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Eulenfisch,

Thomas Menges

Wie kann das Gestaltlose gestaltet werden?

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Wie kann das Gestaltlose gestaltet werden?“ enthalten. Der Beitrag umfasst ca. 4 Seiten, S. 78 bis 81. Der Autor Thomas Menges vergleicht zwei Trinitätsbilder des 12. Jahrhunderts, einen Gnadenstuhl aus dem Missale von Cambrai und eine Miniatur aus Hildegards Scivias Handschrift. Der Artikel behandelt zentrale theologische Probleme der Darstellbarkeit Gottes, besonders der Trinität, die Spannung von Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit Gottes, die Bedeutung der Menschwerdung Christi sowie die Frage, wie sich Einheit und Verschiedenheit der göttlichen Personen bildlich ausdrücken lassen, ohne in Missverständnisse zu geraten.

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Der Artikel geht von einer grundlegenden bildtheologischen Frage aus, die seit dem byzantinischen Bilderstreit diskutiert wird: Wie kann das Gestaltlose gestaltet werden? Johannes von Damaskus hatte betont, dass die Darstellung des Göttlichen an sich problematisch sei. Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus verändert sich diese Situation jedoch entscheidend. Weil Gott in Christus sichtbar geworden ist, kann Christus auch dargestellt werden. Das Zweite Konzil von Nicäa erlaubt deshalb die Darstellung Christi, Marias, der Engel und der Heiligen. Die Trinität selbst blieb in der frühen Kunst jedoch zunächst eher angedeutet als direkt dargestellt.

Im 12. Jahrhundert ändert sich dies deutlich. Die Trinität wird nicht nur in der Theologie intensiver bedacht, sondern auch in Frömmigkeit und Kunst stärker präsent. Der Artikel zeigt dies an zwei frühen Bildbeispielen, die unterschiedliche Wege gehen, um das Geheimnis des dreieinen Gottes sichtbar zu machen.

Das erste Beispiel ist der Gnadenstuhl aus dem Missale von Cambrai um 1120. Die Miniatur zeigt Gottvater als bärtige Gestalt auf einem Thron. In seinen Händen hält er das Kreuz mit dem gekreuzigten Sohn. Zwischen Vater und Sohn schwebt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes. Die drei Personen sind von einer Mandorla umschlossen. In den Ecken erscheinen die Symbole der vier Evangelisten, was den biblischen Grund des Trinitätsglaubens betont. Der Kontext des Bildes ist liturgisch, da es mit dem Hochgebet der Messe verbunden ist. Deshalb steht besonders die Annahme des Kreuzesopfers durch den Vater im Vordergrund.

Der Autor hebt mehrere theologisch wichtige Aspekte dieses Bildes hervor. Zunächst fällt die Verdoppelung der menschlichen Gestalt auf, da sowohl Vater als auch Sohn menschenförmig erscheinen. Zugleich werden sie unterschieden, etwa durch Alter und Bart. Auch die große Geisttaube ist bedeutsam. Ihre Flügelspitzen berühren die Münder von Vater und Sohn. Damit wird eine westliche Lehraussage über den Heiligen Geist sichtbar gemacht, nämlich dass dieser vom Vater und vom Sohn ausgeht. Das Bild ist also nicht nur Andachtsbild, sondern auch Ausdruck theologischer und kirchenpolitischer Positionierung.

Das zweite Beispiel ist die Trinitätsdarstellung aus dem Rupertsberger Codex, der Hildegards Schrift Scivias überliefert. Dieses Bild ist deutlich abstrakter. Es zeigt zwei Kreisscheiben und in ihrer Mitte eine menschliche Gestalt. Der äußere silberne Kreis, der innere goldene Kreis und die saphirblaue Menschengestalt beziehen sich auf eine Vision Hildegards. In dieser Vision sieht sie ein überhelles Licht, ein sanftes rötliches Feuer und in deren Mitte die Gestalt eines Menschen. Die spätere göttliche Erklärung deutet diese Schau als Offenbarung der wahren Dreifaltigkeit.

Der Artikel erklärt, dass das Bild den Visionstext sehr genau aufnimmt. Der äußere silberne Kreis steht für den Vater als lebendiges Licht. Der innere feurige Bereich verweist auf den Heiligen Geist. Die menschliche Gestalt im Zentrum verkörpert den Sohn. Anders als im Gnadenstuhl werden also Vater und Geist nicht gegenständlich dargestellt, sondern durch abstrakte Formen symbolisiert. Nur der Sohn erscheint in menschlicher Gestalt. Damit folgt das Bild dem Gedanken, dass Gott nur in Christus sichtbar wird. Die Menschengestalt ist zudem androgyn gestaltet. Dadurch wird angedeutet, dass das Erlösungswerk dem ganzen Menschen gilt, der als Mann und Frau Gottes Ebenbild ist.

Im Vergleich der beiden Bilder arbeitet der Artikel Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus. Beide Bilder wollen das Geheimnis des dreieinen Gottes meditativ erschließen und rücken Christus als den sichtbar gewordenen Gott in den Mittelpunkt. Beide zeigen den Vater als Ursprung, der Sohn und Geist umfasst. Doch die Weise der Darstellung ist verschieden. Der Gnadenstuhl arbeitet mit anthropomorphen und zoomorphen Formen. Vater, Sohn und Geist erscheinen als klar unterscheidbare Gestalten. Das macht die Verschiedenheit der Personen anschaulich, birgt aber die Gefahr, Gott wie drei getrennte Wesen erscheinen zu lassen. Das Hildegard Bild geht vorsichtiger vor. Vater und Geist werden nicht in konkreter Gestalt gezeigt, sondern durch Kreise und Lichtsymbolik. So wird die Einheit Gottes stärker gewahrt, während zugleich die Menschwerdung im Sohn hervorgehoben wird.

Der Artikel macht damit deutlich, dass Trinitätsdarstellungen immer auch auf ein theologisches Grundproblem reagieren. Die christliche Lehre muss Gottes Einheit und die Verschiedenheit der drei Personen zugleich festhalten. Bilder können diese Spannung nicht vollständig auflösen, sondern nur unterschiedlich gewichten. Der Gnadenstuhl betont stärker die personale Unterscheidung, das Visionsbild stärker die Einheit im Geheimnis des göttlichen Lichts.

Abschließend verweist der Autor darauf, dass der Gnadenstuhl eine große Wirkungsgeschichte entfaltet hat und im christlichen Bilderhaushalt sehr populär wurde. Das Hildegard Bild blieb dagegen singulär und begründete keine eigene Tradition, vermutlich weil es eng an einen konkreten Visionstext gebunden ist. Dennoch sind beide Bilder bis heute theologisch anregend, weil sie zeigen, wie intensiv das Mittelalter um eine angemessene Darstellung des christlichen Gottesgeheimnisses gerungen hat. Beide Bilder fordern dazu heraus, über das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, Inkarnation und Offenbarung sowie über die Möglichkeiten und Grenzen religiöser Bilder nachzudenken.

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