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Katholische Akademie Bayern

Katholische Akademie Bayern

Mensch werden Humanismus, Kirche und Digitalisierung

Veröffentlichung:1.3.2023

Das Heft mit 117 Seiten „zur debatte“ 1/2023 der Katholischen Akademie in Bayern widmet sich unter dem Titelthema „Mensch werden – Humanismus, Kirche und Digitalisierung“ einer zentralen ethischen Frage unserer Zeit: Was heißt es, Mensch zu sein – und wie wird man es? Ausgangspunkt vieler Beiträge ist die Einsicht, dass Menschenwürde nicht nur ein abstrakter Wert, sondern ein konkreter Auftrag ist, der sich in der gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Praxis bewähren muss. Markus Vogt betont, dass die Würde des Menschen eine soziale, leibliche und spirituelle Dimension hat und sich nicht in bloßen Rechten erschöpft. Marianne Heimbach-Steins fragt nach der praktischen Umsetzung dieses Anspruchs und kritisiert, dass sowohl Kirche als auch Gesellschaft zu oft hinter ihren eigenen menschenrechtlichen Idealen zurückbleiben.


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Arnd Küppers plädiert für einen theozentrischen Humanismus, der die Gottesbeziehung in das Zentrum menschlicher Selbstverwirklichung stellt. Ursula Nothelle-Wildfeuer schlägt dagegen einen christlichen Humanismus vor, der aus dem Vorbild Jesu die Verpflichtung ableitet, den Menschen in seiner Schwäche ernst zu nehmen und Strukturen solidarischer Mitmenschlichkeit zu schaffen.

Ein zweiter Themenschwerpunkt des Hefts liegt auf dem Umgang der katholischen Kirche mit sexualisierter Gewalt. Achim Budde analysiert kritisch, dass es zwar Fortschritte in der Prävention gegeben habe, die strukturelle Aufarbeitung jedoch stocke. Besonders das sogenannte „Bystander-Phänomen“ – das kollektive Schweigen aus Loyalität oder Angst – verhindere wirksame Veränderungen. Budde fordert die Kirche auf, sich staatlichen Standards zu öffnen, individuelle Rechte der Betroffenen zu achten und die institutionelle Verantwortung klar zu benennen.

Der Beitrag von Georgios Vlantis widmet sich dem Verhältnis von Religion, Politik und Krieg – exemplarisch am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vlantis zeigt, wie religiöse Narrative sowohl friedensfördernd als auch kriegslegitimierend wirken können. Er warnt vor vereinfachenden Zuschreibungen und plädiert für eine differenzierte Auseinandersetzung mit religiöser Motivation und politischer Instrumentalisierung.

Weitere Beiträge des Heftes greifen unterschiedlichste Themen auf, etwa die ethischen und politischen Herausforderungen des Geo-Engineerings, die Verbindung von Kunst und Spiritualität bei Geigenbauer Martin Schleske oder das ökumenische Wirken von Gottfried Wilhelm Leibniz. Ein Text über den Gestalter Otl Aicher würdigt dessen humanistisch geprägtes Design-Verständnis.

Im digitalen Anhang des Hefts finden sich zusätzliche Essays zu Themen wie Trans- und Posthumanismus, Gendergerechtigkeit, religiöser Philanthropie oder dem Jemen-Konflikt. Dabei fällt die große thematische Breite auf, die sowohl philosophische Reflexionen als auch politische Analysen umfasst.

Zentraler Leitgedanke vieler Beiträge ist, dass Humanität nicht gegeben, sondern zu erringen ist. „Mensch werden“ bedeutet nicht nur biologische Entwicklung, sondern ethische Reifung, gesellschaftliche Verantwortung und spirituelle Suche. Die Kirche steht dabei im Spannungsfeld zwischen einem öffentlich eingeforderten Wertekanon und eigenen strukturellen Defiziten, insbesondere im Umgang mit Macht, Geschlecht und Partizipation.

Für Lehrkräfte bietet das Heft vielfältige Anknüpfungspunkte. Es regt zur Diskussion über die Bedeutung von Menschenwürde, die Rolle der Kirche in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, den Zusammenhang von Technologie und Ethik sowie zu Fragen kollektiver Verantwortung an. Besonders fruchtbar ist das Heft für den Religions- oder Ethikunterricht an weiterführenden Schulen, da es theoretische Reflexionen mit konkreten gesellschaftlichen Herausforderungen verbindet und zum interdisziplinären Denken einlädt. Es macht deutlich: Wer über den Menschen spricht, muss auch über Macht, Freiheit, Verletzlichkeit und Verantwortung sprechen. Und wer sich dem Anspruch stellt, Mensch zu werden, darf sich vor diesen Spannungen nicht scheuen.


