Der Autor plädiert für eine gendersensible Bibelexegese, die androzentristische Engführungen der Textinterpretation aufbricht. Anhand mehrerer Beispiele zeigt er, wie feministische Forschung zu einer umfassenderen Textwahrnehmung führt: Bei den Patriarchenerzählungen der Genesis wurden starke weibliche Figuren lange Zeit als bloße „Staffage" missachtet, obwohl sie fast in jedem zweiten Text präsent sind. Diese Erkenntnis führte zur terminologischen Umbennung von „Vätererzählungen" zu „Erzeltern" in der Neuen Einheitsübersetzung. Ein zweites Beispiel betrifft Frauen, die am Offenbarungszelt ihren Dienst versehen (Ex 38,8; 1 Sam 2,22). Die traditionelle Exegese hat diese Frauen räumlich vom Zelt entfernt und ihren kultischen Dienst unsichtbar gemacht – ein klassischer Genderbias, der bei männlichen Priestern niemals praktiziert wurde.
Drittens wird Gen 1,26-28 neu interpretiert: Die Formulierung „männlich und weiblich schuf er sie" ist keine Normativität heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit, sondern beschreibt nur die Pole einer Schöpfung, die alle geschlechtlichen Variationen einschließt. Schließlich wird die problematische Übersetzung von „saris" als „Eunuch" hinterfragt, eine Begrifflichkeit, die durch spätere patristisch-theologische Konzepte anachronistisch zurückprojiziert wurde. Der Autor verdeutlicht, dass „Ausloten der Texte" zu grundlegend anderen theologischen Verständnissen führt.