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Eulenfisch

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Judith – Retterin ihres Volkes

Veröffentlichung:1.1.2015

Der Fachartikel „Judith – Retterin ihres Volkes“ von Jutta Kähler ist nach dem vorliegenden Auszug im Themenheft „Rückkehr der Helden?“ der Zeitschrift Eulenfisch enthalten. Der Artikel umfasst etwa 5 Seiten, nämlich S. 57 bis 61. Er behandelt die Frage, ob Judith als Heldin bezeichnet werden kann, und zeigt, dass ihre Gestalt zwischen Bewunderung und Befremden steht. Theologisch geht es vor allem um die Probleme von Gottes Handeln in der Geschichte, Gewalt im Dienst der Rettung, die Erwählung einer scheinbar schwachen Frau, das Verhältnis von Frömmigkeit und List sowie um die Frage, ob und wie göttlicher Wille mit einer gewaltsamen Rettungstat zusammen gedacht werden kann.

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Der Artikel nähert sich der biblischen Figur Judith über die Frage an, was überhaupt eine Heldin ist. Dabei zeigt die Autorin zunächst, dass der Heldenbegriff unscharf geworden ist. In der Lebenswelt vieler Lernender vermischen sich Heldinnen, Stars, Idole und Vorbilder. Gerade deshalb kann die Begegnung mit Judith produktiv sein, weil sie keine einfache Identifikationsfigur ist, sondern eine fremde und zugleich faszinierende Gestalt. Die Autorin macht deutlich, dass sich Judith nur dann angemessen verstehen lässt, wenn ihre Ambivalenz ernst genommen wird.

Zur Einführung werden Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte herangezogen. Bei Friedrich Hebbel und Heinrich Heine erscheint Judith als zugleich schöne, anziehende und unheimliche Frau. Ihre Tat löst Bewunderung ebenso aus wie Schrecken. Demgegenüber hebt Christine de Pizan Judith als fromme, keusche und hochherzige Witwe hervor, die von Gott zu einer mutigen Tat inspiriert wird, um ihr Volk zu retten. Schon an diesen Deutungen zeigt sich, dass Judith nicht eindeutig festgelegt werden kann. Sie ist weder nur tugendhafte Retterin noch nur grausame Täterin.

Im Mittelpunkt steht dann das Buch Judith selbst, das wahrscheinlich an der Wende vom zweiten zum ersten Jahrhundert vor Christus in Palästina entstanden ist. Die Handlung spielt in einer extremen Bedrohungssituation. Bethulia ist von den Truppen des Holofernes belagert, das Volk leidet unter Wassermangel und Mutlosigkeit. Holofernes handelt im Auftrag Nebukadnezars, der göttliche Verehrung verlangt. Judith tritt in dieser Lage als schöne, fromme und verwitwete Frau auf, die ganz auf Gott vertraut. Ihre Entschlossenheit gründet nicht auf eigener Stärke, sondern auf der Überzeugung, dass Gott den Schwachen beisteht und menschliche Übermacht zu Fall bringen kann.

Judith plant eine außergewöhnliche Tat, die sie selbst als Rettung für ihr Volk versteht. Sie legt die Kleidung der Trauer ab, schmückt sich und nutzt bewusst ihre Schönheit, um in das feindliche Lager zu gelangen. Darin sieht die Autorin eine Verbindung von Gottesfurcht, Klugheit und List. Judith handelt nicht einfach spontan, sondern überlegt und strategisch. Offen bleibt dabei, ob sie von Anfang an den Mord an Holofernes beabsichtigt oder ob ihr Weg zunächst eher einem riskanten Opfergang gleicht. Gerade diese Leerstelle macht die Figur spannend und fordert zur Deutung heraus.

Die Tötung des Holofernes beendet die Notlage. Judith erschlägt den wehrlosen und betrunkenen Feldherrn mit seinem eigenen Schwert. Diese Szene ist verstörend, weil hier eine Frau nicht als Opfer, sondern als handelndes Subjekt von Gewalt erscheint. Dadurch wird sie zu einer Grenzfigur. Einerseits rettet sie ihr Volk, andererseits geschieht dies durch eine kalkulierte Gewalttat. Die Autorin fragt deshalb, ob Judith gerade wegen dieser Tat Heldin genannt werden kann oder ob der Begriff der Heldin hier fragwürdig wird.

Ein wichtiger Vergleich wird mit David gezogen. Wie David den scheinbar übermächtigen Goliath besiegt, so überwindet Judith den mächtigen Holofernes. In beiden Fällen siegt nicht körperliche Stärke, sondern eine von Gott ermöglichte Schwäche über Übermacht. Doch der Vergleich zeigt auch einen Unterschied. David tötet aus der Distanz mit der Schleuder, Judith dagegen tötet den schlafenden Feind aus nächster Nähe. Dadurch wirkt ihre Tat noch provokativer. Gerade diese Nähe zur Gewalt verstärkt die Ambivalenz ihrer Gestalt.

Die Autorin deutet Judith deshalb nicht als einfache Heldin, sondern als Figur, an der sich grundlegende Fragen bündeln. Sie kann als Ikone weiblicher Freiheit, Stärke und Solidarität gelesen werden, weil sie die männliche Illusion von Überlegenheit durchkreuzt. Zugleich bleibt ihre Tat moralisch und theologisch problematisch. Die Bewunderung für ihren Mut lässt sich nicht von dem Erschrecken über ihre Gewalt trennen. Diese Spannung gehört wesentlich zu ihrer Wirkungsgeschichte.

Ein weiterer Teil des Artikels widmet sich der Bildtradition. An ausgewählten Gemälden von Horace Vernet, Artemisia Gentileschi, Peter Paul Rubens und Sandro Botticelli zeigt die Autorin, wie unterschiedlich Judith dargestellt worden ist. Mal steht der Moment vor der Tat im Vordergrund, mal die grausame Durchführung, mal die Rückkehr nach Bethulia. In den Bildern begegnet Judith als schöne, starke, unberührte, entschlossene oder rätselhafte Frau. Die Kunstgeschichte verstärkt damit noch einmal die Spannweite zwischen Frömmigkeit, Erotik, Gewalt und Macht.

Am Ende betont die Autorin die didaktische Bedeutung des Stoffes für den Religionsunterricht. Die Auseinandersetzung mit Judith eröffnet die Möglichkeit, Wahrnehmung, Urteilsbildung und Deutungskompetenz miteinander zu verbinden. Lernende können eigene Vorstellungen von Heldinnen prüfen, korrigieren und erweitern. Dabei sollen die Mehrdeutigkeiten des Textes nicht vorschnell aufgelöst werden. Gerade die offenen Fragen machen die Figur produktiv. Dazu gehören besonders die Fragen, ob Gewalt durch Gewalt besiegt werden darf, ob eine solche Tat Gottes Willen entsprechen kann und ob es heute noch Heldinnen wie Judith braucht. Der Artikel plädiert dafür, Judith nicht zu vereindeutigen, sondern ihre Ambivalenz auszuhalten und als Anlass für theologisches und ethisches Nachdenken zu nutzen.

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