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Eulenfisch

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Das Visionsfenster der Hildegard von Bingen

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Das Visionsfenster der Hildegard von Bingen“ enthalten. Der Beitrag umfasst 2 Seiten, S. 74 bis 75. Der Artikel deutet ein von Johannes Schreiter gestaltetes Kunstwerk für eine Hildegard Ausstellung und erschließt dessen mögliche Bedeutung im Horizont von Hildegards Visionswelt. Theologisch behandelt der Fachartikel vor allem die Probleme von Schöpfung und Vergänglichkeit, Licht und Finsternis, Gnade und Gericht, Heiliger Geist und mystische Erfahrung, Gut und Böse sowie die Frage, wie sich religiöse Wirklichkeit in moderner abstrakter Kunst darstellen lässt.

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Der Artikel von Karl Heinz König deutet das Visionsfenster der Hildegard von Bingen als ein offenes und vielschichtiges Kunstwerk, das sowohl vom Künstler Johannes Schreiter als auch von Hildegards Theologie her verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist eine genaue Beschreibung des Glasbildes. Es handelt sich um eine kreisrunde Scheibe mit zwei Bildebenen. Im Hintergrund leuchtet eine orange goldgelbe Fläche, die an Feuer oder Sonne erinnert. Darüber liegt eine schwarze kreisförmige Vorderfläche, die nach oben hin aufgebrochen ist und von rissartigen Öffnungen durchzogen wird. Am unteren Rand befindet sich ein besonderes Zeichen, das später als Signum oder Magnetsymbol gedeutet wird. Schon diese formale Analyse eröffnet erste Assoziationen von Licht, Dunkelheit, Spannung, Aufbruch und Bewegung.

Danach richtet sich der Blick auf den Künstler Johannes Schreiter. Der Artikel ordnet ihn als bedeutenden Glaskünstler ein, dessen Werke häufig von Ambivalenz geprägt sind. Seine Kunst bewegt sich zwischen Ruhe und Bewegung, Licht und Schatten, Ordnung und Chaos, Hoffnung und Bedrohung. Schreiter arbeitet oft mit Motiven von Feuer und Verbrennung, um die Vergänglichkeit des Menschen und seiner Werke sichtbar zu machen. Seine Kunst ist von einer ethischen und religiösen Ernsthaftigkeit geprägt. Immer wieder appelliert sie an die Vernunft und an die moralische Verantwortung des Menschen.

Zur Vertiefung wird das Heidelberger Physik Fenster herangezogen. Dieses Werk zeigt in dramatischer Weise die Ambivalenz moderner Errungenschaften und verbindet sie mit biblischen Mahnungen. Es erinnert unter anderem an Hiroshima und deutet die Erde als bedrohte Schöpfung. Durch diesen Vergleich wird deutlich, dass auch das Hildegard Fenster im Zeichen einer ernsten Auseinandersetzung mit Gefährdung, Gericht und Hoffnung steht. Zugleich wirkt das Visionsfenster ruhiger und zuversichtlicher als das Physik Fenster. Es strahlt nicht Katastrophe, sondern eher Sammlung und Offenheit aus.

Der eigentliche Deutungsschlüssel liegt für den Autor jedoch in Hildegards eigenen Aussagen. Aus dem Vorwort ihres Werkes Scivias wird erschlossen, dass Gott als lebendiges Licht erscheint, das Dunkelheit durchdringt und der Seherin Geheimnisse offenbart. Vor diesem Hintergrund kann die helle kreisförmige Hintergrundfläche als Sonne des Schöpfers verstanden werden. Die rissartige Öffnung und die blitzartigen Formen verweisen auf das Wirken des Heiligen Geistes. Die schwarze Vorderfläche kann als menschliche Seele gedeutet werden, die vom göttlichen Feuer erfasst wird. Diese Seele wird angesengt und durchleuchtet, aber nicht vernichtet. So nimmt das Fenster Hildegards eigene Beschreibung auf, dass ein feuriges Licht ihr Herz und ihre Brust erfüllte, ohne sie zu verbrennen.

Besondere Aufmerksamkeit erhält das Zeichen am unteren Rand des Bildes. Es wird als wiederkehrendes Symbol in Schreiters Werk beschrieben. In der kunsthistorischen Deutung steht es für Kräfte von Anziehung und Abstoßung sowie für die Beziehung zwischen menschlicher und göttlicher Sphäre. Damit erhält das Fenster eine zusätzliche Dimension. Es zeigt nicht nur eine Vision, sondern auch das spannungsvolle Verhältnis des Menschen zum Heiligen.

Im letzten Teil geht der Artikel auf die Bezeichnung Parusie ein, die dem Werk mitunter gegeben wird. Damit wird eine endzeitliche Deutung ins Spiel gebracht. Die schwarze Fläche kann dann nicht nur auf Hildegards Seele, sondern auch auf die bedrohte und zerbrechliche Schöpfung bezogen werden. Die Risse und Öffnungen verweisen dann auf ihre Gefährdung, aber auch auf die Möglichkeit göttlichen Durchbruchs. Diese Lesart passt zu Hildegards Visionen vom Kampf zwischen Gut und Böse und von der Scheidung der Guten und Bösen am Ende der Zeit. Das Bild kann somit auch als Ausdruck von Endzeiterwartung und Gericht verstanden werden.

Der Artikel betont jedoch, dass das Kunstwerk bewusst offen bleibt. Schreiter gibt keine eindeutige Erklärung vor, sondern überlässt die Deutung dem betrachtenden Menschen. Gerade darin liegt seine Stärke. Das Fenster wird zu einem Raum religiöser Spurensuche. Es verbindet moderne abstrakte Kunst mit Hildegards mittelalterlicher Visionstheologie und eröffnet verschiedene Ebenen theologischer Reflexion. Im Zentrum stehen dabei Licht als Zeichen göttlicher Gegenwart, Dunkelheit als Bild menschlicher Begrenzung und Sünde, die Verwundbarkeit der Schöpfung sowie die Hoffnung auf göttliche Zuwendung. So erscheint das Kunstwerk selbst als ein Deutungsangebot, das Hildegards Visionen in heutiger Bildsprache weiterführt.

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