Fragestellungen:

Markus Vogt: Menschenwürde konkret

Inwiefern unterscheidet sich „Menschenwürde“ als theologischer Begriff von ihrer Verwendung im politischen und juristischen Diskurs?

Kann Menschenwürde unabhängig von Religion begründet und geschützt werden – oder braucht es ein Transzendentes?


Marianne Heimbach-Steins: Vom Begriff zur Praxis

Wodurch wird der Begriff „Menschenwürde“ seiner Kraft beraubt – durch Inflation oder durch mangelnde Umsetzung?

Wie lässt sich der menschenrechtliche Anspruch der Kirche mit ihren eigenen strukturellen Missständen vereinbaren?

Arnd Küppers: Theozentrischer Humanismus

Welche Chancen und Risiken birgt ein Humanismus, der sich nicht auf den Menschen, sondern auf Gott zentriert?

Ist ein theozentrischer Humanismus anschlussfähig für säkulare Gesellschaften?

Ursula Nothelle-Wildfeuer: Christlicher Humanismus

Welche spezifischen Beiträge kann ein christlicher Humanismus zur Bewältigung aktueller Krisen (z. B. Migration, Klimawandel, Digitalisierung) leisten?

Wo liegen Grenzen eines religiös fundierten Humanismus im pluralen Gemeinwesen?


Zum Missbrauchskomplex in der katholischen Kirche (Achim Budde)

Welche Verantwortung trägt eine Institution wie die Kirche für systemisches Versagen – auch über individuelle Schuld hinaus?

Reicht kirchliche Selbstregulierung aus – oder braucht es unabhängige staatliche Kontrolle?

Was bedeutet Vergebung, wenn Täter geschützt und Betroffene ignoriert wurden?

Welche Mechanismen verhindern Veränderungen trotz öffentlicher Skandale und moralischem Anspruch?


Zum Verhältnis von Religion, Politik und Krieg (Georgios Vlantis)

Inwiefern kann Religion sowohl Friedensstifterin als auch Konflikttreiberin sein?

Wie sollte sich die Kirche positionieren, wenn staatliche Mächte religiöse Sprache zur Legitimation von Gewalt verwenden?

Gibt es eine moralische Pflicht zur Parteinahme in politischen Konflikten – oder kann Neutralität Ausdruck von Friedensliebe sein?


Zu den weiteren Beiträgen

Geo-Engineering: Technik gegen den Klimawandel

Dürfen wir die Natur technisch „managen“, um den Klimawandel aufzuhalten – oder gefährden wir damit unsere Demut gegenüber der Schöpfung?

Ist Geo-Engineering ein Zeichen menschlicher Hybris oder verantwortungsvoller Zukunftsgestaltung?

Martin Schleske: Kunst und Spiritualität

Kann Kunst ein spiritueller Weg sein – auch unabhängig von Religion?

Wie verändert sich das Verhältnis zu Gott, wenn er als Resonanzraum statt als Person verstanden wird?

Gottfried Wilhelm Leibniz: Ökumene und Vernunft

Welche Bedeutung hat Leibniz’ ökumenisches Denken für die heutige interreligiöse Verständigung?

Kann Vernunft als Grundlage von Einigungsprozessen zwischen Konfessionen und Religionen dienen?

Otl Aicher: Design und Menschlichkeit

Wie kann Gestaltung ethisch verantwortlich sein?

Was sagt gutes Design über das Menschenbild einer Gesellschaft aus?


Zu den Online-Texten (z. B. zu Posthumanismus, Gender, Genetik)

Was bedeutet „Mensch-Sein“ im Zeitalter von KI, Biotechnologie und digitaler Selbstoptimierung?

Ist der Mensch ein überholtes Projekt – oder das einzige Wesen, das seine Grenzen bewusst gestalten kann?

Wie verändert Gentechnik das Verständnis von Verantwortung und Schöpfung?

Was bedeutet Geschlechtergerechtigkeit in religiösen Institutionen – Reform oder Fundamentalkritik?

Hessen

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Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.3 Aspekte christlicher Anthropologie.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 5. Säkulare Heilsangebote und neue religiöse Bewegungen.

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