Sabine Pemsel-Maier zieht in ihrem Beitrag eine differenzierte Bilanz zu Gender in der Religionspädagogik. Sie unterscheidet zwischen einer "Haben-Seite" und einer "Soll-Seite". Auf der Haben-Seite verweist die Autorin auf die intensive Aufnahme von Gender als Analysekategorie in religionspädagogischer Forschung seit der Jahrtausendwende, sowohl in empirischer, didaktischer, historischer als auch interreligiöser Hinsicht. Zahlreiche Forschungsarbeiten behandeln Fragen zu Gottesbildern, biblischer Rezeption, Geschlechterdifferenz in Religionsbüchern und Schulentwicklung. Gender ist in Curricula, Lehr- und Orientierungspläne eingeflossen und wurde in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften und pastoralen Mitarbeitenden integriert. Allerdings zeigt die Analyse auch, dass Gendersensibilität allein nicht ausreicht: Sie ist nur ein erster Schritt zur Verwirklichung von Geschlechtergerechtigkeit, deren Bedeutung umstritten bleibt. Die Soll-Seite offenbart Defizite: Gender wird oft einzelnen (zumeist weiblichen) Akteuren delegiert und ist längst nicht mehr im Forschungsinteresse verankert. Zahlreiche wichtige Fragestellungen wurden in der Religionspädagogik wenig bearbeitet, etwa LGBTIQ-Perspektiven oder Geschlecht als Performanz ("Doing Gender"). Darüber hinaus dokumentiert die Autorin eine wachsende Genderresistenz außerhalb der scientific community. Studierende, Lehrkräfte und pastorale Mitarbeiter ironisieren Gendermainstreamingbemühungen, und gesellschaftlich sind restaurative Tendenzen sowie Anti-Genderismus zu beobachten. Die Autorin argumentiert, dass religiöse Bildung niemals geschlechtsneutral ist und dass Gender eine Frage der Haltung darstellt. Sie plädiert für eine Balance zwischen Dramatisierung und Entdramatisierung von Geschlechterfragen sowie für eine Kontextualisierung ohne Einebnung der Geschlechterkategorie. Abschließend betont Pemsel-Maier, dass Gendersensibilität und Geschlechtergerechtigkeit mehr erfordern als Arbeitsbegriffe – sie erfordern eine grundlegend veränderte Haltung aller beteiligten Personen in der religionspädagogischen Praxis.