Welche Faktoren beeinflussen die wahrgenommene Wirksamkeit des Religionsunterrichts – und tragen sie zu Bildungsungleichheit bei? Diese zentrale Frage untersucht der vorliegende Artikel vor dem theoretischen Hintergrund von Pierre Bourdieus Kapitaltheorie. Auf Basis der Daten der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) aus dem Herbst 2022 zeigt eine multiple lineare Regressionsanalyse, dass ein „religiöses Kapital" – verstanden als Konfessionszugehörigkeit, religiöse Kindheitserfahrungen und kirchliche Religiosität – einen signifikanten Einflussfaktor darstellt.
Die Brisanz dieser Befunde liegt in einer gesellschaftlichen Realität begründet, die sich grundlegend gewandelt hat: Längst besuchen nicht allein konfessionsgebundene Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht. Vielmehr wächst kontinuierlich die Gruppe der nicht-religiös sozialisierten Kinder und Konfessionslosen. Diese Entwicklung verweist auf ein bildungspolitisches Gerechtigkeitsproblem: Wenn religiöses Kapital die Wirksamkeit des Unterrichts bestimmt, entstehen systematische Nachteile für jene Lernenden, deren Sozialisation religiös wenig geprägt ist – obwohl sie in einer pluralen Migrationsgesellschaft ebenfalls handlungs- und urteilsfähig sein müssen, etwa in Situationen interreligiöser Begegnungen.
Der Artikel trägt damit zu einem noch unterentwickelten Forschungsfeld bei: der eigenständigen Analyse von Bildungsungleichheit im Religionsunterricht. Während die Erziehungswissenschaft längst Benachteiligungsmechanismen in anderen Fächern dokumentiert, fehlt es an spezialisierten religionspädagogischen Studien, die die besonderen Bedingungen religiösen Lernens berücksichtigen. Das Desiderat ist umso dringlicher, als religiöse Bildung in theologischer Perspektive als Grundrecht und als Beitrag zur Kultivierung der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen verstanden wird – unabhängig von individuellen Voraussetzungen. Die Studie verbindet dabei soziologische mit religionspädagogischen Perspektiven und eröffnet neue Ansatzpunkte, um ungleichheitsverstärkende Aspekte im Religionsunterricht zu identifizieren und zu bearbeiten.