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Nietzsches „Antichrist“

Auf der Suche nach dem „einzigen Christen“

Veröffentlichung:1.1.2014

Der Artikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Nietzsches Antichrist“ enthalten. Der vorliegende Beitrag umfasst nach dem Ausschnitt im Heft etwa vier Seiten. Der Fachartikel zeigt, dass Nietzsche in seinem Werk Der Antichrist zwar das Christentum, die Kirche und besonders Paulus scharf angreift, dass er sich aber zugleich intensiv mit Jesus und dem Evangelium auseinandersetzt. Behandelt werden vor allem theologische Probleme wie das Verhältnis von Jesus und Christentum, die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Evangeliums, die Spannung zwischen Botschaft Jesu und kirchlicher Lehre, die Themen Erlösung, Sünde, Ressentiment, Rache und die Frage, ob Nietzsche Jesus nicht gerade gegen das Christentum verteidigt.

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Der Artikel untersucht Nietzsches Schrift Der Antichrist als doppelte Bewegung. Einerseits ist sie eine radikale Abrechnung mit dem Christentum, der Kirche und ihrer Wirkungsgeschichte. Andererseits zeigt sie eine überraschend starke Faszination Nietzsches für Jesus und die Evangelien. Holger Zaborowski macht deutlich, dass Nietzsche nicht einfach pauschal alles Christliche verwirft. Vielmehr richtet sich seine Kritik vor allem gegen das historisch gewordene Christentum, gegen kirchliche Institutionen, gegen Theologen und gegen moralische und kulturelle Entwicklungen, die er mit dem Christentum verbindet.

Der Titel Antichrist lässt zunächst vermuten, Nietzsche greife direkt Jesus Christus an. Der Artikel zeigt jedoch, dass dies zu kurz greift. Nietzsche setzt sich im Antichrist viel stärker mit dem Christentum als geschichtlicher Gestalt auseinander als mit Jesus selbst. Gerade die Evangelien bereiten ihm Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten sind für Nietzsche nicht nur historischer oder exegetischer Art. Sie betreffen den psychologischen Typus des Erlösers. Nietzsche liest die Evangelien daher nicht wie ein Theologe, sondern als Denker, der im Jesusbild etwas entdeckt, das ihn zugleich anzieht und irritiert.

Zaborowski erklärt, dass Nietzsche mit der kirchlichen Vorstellung von Erlösung nichts anfangen kann, weil sie für ihn an Sünde und Schuldbewusstsein gebunden ist. Dennoch sucht Nietzsche selbst nach einer Form von Erlösung, nämlich nach Befreiung vom Geist der Rache, vom Ressentiment und von einer Moral der Schwäche. Deshalb sucht er nach einem anderen Erlöser. Ausgerechnet in den Evangelien meint er Spuren eines solchen Erlösers zu finden, auch wenn diese nach seiner Auffassung schon früh entstellt worden seien.

Ein wichtiger Teil des Artikels behandelt Nietzsches Vergleich von Christentum und Buddhismus. Zunächst stellt Nietzsche beide Religionen scharf gegeneinander. Den Buddhismus beurteilt er deutlich positiver, weil er aus seiner Sicht realistischer, kälter und ehrlicher mit der Wirklichkeit umgeht. Das Christentum erscheint ihm dagegen als lebensfeindlich und moralisch belastet. Doch Zaborowski zeigt, dass Nietzsche diese Gegenüberstellung später selbst verändert. Denn er entdeckt im ursprünglichen Evangelium Züge, die er selbst eher mit dem Buddhismus verbindet: Schuld und Strafe treten zurück, und die frohe Botschaft erscheint als Weg zu einem wirklichen Glück auf Erden.

Besonders wichtig ist die Deutung Jesu. Nietzsche sieht in Jesus keinen Vertreter der späteren Kirche, sondern eine Gestalt, die sich gegen religiöse Macht, gegen Priesterherrschaft und gegen moralische Verfestigungen richtet. Jesus erscheint ihm als Gegner der herrschenden Ordnung und als Verkünder einer freien, nicht von Ressentiment bestimmten Lebensform. Der Artikel betont dabei, dass Nietzsche Jesus zugleich sehr eigenwillig liest. Er legt in diese Figur Elemente seines eigenen Denkens hinein. Jesus wird so zu einem freien Geist, zu einer Gestalt jenseits fester Lehren, Dogmen und Institutionen.

Zaborowski arbeitet heraus, dass Nietzsche darin stark von Tolstoi beeinflusst war. In dessen Jesusdeutung fand er einen Jesus gegen Kirche und Dogma. Dadurch rückten für Nietzsche die frohe Botschaft Jesu und seine eigene Idee der fröhlichen Wissenschaft eng zusammen. Jesus wurde für ihn zu einer Figur, in der sich Freiheit, Gewaltlosigkeit und Ressentimentlosigkeit zeigen. Nietzsche bewundert an Jesus besonders, dass er dem Bösen nicht mit Gegenwehr, Zorn oder Vergeltung begegnet, sondern mit Liebe und Leidensbereitschaft.

Von hier aus erklärt der Artikel Nietzsches scharfe Kritik an Paulus. Für Nietzsche ist Paulus der eigentliche Verfälscher des Evangeliums. Während Jesus für eine Lebenspraxis der Freiheit, der Liebe und der Gewaltlosigkeit stehe, habe Paulus daraus eine Lehre des Ressentiments, der Schuld, der Rache und des Dogmas gemacht. Mit Paulus beginne nach Nietzsche die eigentliche Geschichte des Christentums als Verfälschung Jesu. Darum erscheint Paulus als Gegenfigur zum frohen Botschafter Jesus.

Der Artikel zeigt dann den zentralen Gedanken Nietzsches, dass Jesus selbst der einzige Christ gewesen sei. Alles, was später Christentum genannt wurde, sei in Wahrheit antichristlich geworden. Darum richte sich der Antichrist nach Zaborowskis Deutung letztlich nicht gegen Jesus, sondern gegen die Christen und gegen das, was aus Jesus gemacht wurde. Der eigentliche Gegner Nietzsches ist die kirchliche und kulturelle Gestalt des Christentums, nicht unbedingt der Jesus der Evangelien.

Am Ende deutet der Artikel Nietzsches Antichrist deshalb nicht nur als Angriff, sondern auch als indirektes Zeugnis einer existenziellen Nähe zu Jesus. Zaborowski fragt, ob sich in Nietzsches heftiger Polemik nicht zugleich eine tiefe Sehnsucht nach Erlösung, nach Heil und nach dem Gott Jesu zeigt. Das Buch könne daher sogar als ein in verborgenem Sinn christliches Buch gelesen werden, weil es von einer tiefen inneren Auseinandersetzung mit Jesus geprägt ist. Nietzsche wird so als Denker sichtbar, der das Christentum verwirft, mit Jesus aber nie ganz fertig wird.

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