Der Artikel entfaltet Grundlinien einer alttestamentlichen Tierethik und zeigt, dass das Alte Testament keine geschlossene Ethik bietet, sondern unterschiedliche ethische Vorstellungen enthält, die rekonstruiert werden müssen. Dies gilt auch für die Frage, wie Tiere im biblischen Denken verstanden werden. Schon in der Urgeschichte der Genesis werden grundlegende Haltungen zur Tierwelt sichtbar. Im ersten Schöpfungsbericht werden Tiere ausführlich beschrieben und den Bereichen Himmel, Wasser und Erde zugeordnet. Sie werden nicht eigens für den Menschen geschaffen, sondern erscheinen als eigenständige Geschöpfe im Gegenüber zu Gott. Zugleich wird deutlich, dass Mensch und Landtiere am selben Tag erschaffen werden, was ihre enge Verwandtschaft unterstreicht. Beide sind lebendige Wesen mit Seele und Lebenskraft.
Besondere Bedeutung erhält der Herrschaftsauftrag an den Menschen in Genesis 1. Der Artikel betont, dass dieser Auftrag oft falsch als Freibrief zur Ausbeutung verstanden worden sei. Das hebräische Denken meine jedoch keine gewaltsame Herrschaft, sondern verantwortliche Fürsorge. Der Mensch ist als Ebenbild Gottes nicht Zerstörer, sondern Treuhänder, Gärtner und Hirte der Schöpfung. Auch die Nahrungsvorschriften in der Schöpfungserzählung weisen zunächst auf ein Friedensideal hin, denn sowohl Menschen als auch Tiere erhalten pflanzliche Nahrung. Erst nach der Sintflut wird das Töten von Tieren zu Ernährungszwecken erlaubt, zugleich aber durch das Blutverbot begrenzt. Damit wird sichtbar, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Tier gestört ist. Dennoch bleibt die Verbundenheit bestehen, weil Gott seinen Bund nach der Flut nicht nur mit dem Menschen, sondern auch mit den Tieren schließt.
Auch die zweite Schöpfungserzählung betont die enge Verwandtschaft von Mensch und Tier, da beide aus demselben Ackerboden geformt sind. Die Benennung der Tiere durch den Menschen kann als Ausdruck von Macht verstanden werden, zugleich aber auch als Beziehungsgeschehen, in dem Nähe und Vertrautheit sichtbar werden.
Besonders deutlich tritt eine alttestamentliche Tierethik in den Rechtstexten hervor. Dort erscheinen Tiere sowohl als Rechtsobjekte als auch als Rechtssubjekte. Manche Regelungen betreffen Eigentumsfragen, andere schützen Tiere unmittelbar. Die Speisegesetze begrenzen den Zugriff des Menschen auf die Tierwelt, indem sie zwischen reinen und unreinen Tieren unterscheiden. Auch wenn diese Vorschriften nicht den Fleischkonsum insgesamt einschränken, können sie in moderner Deutung als Beitrag zum Schutz bestimmter Tierarten gelesen werden.
Weitere Gesetze zeigen Ansätze eines Tierschutzes. Tiere werden in den Sabbatgeboten neben Menschen, Fremden und Sklaven genannt. Auch Arbeitstiere sollen ruhen. Dadurch werden Tiere in die göttliche Ordnung der Gerechtigkeit einbezogen. Im Sabbatjahr profitieren sogar die Tiere des Feldes von der Ruhe des Landes und vom Ertrag, der nicht wirtschaftlich ausgeschöpft wird. Hier zeigt sich ein Denken, das auch Besitzlose und Schwache im Blick hat.
Mehrere Rechtstexte fordern konkrete Hilfe gegenüber Tieren. Verirrte Tiere müssen zurückgebracht werden. Zusammengebrochene Lasttiere dürfen nicht liegen gelassen werden, sondern es muss ihnen geholfen werden. Solche Regelungen stärken nicht nur die Beziehung zwischen Menschen, sondern zeigen auch Verantwortung für das leidende Tier. Weitere Vorschriften schützen die körperliche Unversehrtheit von Tieren, etwa das Verbot der Kastration bei Nutztieren oder das Verbot, einem dreschenden Rind das Maul zuzubinden. Hier wird dem Tier ein Anteil an der Frucht seiner Arbeit zugesprochen. Das ist eine echte Schutzbestimmung zugunsten des Tieres.
Eine besondere ethische Tiefe zeigt das Verbot, ein Ziegenjunges in der Milch seiner Mutter zu kochen. Der Artikel deutet dieses Gebot als Ausdruck von Ehrfurcht vor der Einheit von Muttertier und Jungem sowie vor der Ordnung des Lebens. Die Milch steht für Leben und Fürsorge und darf deshalb nicht mit dem Tod des Jungtiers verbunden werden. Der Text schützt also nicht nur ein Tier, sondern achtet eine grundlegende Ordnung des Lebens.
Auch in Erzähltexten finden sich tierethische Impulse. Als besonders wichtig wird die Geschichte von Bileams Eselin beschrieben. Die Eselin erkennt den Engel Gottes, während der Prophet blind bleibt. Obwohl sie ihren Reiter rettet, wird sie von ihm geschlagen. Erst als Gott ihr den Mund öffnet, wird das Unrecht offenbar. Die Erzählung zeigt das Tier als eigenständiges, wahrnehmendes und sogar religiös sensibles Wesen. Die Gewalt gegen das Tier wird klar verurteilt. Der Text wird so zu einem Appell gegen Tiergewalt und für Empathie.
Abschließend verweist der Artikel auf weitere Texte des Alten Testaments, in denen die Gemeinsamkeit von Mensch und Tier deutlich wird. Kohelet erinnert daran, dass Menschen ebenso sterblich sind wie Tiere. Psalm 104 schildert Mensch und Tier als gleichberechtigte Geschöpfe in Gottes Schöpfung. Insgesamt kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass Tiere im Alten Testament als Geschöpfe eigener Würde, eigenen Rechts und eigener Gottesbeziehung erscheinen. Daraus ergibt sich die Pflicht des Menschen, ihr Wohl verantwortungsvoll zu achten. Die Anerkennung der Mitgeschöpflichkeit von Mensch und Tier wird als entscheidender Ausgangspunkt einer biblisch orientierten Tierethik verstanden.