Der Artikel stellt Augustinus’ Confessiones als einen der großen Texte der christlichen Literatur vor. Er macht deutlich, dass dieses Werk keine Autobiographie im heutigen Sinn ist, obwohl Augustinus darin ausführlich von seinem Leben erzählt. Sein eigentliches Ziel ist nicht die Selbstdarstellung, sondern das Bekenntnis des Glaubens und das Lob Gottes. Die Erzählung seines Lebens, besonders seiner Bekehrung, dient dazu, Gottes Gnade, Güte und Heilshandeln sichtbar zu machen. Deshalb ist das Werk als Gebet zu verstehen, an dem die Lesenden Anteil nehmen.
Der Text zeigt weiter, dass die Confessiones eine große Themenvielfalt aufweisen. Die ersten Bücher schildern den Lebensweg des Augustinus bis zu seiner Bekehrung. Danach folgen Überlegungen zum Gedächtnis, zu Gott, zur Zeit und schließlich zur Auslegung des Schöpfungsberichtes. Diese Vielfalt ist nach Darstellung des Artikels jedoch nicht zufällig, sondern Ausdruck einer inneren Einheit. Augustinus möchte gebildete Leser von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugen, indem er dessen innere Stimmigkeit und Überlegenheit gegenüber anderen Denkformen darstellt.
Im Mittelpunkt des Artikels steht Augustinus’ Zeitverständnis im elften Buch der Confessiones. Diese Überlegungen stehen in einem theologischen Zusammenhang. Ausgangspunkt ist die Frage nach Gott als Schöpfer. Gott ist nach Augustinus ewig und daher nicht der Zeit unterworfen. Weil Gott vollkommen ist, verändert er sich nicht. Daraus ergibt sich die wichtige Folgerung, dass Gott nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit geschaffen hat. Deshalb ist die Frage, was Gott vor der Schöpfung getan habe, für Augustinus falsch gestellt. Vor der Schöpfung gab es kein Vorher, weil es noch keine Zeit gab. Gott steht allen Zeiten voraus, aber nicht innerhalb eines zeitlichen Nacheinanders, sondern in ewiger Gegenwart.
Der Artikel betont, dass dieser Gedanke im antiken Denken sehr radikal war. Während Aristoteles von der Ewigkeit von Welt und Zeit ausgegangen war, spricht Augustinus von einem Anfang der Schöpfung und damit auch von einem Anfang der Zeit. Zugleich zeigt der Text, dass dieser Gedanke schwer vorstellbar ist, weil menschliches Denken selbst immer in zeitlichen Kategorien verläuft. Genau deshalb wird die Frage nach dem Wesen der Zeit zu einem besonderen philosophischen und theologischen Problem.
Augustinus fragt ausdrücklich: Was ist die Zeit? Dabei macht er die berühmte Erfahrung, dass Zeit im Alltag zwar selbstverständlich erscheint, sich aber bei genauerem Nachdenken entzieht. Solange niemand danach fragt, scheint man zu wissen, was Zeit ist. Sobald man sie erklären soll, wird sie rätselhaft. Augustinus untersucht deshalb Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft genauer. Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht. Aber auch die Gegenwart ist schwer festzuhalten, weil sie im selben Moment vergeht. So scheint die Zeit bei genauer Analyse fast ins Nichts zu zerfallen.
Der Artikel zeigt, dass Augustinus diese Schwierigkeit nicht dadurch löst, dass er die Zeit einfach leugnet. Stattdessen wendet er sich dem menschlichen Bewusstsein zu. Dort findet er den Ort, an dem Zeit erfahren wird. Vergangenes wird in der Erinnerung gegenwärtig, Gegenwärtiges in der Wahrnehmung und Zukünftiges in Erwartung oder Hoffnung. Deshalb spricht Augustinus nicht einfach von drei Zeiten, sondern von einer Gegenwart des Vergangenen, einer Gegenwart des Gegenwärtigen und einer Gegenwart des Zukünftigen. Die Zeit hat ihren Ort also in der Seele des Menschen.
Hier liegt nach dem Artikel die bleibende Bedeutung von Augustinus. Zeit ist nicht nur ein äußerer Ablauf, der objektiv gemessen werden kann, sondern auch eine Weise, in der der Mensch Wirklichkeit erlebt. In Erinnerung, Wahrnehmung und Erwartung wird Zeit im Bewusstsein konstituiert. Darin erkennt der Artikel eine Einsicht, die weit in die Philosophiegeschichte hineinwirkte, etwa bei Husserl und Heidegger. Besonders wichtig ist die Frage, ob der Geist nicht nur Zeit erlebt, sondern in gewisser Weise selbst Zeit ist. Der menschliche Geist misst Zeit nicht einfach von außen, sondern erfährt sie in seinem eigenen inneren Vollzug.
Mit dieser Einsicht verbindet Augustinus auch eine Deutung der menschlichen Unruhe. Der Mensch ist in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinandergezogen. Er erinnert sich, nimmt wahr, hofft und erwartet und lebt darum nie ganz in ruhiger Einheit. Diese Unruhe findet erst dann ein Ende, wenn der Mensch in Gott Ruhe findet. In Gott gäbe es keine Zerrissenheit der Zeit mehr, sondern reine Gegenwart. Der Mensch würde dort zur Einheit gelangen.
Am Ende weist der Artikel darauf hin, dass Augustinus sehr wohl die messbare Zeit kennt, also jene Zeit, mit der Bewegungen von Körpern beschrieben werden können. Seine eigentliche Leistung besteht aber darin, einen anderen Zeitbegriff erschlossen zu haben, nämlich die Zeit des menschlichen Bewusstseins. Trotzdem bleiben auch für Augustinus offene Fragen. Das Verhältnis zwischen innerer Zeiterfahrung und äußerer physikalischer Zeit bleibt schwierig. So bleibt Zeit für ihn letztlich ein Geheimnis und ein verwickeltes Rätsel. Gerade darin liegt die anhaltende Aktualität seiner Überlegungen: Auch heute entzieht sich die Zeit dem menschlichen Begreifen, obwohl sie zu den grundlegendsten Erfahrungen des Lebens gehört.