischen Formen überliefert wurden. Deshalb sollten künftige Religionslehrkräfte nicht nur Sachwissen erwerben, sondern auch lernen, theologische Inhalte kreativ und kommunikativ auszudrücken. Kunst ermögliche einen Zugang, der über abstrakte Begriffe hinausgeht. In der Ausbildung könne dies sowohl didaktische als auch kommunikative Kompetenz stärken. Wer selbst kreativ gearbeitet habe, könne auch Lernende besser zu eigener Gestaltung anregen. Für Reis ist die Verbindung von Theologie und Kunst ein Weg, Verkündigung sichtbar zu machen. Gerade die Gedanken Hildegards zeigen für sie, dass die beseelte Schöpfung nicht allein mit wissenschaftlicher Sprache erfasst werden kann, sondern Bilder, Dichtung und künstlerische Ausdrucksformen braucht.
Insgesamt zeigt der Artikel, dass Hildegards Visionen für Reis nicht nur historische Zeugnisse mittelalterlicher Frömmigkeit sind, sondern bis heute theologische und anthropologische Fragen aufwerfen. Es geht um die Sichtbarkeit des Unsichtbaren, um die Würde der Schöpfung, um die Gefährdung des Menschen, um Erlösung, Kirche und Gottesbeziehung. Zugleich macht das Interview deutlich, dass Kunst ein wichtiger Vermittlungsweg sein kann, um solche komplexen religiösen Inhalte für Gegenwart und Unterricht fruchtbar zu machen.