Im alttestamentlichen Grundsatzbeitrag von Ralf Rothenbusch wird deutlich gemacht, dass Wunder im Alten Testament keine isolierten Sensationsereignisse sind, sondern integraler Bestandteil des Handelns Gottes an Israel. Sie erscheinen häufig als „Zeichen“ und „Wahrzeichen“, die auf Gottes rettendes, befreiendes und treues Handeln verweisen. Besonders die Exodusüberlieferung wird als Ursprungserzählung Israels herausgestellt, in der Wunder Ausdruck einer grundlegenden Rettungserfahrung sind. Die Wunder dienen weniger der Demonstration göttlicher Allmacht als vielmehr der Stiftung von Vertrauen, Hoffnung und Identität. Ein historisierendes oder naturwissenschaftlich verkürztes Wunderverständnis greift daher zu kurz und verstellt den Blick auf die theologische Tiefe der Texte.
Konrad Huber entfaltet diese Perspektive für das Neue Testament, indem er Jesu Wunder konsequent als Erzählungen ernst nimmt. Die Evangelien berichten nicht direkt über „die Wunder selbst“, sondern über erzählte Erinnerungen, die Staunen hervorrufen und Sinn erschließen wollen. Wundererzählungen stellen das Unfassbare im Modus realistischer Erzählweise dar und erzeugen gerade dadurch Irritation. Im Zentrum stehen Situationen existenzieller Not, das vertrauensvolle Sich-Einlassen der Betroffenen sowie Jesu heilende Nähe, die sich nicht nur im machtvollen Wort, sondern auch in Gesten, Berührung und Zuwendung ausdrückt. Wunder erscheinen als Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes und machen Gottes heilvolle Gegenwart konkret erfahrbar.
Alexander Loichinger fragt aus systematisch-theologischer Perspektive, wie Wunder heute überhaupt noch gedacht werden können. Er zeigt die Spannung zwischen einem naturwissenschaftlich geschlossenen Weltbild und der religiösen Rede von Gottes Wirken auf. Weder ein naiver Wunderglaube noch eine vollständige Rationalisierung wird als angemessen betrachtet. Stattdessen plädiert er für ein Wunderverständnis, das nicht punktuell eingreifendes Gotteshandeln sucht, sondern die Erfahrung von Sinn, Hoffnung und Unterbrechung alltäglicher Selbstverständlichkeiten in den Blick nimmt. Wunder werden so zu Deutungsereignissen, die Wirklichkeit neu lesen lassen.
Eckhard Türk grenzt dieses Verständnis kritisch von esoterischen Wunderkonzepten ab. Während esoterische Deutungen häufig auf Selbstoptimierung, Machbarkeit und spirituelle Technik setzen, betont das christliche Wunderverständnis die Unverfügbarkeit Gottes. Wunder lassen sich weder erzwingen noch instrumentalisieren, sondern ereignen sich als Geschenk und bleiben dem freien Handeln Gottes vorbehalten. Diese Differenz ist für den Religionsunterricht besonders wichtig, da Schülerinnen und Schüler häufig mit esoterischen Vorstellungen von „Wunderkraft“ oder „positivem Denken“ vertraut sind.
Der Praxisteil des Heftes übersetzt diese theologischen Einsichten in konkrete Unterrichtsanregungen. Vorgestellt werden unter anderem Zugänge zu klassischen biblischen Wundergeschichten wie der Heilung des blinden Bartimäus, kreative Zugänge über Musik (etwa Whitney Houstons Song When You Believe), apokryphe Texte zur Jungfrauengeburt sowie Unterrichtsideen, die zwischen Skepsis und Glauben vermitteln. Ziel ist es, Wunder nicht apologetisch zu verteidigen, sondern sie als erzählerische, symbolisch dichte und existenziell relevante Texte zu erschließen.
Insgesamt versteht sich das Heft als Einladung, im Religionsunterricht einen reflektierten, offenen und dialogfähigen Umgang mit Wundern zu pflegen. Für Lehrkräfte bietet es eine theologisch fundierte Orientierung, die es ermöglicht, Wunder als Ausdruck von Staunen, Hoffnung und Gottesnähe zu thematisieren, ohne sie gegen moderne Weltbilder ausspielen zu müssen.