Navid Kermani beginnt mit einer sehr persönlichen Erfahrung. Er schildert einen Fernsehabend, an dem Berichte über ertrunkene Geflüchtete im Mittelmeer gezeigt werden. Besonders eindrücklich sind für ihn die Bilder eines toten Säuglings und die Verzweiflung eines syrischen Vaters, der seinen Sohn verloren hat. Außerdem beschreibt er Szenen der Seenotrettung, in denen deutlich wird, dass viele Menschen ohne Hilfe sterben würden. Diese Bilder lösen bei ihm ein mulmiges Gefühl aus.
Genau dieses Gefühl macht für Kermani den entscheidenden Unterschied zwischen gewöhnlichen Menschen und Rupert Neudeck aus. Viele Menschen empfinden Mitgefühl, halten das Leid aber nur aus, ohne ihr Leben grundsätzlich zu ändern. Sie spenden vielleicht Geld, engagieren sich begrenzt oder unterstützen Hilfsinitiativen, doch meistens kehren sie danach in ihren Alltag zurück. Kermani beschreibt dies als eine Form des Aushaltens. Man lässt das Leid an sich heran, aber nur so weit, dass das eigene Leben weitergehen kann.
Der Autor betont, dass Mitgefühl eigentlich der natürliche menschliche Impuls ist. Gnadenlosigkeit ist für ihn nicht das Ursprüngliche, sondern etwas, das Menschen sich im Lauf des Lebens angewöhnen. Ohne diese innere Distanzierung könnten sie das viele Leid der Welt kaum ertragen. Dennoch bleibt das Mitgefühl bestehen, vor allem angesichts leidender Kinder. Für Kermani zeigt sich darin, dass Barmherzigkeit tief im Menschen angelegt ist.
Rupert Neudeck hebt sich für ihn dadurch ab, dass er nicht nur fühlte, sondern handelte. Als Neudeck 1979 die Bilder flüchtender Vietnamesen sah, hörte er auf sein Gefühl und begann mit der Rettungsaktion der Cap Anamur. Daraus entstand ein außergewöhnliches humanitäres Lebenswerk. Kermani erinnert daran, dass Neudeck zusammen mit seiner Frau Christel und vielen Mitstreitenden tausende Menschen rettete und später auch in anderen Krisengebieten half, etwa in Angola, Sarajewo, Afghanistan, Syrien und im Irak.
Der Autor stellt heraus, dass ein Leben für andere heute oft ungewöhnlich wirkt, weil Selbstverwirklichung als besonders wichtig gilt. Umso bemerkenswerter erscheint ihm Neudecks Haltung. Dieser verstand sein Engagement nicht als Last, sondern als etwas Selbstverständliches, Schönes und sogar Freudiges. Nach seiner Auffassung ist es anstrengender, böse und hart zu sein, als freundlich zu handeln. Kermani greift diesen Gedanken auf und erklärt, dass gute Taten auch dem Helfenden selbst guttun.
Daran anschließend kritisiert er politische Stimmen, die angesichts des Leids vor allem Härte fordern. Solche Menschen wirken auf ihn verbittert und innerlich verformt. Für Kermani widerspricht diese Haltung nicht nur dem Christentum, sondern auch den kulturellen Traditionen Europas. Er sieht in Gastfreundschaft, Großmut und Barmherzigkeit zentrale Werte der Religion und der Kultur.
Gleichzeitig erkennt der Autor an, dass menschliche Möglichkeiten begrenzt sind. Nicht jeder kann jedem helfen. Auch Religionen verlangen nicht die völlige Selbstaufgabe, sondern einen begrenzten Anteil an Fürsorge und Hilfe. Kermani verweist dazu auf den Koran, nach dem Gott keiner Seele mehr auferlegt, als sie tragen kann. Dennoch folgert er, dass eine Gesellschaft auf einzelne Menschen angewiesen ist, die mehr tragen als andere. Ohne solche Menschen würde angesichts des Leids in der Welt zu wenig geschehen.
Im vorliegenden Auszug läuft der Text auf die Einsicht hinaus, dass es immer Menschen braucht, die über das gewöhnliche Maß hinaus Verantwortung übernehmen. Rupert Neudeck erscheint dabei als Beispiel einer solchen außergewöhnlichen Persönlichkeit. Er steht für eine gelebte Barmherzigkeit, die nicht bei Betroffenheit stehen bleibt, sondern praktische Hilfe leistet.